Staatsschauspiel Dresden: Die lebenden Toten

Okay so, oder noch mehr Blut? @Matthias Horn

Aufführungsbericht: Wie ungerecht ist die Welt! Insgesamt nur dreimal sollte das neue Stück von Theaterautor Christian Lollike in Dresden gezeigt werden. Durch einen Unfall im Ensemble entfiel eine Vorstellung: Auf die Premiere folgte die letzte Aufführung. Pures Glück, sich für den richtigen Termin entschieden zu haben. „Die lebenden Toten“ ist eine schamlose und bitterböse Verschmelzung von Horrorfilm-Farce und Flüchtlingskrise. Spektakulär in Szene gesetzt hat es Regisseur Tilmann Köhler.

Irgendwo an einem europäischen Strand will ein kleines Filmteam einen neuen Horrorstreifen drehen. Die erste Filmversion läuft im Video über die Bühne. Handkamera und Waldkulisse, fertig ist die Anspielung auf Blair Witch Project. Der dämliche Dialog macht das Ganze zum Schreien komisch. Das Filmteam aus drei Personen (Antje Trautmann, André Kaczmarczyk und Kilian Land) ist nicht zufrieden. Wovor soll die Filmfigur Angst haben? Dem Vampir? Nein, sagt der Schauspieler, eigentlich habe er Angst vor den Millionen von Flüchtlingen. Von Schwarzen. Eine Lawine aus Diskussionen bricht los. Immerhin stecken hinter der „Flut“, den Millionen von Flüchtlingen, Millionen Einzelschicksale. Doch reicht der Gedanke kaum, um die Menschen noch zu Mitgefühl zu bewegen.

Das liegt auch daran, dass der Nachrichtenkonsument oft genug schon mit dem eigenen Leben nahe der Überforderung steht. Regisseur Köhler lässt zu, dass hin und wieder alle drei Schauspieler durcheinander reden, um den Zuschauer intensiv mit der medialen Überforderung zu konfrontieren. Dazu kommt der Alltag, der die Aufmerksamkeit der Menschen auffrisst. Der Privatkram und die Lust am Konsumieren, die für einige schon zum Lebensinhalt geworden ist. Wer sollen gleich nochmal die Zombies sein? Warum die Flüchtlinge? Sind es nicht wir? Wir in der Konkurrenz gegen Arbeiter auf der ganzen Welt dank Globalisierung. – Immer wieder wendet sich die Stimmung vom unbedingten Rettungswillen zu Abwehr aus Angst oder Hass. Ohne jede Ironie trägt einer der Schauspieler die Pegida-Gesinnung vor. Gleichberechtigt bleibt sie stehen neben der Forderung nach Mitleid.

Recht furchtsame Retter der Menschlichkeit stellen sich dem Vampir Fremdenhass – Ausgang unglücklich. @Matthias Horn

Einer der Schauspieler erzählt, wie er im Arbeitsamt sitzt und ein motivationsloser Sachbearbeiter ihm erzählt, dass er wahlweise Reinigungskraft oder Tellerwäscher werden könne. Der Schauspieler empört sich: Was ist mit seiner Ausbildung, seiner Kreativität und seinem Wunsch nach Selbstverwirklichung? Die Frau im Filmteam hält dagegen: Auf den Booten, da sitzen Tausende von Schauspielern, die genau das Gleiche wollen. Selbstverwirklichung. Aufgenommen werden. Zuerst in der Rolle des Flüchtlings, später als Bürger mit gleichen Chancen wie alle anderen auch. Als der Dritte im Team den ersten Schauspieler fragt, ob er den Job als Tellerwäscher bekommen hätte, verneint der kleinlaut. Ein Eritreer sei fleißiger gewesen.

Immer wieder gibt es die wahnwitzigen Einsprengsel der übersteigerten, Sensation heischenden Horrorfilmwelt. Die Konstellation treibt das Thema auf die Spitze. Die drei Schauspieler denken zum einen darüber nach, wie sie sich als normale Menschen, als Teil der Gesellschaft und der Arbeitswelt in der Flüchtlingsfrage verhalten sollen. Welche Position ist die richtige, anständige, die beste für mich? Gibt es überhaupt eine, die alles vereint – oder ist die Antwort so zersplittert wie die eigene Person? Die Aporie, die ausweglose Gleichberechtigung gegensätzlicher Argumente, wird nicht aufgelöst zugunsten irgendeiner Position. Das ist großartig.

Bitte recht Zombie! @Matthias Horn

Zum anderen sind es Filmschaffende, die das Thema für den größten Profit ausschlachten wollen. Auch das kommt immer wieder zum Tragen und sorgt für schwarzen Humor der makabersten Sorte.

Fazit: Dieses Stück hätte sein Publikum gefunden. Es ist aktuell, hat Tiefgang, Fairness und keine Angst davor, politisch inkorrekt zu sein. Gegenüber dem Publikum war es wirklich ungerecht, das Stück auf derart kurze Zeit zu begrenzen, denn es war so intelligent wie lustvoll schwarzhumorig. Und weil es nicht mehr auf der Bühne kommt, gibt es hier wenigstens das Video zum Stück.

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