Im Staatsschauspiel Dresden: Das große Heft

Aufführungsbericht: Ulrich Rasche hat seine Masche gefunden: eine Masse Menschen, die im Chor den Text vortragen und dabei auf rotierender Scheibe gehen, das Ganze in Schwarzweiß-Optik. Egal, ob dabei das knapp 200 Jahre alte Drama „Woyzeck“ auf die Bühne kommt, mit dem er 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war – oder nun der mit 30 Jahren noch frische Roman „Das große Heft“. Für diese Inszenierung gab es den Sächsischen Theaterpreis 2018, auch wenn Wikipedia davon nichts weiß.

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Die zweite Scheibe ist anfangs nicht da. © Sebastian Hoppe

„Woyzeck“ wurde dazumal aufgezeichnet und von 3sat übertragen. Die Optik war neu, ja. Aber die zweistündige Inszenierung hatte deutliche Längen, zumindest für den Fernsehzuschauer. Wie besteht das gleich gestrickte Stück „Das große Heft“?

Es beginnt, wie man das von Rasche kennt: Eine monumentale Drehscheibe steht auf der Bühne. Viel mehr Bühnenbild gibt es nicht, auf Requisiten wird ebenfalls verzichtet. Die vier am Rande platzierten Musiker fangen an, die eigens komponierte Musik zu spielen. Im Theaternebel steigen die ersten beiden Schauspieler auf die Drehscheibe.

Insgesamt stehen 16 junge Schauspieler an diesem Abend auf der Bühne. Sie sprechen mal paarweise, mal alle zusammen, Gruppen gegeneinander, allein. Auf- und abgehen, aus der Gruppe heraus- und wieder hineintreten, von einer zu zwei Drehscheiben wechseln. Das ist das komplette Bühnengeschehen des Abends, von einem kurzen und kaum nötigen Ausflug zum Video einmal abgesehen. Mit einer Pause dauert die Inszenierung über dreieinhalb Stunden. Und sie langweilt keine Minute.

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Anfangs nur zu zweit auf der riesengroßen Bühne. Pullover und Schuhe haben sie nicht mehr lange. © Sebastian Hoppe

Darum geht es: Es ist Krieg und in der Stadt grassiert der Hunger. Eine Mutter schickt ihre Zwillingssöhne zur Großmutter aufs Land. Dort, wo es Essen gibt und keine Bomben fallen. Die Jungen merken schnell, dass der Trennungsschmerz nicht das Schlimmste ist, das sie künftig ertragen müssen. Wollen sie etwas zu essen bekommen und im Haus schlafen, müssen sie arbeiten. Anstrengende Arbeit im Garten und dem Wald. Die Großmutter beschimpft und schlägt sie trotzdem, grundlos. Es gibt keine Möglichkeit, sich oder die schnell zerschlissene Kleidung zu waschen. Von der Dorfbevölkerung werden sie deshalb ebenfalls beschimpft und gemieden. Die etwa zehnjährigen Jungen reagieren auf spezielle Weise auf die Härte der Welt. Sie beschimpfen und schlagen einander, bis sie so abgestumpft sind, dass es ihnen nichts mehr ausmacht. So überleben sie die Jahre im Krieg, begegnen Kriegsgreueln und sexueller Gewalt.  Nach Kriegsende entscheiden sie, bei der Großmutter zu bleiben, auch wenn sich eine Möglichkeit bot, ins alte beschützte Leben zurückzukehren.

Die 16 Schauspieler sprühen vor Energie. Allein über ihre Mimik, das Sprechen und die Haltung beim Gehen vermitteln sie die Gefühle der beiden Jungen. Deshalb ist es gut, im Parkett vorn zu sitzen, um all das sehen zu können. Allerdings vergisst man beim Anblick der Schauspieler schnell, dass sie Zehnjährige mimen, dass all das nicht jungen Männern, sondern Kindern widerfährt. Mitgefühl kommt daher nicht wirklich auf, zumal sich die Gefühlspalette schnell auf Wut und Kälte reduziert. Stattdessen setzt Rasche auf eine Art der Inszenierung, die gerade aus der Ästhetik der Militärparaden entstammt: Junge, gedrillte Männer im Gleichschritt. Für einen Text, der implizit, aber deutlich gegen den Krieg plädiert, ein seltsamer Widerspruch.

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Nicht nur an der Kleidung sieht man die Entwicklung der Figuren, sondern auch an der Haltung. © Sebastian Hoppe

Fazit: Dem „großen Heft“ gelingt das, was „Erniedrigte und Beleidigte“ anstrebte: Es ist ein Gesamtkunstwerk. Die Musik wird nicht einmal dann kitschig oder pathetisch, wenn sie Mozarts Requiem aufgreift. Zusammen mit der Rhythmik entwickelt sie einen Sog, dem das Erzählte sich unterordnet – trotz der erschütternden Grausamkeiten, von denen es handelt. Der Stoff verkümmert zur bloßen Folie, und doch entwickelt das Stück eine monumentale Wucht.

Tipp: Wer vorn sitzt, sollte nicht auf die kostenlos ausliegenden Ohrstöpsel verzichten.

Geschrieben von Katrin Mai

Falls jemand im Parkett hinten oder im Rang gesessen hat, möge er kundtun, welchen Eindruck das Stück von dort aus erzielt.

Quellen:

Staatsschauspiel Dresden, Seite zu Das große Heft

Wikipedia zu Ulrich Rasche. Wenig aufschlussreich, wenn man von wichtigen Auszeichnungen nur deshalb weiß, weil man sie live miterlebte.

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