Herman Melville: Bartleby der Schreiber

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Tolles Büchlein! (c) Suhrkamp Insel Verlag

Buchkritik: Die Urform des passiven Helden ist Bartleby, dessen Geschichte 1853 erstmals gelesen werden konnte. Moby-Dick-Autor Herman Melville erzählt die Geschichte des seltsamen Typen auf 74 vergnüglichen Seiten. Bartleby wurde zum Vorbild für Figuren wie Yvonne, die Burgunderprinzessin und andere, deren wichtigstes Merkmal das Nichtstun ist.

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So in etwa leuchtet der Kopf des Schreibers Turkey. (c) Wikipedia

Bevor es Kopierer gab, gab es Kopisten. Menschen, die handschriftliche Abschriften von Akten und Dokumenten anfertigten. Einer, der solche Leute brauchte und anstellte, war der Ich-Erzähler, ein New Yorker Notar mit eigener Kanzlei. Zwei solcher Exemplare hat er bereits: Turkey (Truthahn) und Nippers (Beißzange). Wird der glatzköpfige Turkey nach dem Mittagsessen puterrot und ungehalten im Umgang und in seinem blinden Aktionismus, wird der sauertöpfische Nippers dagegen erst nach dem Mittagessen lammfromm und unterwürfig. Der Erzähler muss also vormittags wie auch nachmittags die Laune eines Schreibers ertragen, behält die Männer aber bei sich, weil sie in der anderen Tageshälfte vorzügliche Arbeit leiten.

Und dann kommt Bartleby. Er steht einfach vor der Tür, sagt nicht viel Worte über sich, aber schreibt wie ein Weltmeister. Kein Aufbrausen, ja kaum ein Wort hört man von dem Fleißbienchen, was der Erzähler wie eine Wohltat genießt. Nur eine kleine Macke hat Bartleby: Außer schreiben tut er nichts. Gegenlesen, was zum Beruf dazugehört, verweigert er mit der sanftmütigen Ablehnung „Ich möchte lieber nicht“. Auch Botengänge für den einmal erkrankten Ginger Nut (Ingwer-Gebäck) übernimmt er nicht. Von sich erzählen will er auch nichts. Weil er aber so ein Arbeitstier ist, das als Erster in der Kanzlei ist und als Letzter geht, verzeiht es ihm der Erzähler. Bis er bemerkt: Der ist so oft da, weil der nie weggeht. Bartleby wohnt in der Kanzlei.

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Autor Herman Melville, wie ihn (c) Wikipedia zeigt

Solange er nur fleißig arbeitet, duldet es der Erzähler. Doch eines Tages verweigert Bartleby auch das. Nach zähem Kampf mit seinem Mitleid kündigt der Erzähler Bartleby und fordert ihn auf, die Kanzlei zu verlassen. Auslöser dafür ist, dass sich die Phrase „lieber möchten“ auch bei ihm und seinen Mitarbeitern eingenistet hat. Ganz so, als wäre der Irrsinn ansteckend.

Ratet mal, was Bartleby tut? Richtig, nichts. In seiner Verzweiflung zieht der Erzähler in eine andere Kanzlei, um den Problemschreiber los zu sein. Der landet schließlich im Gefängnis, weil der Nachmieter deutlich weniger Skrupel damit hat. Dort stirbt Bartleby. Nur Weniges findet der Erzähler über seinen rätselhaften Ex-Angestellten heraus. Entsprechend bleibt es am Leser, sich einen Reim auf Bartleby zu machen.

Fazit: Auch wenn es nicht so klingt, ist die Geschichte absurd witzig und einfach schön erzählt. Bevor sich jemand an den dicken weißen Wal herantraut, kann er mit Bartleby erst mal prüfen, ob Melville seinen Geschmack trifft. Außerdem gibt es in den USA momentan einen kleinen Hype um Bartleby und seine Erfolgsverweigerung: „I would prefer not to“ wird da zum Wahlspruch, der Literaturfreunde und Hipster eint. Wer mitreden will, sollte das Büchlein lesen.

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

Sehr gut ist die Ausgabe als Insel Taschenbuch, das über Anmerkungen und ein Nachwort verfügt. Man kann Bartleby aber auch kostenlos online lesen! http://gutenberg.spiegel.de/buch/bartleby-2754/1

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