Im Theaterhaus Rudi: Yvonne, die Burgunderprinzessin

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(c) H. O. Theater

Aufführungsbericht: Yvonne, die Burgunderprinzessin beginnt als Märchenstück á la Cinderella: Der von allen Hofdamen umschwärmte Prinz Philipp verlobt sich mit der bürgerlichen Yvonne. Sie ist hässlich, träg, einfach nicht an den Mann zu bringen. Dass Philipp sie erwählt, geschieht nicht aus Mitleid, sondern aus purer Langeweile. Eine Verlobung mit einem so grässlichen Mädchen ist da ein spannender Scherz, der den ganzen Hofstaat in Aufruhr bringen könnte. Philipps Rechnung geht auf. Dummerweise besser, als er gewollt hat.

Die Laienschauspieler der Truppe H.O. Theater Dresden bringen einen Text auf die Bühne, der modern ist und gar nicht so unpopulär, den aber trotzdem kaum jemand kennt. Geschrieben hat ihn der Pole Witold Gombrowicz (1904-1969), der zu den wichtigsten polnischen Literaten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt. Aber hat ihn jemand bis eben gekannt? Na also. Das liegt wohl auch daran, dass seine Texte erst in den 50er Jahren Frankreich und Deutschland erreichten. In Polen erschienen sie gar erst 1986.

Yvonne sagt nichts. Yvonne tut nichts, außer atmen. Sie verweigert jede Reaktion und jede Handlung, die im normalen und höfischen Miteinander üblich ist. Der Prinz freut sich anfangs darüber, denn Yvonnes Verhalten provoziert und hat damit die Macht, den Leerlauf des Hofes aufzubrechen. Tatsächlich fühlen sich die kichernd über die Bühne trippelnden aufgetakelten Hofdamen durch die Wahl des Prinzen beleidigt. Einen Scherz kann man sich mit so einer Person natürlich erlauben, aber auf ihre Kosten? Und deutet er damit nicht eindeutig auf die Makel der Hofdamen selbst?

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Prinz und Königin, Yvonne und Hofstaat. Herrlich übrigens der dicke Höfling, der Yvonne heiraten will, um eine zu haben, für die er sich nicht anstrengen und bessern muss. (c) H. O. Theater

Auch König und Königin verstehen Philipps Verlobung und vor allem Yvonne als Anspielung auf einen Makel ihrer eigenen Person. Philipp dagegen fühlt sich gut mit Yvonne, fühlt sich lebendiger, adeliger, besser in der Gegenwart dieses traurigen Wesens. Doch das hält nicht lang. Alle fünf Minuten deutet er Yvonne und ihre Präsenz anders. Er deutet, dass sie ihn liebt, und meint, sie deshalb auch lieben zu müssen. Später meint er, dass man Yvonne alles zumuten könne, und macht sich vor ihren Augen an die Hofdame Isa ran. Doch Yvonne sagt nichts, auch als Philipp seine Verlobung mit Isa bekannt gibt. Und Yvonne geht nicht.

Schließlich will der Prinz Yvonne ermorden, und nicht nur er. Auch die Königin und der König spinnen ein Komplott, jeder für sich. Auf Vorschlag des Kammerherrn gibt es ein ganz reguläres Festessen. Aufgetischt werden Karauschen, kleine Fische mit vielen Gräten, an denen Yvonne ersticken soll und es auch tut. Und Ende.

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Witold Gombrowicz, wie ihn (c)Wikipedia zeigt

Absurd ist Gombrowicz‘ Theaterstück, das er 1935 im argentinischen Exil verfasste. Mit Valentin gibt es einen Diener, der sobald er auftritt und manchmal schon bevor er einen Satz (zu mehr kommt er nie) gesagt hat, wieder aus dem Zimmer geschickt wird. Yvonne ist fast die ganze Zeit da, sagt aber nur siebenmal etwas und niemals viel. Manchmal steht sie, manchmal sitzt sie, selten geht sie, einmal schläft sie. Wie sehr man darauf wartet, dass sich Yvonne aus ihrer unerklärlichen Erstarrung löst und wenigstens mal redet, so in die Irre geleitet wird das Publikum mit der Figur des Valentin. Der wird die ganze Sache auflösen … oder zumindest irgendeine Funktion haben … nein, der ist nur da.

Prinz Philipp derweil probiert es á la Yvonne und torpediert das Protokoll. Yvonne hatte sich bei der ersten Vorstellung nicht vor König und Königin verbeugt und das verzweifelte Königspaar hatte sich schließlich vor Yvonne verbeugt, um ihr zu zeigen, was sie tun soll. So ging die Ehrbezeugung in die falsche Richtung. Philipp schockiert später seine Eltern, indem er sich mehrmals vor ihnen verbeugt und sie damit geradezu in Panik versetzt. Aberwitzig und abgründig ist der ganze Theaterabend.

Das liegt vor allem an der gelungenen Umsetzung durch das H.O. Theater unter der Regie von Rita Schaller. Den Laienschauspielern hört man zwar an, dass sie keine Profis sind, aber das schmälert nicht den Spaß daran, ihnen zuzuschauen. Ihre Kostüme stammen sichtlich aus dem eigenen Kleiderschrank. Requisiten gibt es kaum, und sind auch nicht nötig. Das Bühnenbild beschränkt sich auf ein Sofa, ein paar Stühle, einen Vorhang zur Deko und zwei Bäumchen. So können sich die talentierten Schauspieler ohne viel Ballast austoben und die Zuschauer sich mit dem vielschichtigen Stück auseinandersetzen.

Fazit: Ein Stück, das lustige Unterhaltung und Stoff zum Nachdenken gleichermaßen gibt. Umgesetzt von einem engagierten Ensemble, das ganz auf die Kraft des Textes vertraut. Und zwar zu Recht.

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen: Wikipedia, http://www.gombrowicz.net

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