Im Staatsschauspiel Dresden: Erniedrigte und Beleidigte

Aufführungsbericht: Es war der große Aufreger der letzten Spielzeit. Sebastian Hartmann, Schüler des berüchtigten Frank Castorf, brachte einen Dostojewski-Roman auf die Bühne. Eine Offenbarung für die einen, ein fürchterliches Ärgernis für die anderen. Was von beiden es ist es nun? Lohnen sich die knapp drei Stunden Sitzen ohne Pause?

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Das typische Gewusel mit dem Großteil des Ensembles © Sebastian Hoppe

Eine stringente Handlung fehlt. Nachvollziehbare Figuren, bei denen man mitfiebert und mitfühlt, auch. Trotzdem gibt es genug zu sehen und noch mehr auf die Ohren. Aus dem Dunkel der Bühne schreiten die Schauspieler nach vorn, einer Modenschau gleich. Spielt jeder Schauspieler nur eine Figur und wenn ja, welche? Über die drei Stunden des Abends findet der Zuschauer es langsam heraus; auch, wie die Figuren zueinander stehen. Schriftsteller Iwan, genannt Wanja, liebt Natascha, die aber liebt den Aljoscha, Sohn des Gutsbesitzers. Sein Vater Fürst Walkowski drängt ihn, lieber die reiche Katja zu heiraten. Aljoscha als weicher braver Sohn gehorcht, da Natascha sich selbstlos von ihm trennt. Dann irrt noch Nelly über die Bühne, uneheliche Tochter des Fürsten, verwaist und todkrank. Auf diesen Kern hat Dramaturg Jörg Bochow die Handlung des mehrere Hundert Seiten langen Romans zusammengeschmolzen.

Kostüme (wahre Augenweiden!) und das magere Bühnenbild sind in Schwarzweiß gehalten, ebenso das Gemälde, das nach und nach entsteht und viel zum Schauwert des Stückes beiträgt. Einen Farbtupfer gibt es nur, wenn Torsten Ranft oder Lukas Rüppel nackt über die Bühne laufen, was mehr als ausreichend geschieht. Man spricht ein paar der wichtigsten Sätze des Romans, wiederholt sie immer wieder, immer lauter. Schreit gegen die Musik an. Das alles kennt man von Castorf, doch hält es sich bei Hartmann noch so weit in Grenzen, dass es genauso stresst, aber weniger langweilt. Körperliche Schwerstarbeit leisten vor allem die jüngeren Schauspieler, die Runden über die Bühne rennen oder sich öfter mal krampfartig wälzen.

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Hinten wird gemalt, vorne ist man nackt und in Eile, zurück bleibt ein verschwommener Eindruck. Sehr treffendes Foto © Sebastian Hoppe

Um typisch postmodernes Theater zu machen, genügen aber zerfledderte Handlung, Gekreische, Gerenne und Nacktheit nicht. Meta muss es sein, muss also über das Theater oder Literatur überhaupt sprechen. Dafür sorgt Yassin Trabelsi, der Passagen der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfgang Lotz deklamiert. Das ist teilweise sogar erhellend. Ein Späßchen hier und da lockert den Abend auf.

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Badewannenszene © Sebastian Hoppe

Auf eindrucksvolle Szenen muss der Zuschauer dennoch nicht verzichten. Wenn die Waise Nelly im Bordell endet, dann hockt sie mit einer Leidensgenossin in der Badewanne und wird immer wieder mit Eimern voll kaltem Wasser übergossen oder gar unter Wasser gedrückt. Kaum wieder oben und zu Luft gekommen, geht das laute Deklamieren weiter.

Fazit: Man kann es sich angucken. Den drei Stunden weint man nicht als verschwendeter Lebenszeit hinterher, sondern hat eben mal modernes Theater gesehen. Über Dostojewskis Roman weiß man wenig mehr als vorher. Einige Regieeinfälle sind interessant, einige Textpassagen merkenswert. Zum Beispiel: Man kann einen schwarzen Hund nicht weiß waschen. Ich denke an „Isle of Dogs“. War das schön!

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen

Bei Nachtkritik.de war es weniger die Rezension als vielmehr die Fülle der Kommentare, die aufschlussreich ist. Ebenso wie bei den Kommentaren auf der Facebook-Seite des Staatsschauspiels zeigen sich die extremen Reaktionen von Begeisterung bis Wut. Repräsentativ ist das natürlich nicht: Wer den Abend ähnlich mir eher mittelmäßig fand, der investiert nicht die Energie ins Schreiben von Kommentaren, sondern strengt sich an, die guten Momente der Inszenierung im Gedächtnis zu behalten.

Gespräch mit der mitwirkenden Schauspielerin Fanny Staffa zum Saison-Eröffnungsfest des Staatsschauspiels am 25.08.2018. Laut ihr können die Darsteller recht frei entscheiden, wann sie welche Texte und Handlungen in der Inszenierung einbringen. Dadurch gerät jede Vorstellung anders, gelingt mal besser, mal schlechter. Vielleicht bedingt auch das die sehr unterschiedlichen Reaktionen auf das Stück?

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