Fünf Fragen an Joëlle Desjardins Paquette

Interview: Die kanadische Filmemacherin Joëlle Desjardins Paquette, welche auf dem 30. Filmfest Dresden 2018 mit einer kleinen Retrospektive geehrt wurde und nun an ihrem ersten Langfilm arbeitet, unterhielt sich mit der Testkammer. Dabei berichtet sie von den Dreharbeiten zu ihrem Kurzfilm “Sans dehors ni dedans” (2013), der Wahl der Location von “Flots gris” (2016) und der Stimmung in “Paparmane” (2011):

The original english language interview is also available.

Wir hatten das Vergnügen fast all Deine Filme auf dem 30. Filmfest Dresden 2018 im Block ‘Fokus Québec’ zu sehen und sie funktionieren ganz wunderbar als Einheit (vor allem auf der Gefühlsebene). Lässt Du Dich bei der Entwicklung deiner Ideen und Filme von bestimmten Gefühlen leiten?

Meine Filme sind verwurzelt außerhalb von Zeit und Raum. Ich bin fasziniert von den Zeiten des Wandels in unseren Leben, diesem Gefühl des neben sich Schwebens wenn wir großen Schwierigkeiten gegenüberstehen, trauern oder auf den Durchbruch zu einem neuen Kapitel warten. Bei “Paparmane”, “Sans dehors ni dedans” und “Flots gris” befinden sich die Protagonisten in diesen Übergangsmomenten, in denen sie die Entscheidung treffen müssen sich ihrer Trauer zu stellen, der sie sich aber verweigern, was sie daran hindert voranzukommen. Sie sind alle wie gelähmt. Die Verleugnung ihrer Situation brachte sie alle ins zeitweise und unbequeme Nirgendwo. Sie müssen sich mit ihrer Situation abfinden und den Wandel annehmen, um einen Schritt voranzukommen. Die Grundidee ist immer eine dunkle, aber das Licht findet seinen Weg durch die einzigartigen Risse der bunten Charaktere. Es ist wie wie Leonard Cohen sagt: “There is always a crack in everything, that’s how the light gets in.”

Deine Filme haben mich mit ihrer Mischung aus Schwermut und Schönheit gefesselt. So fällt in “Paparmane” besonders die depressive Katze ins Auge, die zum Motor der Geschichte wird. Kannst Du uns erzählen warum und wie du das Drehbuch des Films entwickelt hast?

Ich fing an mir Gedanken über das Drehbuch von “Paparmane” zu machen, als ich eine Fotoserie in einem Vergnügungspark erstellte, verlassen und geschlossen während des Winters, auf einer kleinen Insel in der Nähe von Montreal. Die Farben waren alle erstarrt vom Winter und der Einsamkeit. Ich sah eine Reihe von geschlossenen Parkplatz-Kassenhäuschen beim Eingang und war so inspiriert und überwältigt von diesem Gefühl der Einsamkeit dieses Ortes, der im Sommer so überlaufen und fröhlich ist. Ich habe angefangen mir die Geschichte eines Typen, der in einem dieser Kassenhäuschen arbeitet auszudenken. Ein Drecksloch mit einem Gefangenen seiner eigenen Trauer, unterwegs vom Winter in den Sommer. Aber ich wollte bittersüßen Humor in diese Trauer einarbeiten. Die “depressive” Katze ist ein Spiegel des depressiven Charakters. Durch seine Versuche, die Katze zu retten, versucht er sich selbst zu retten, ohne es zu merken. Das machen wir oft im Leben: Wir versuchen jemanden zu helfen, indem wir uns selbst helfen. Durch den Prozess retten wir auch uns selbst. Die Metapher mit der Katze hat dem Drehbuch sehr gut getan und Licht und Humor, wie ich ihn mag, hinzugefügt. In diesem Sinne habe ich Jérôme – die depressive Hauptfigur – Camille treffen lassen, eine komplett gegensätzliche und explosive Persönlichkeit. Wenn er mit seinem Gegensatz konfrontiert wird, ist Jérôme komplett überwältigt und er öffnet sich langsam und ganz unwillkürlich. Ich mag es große, typische Film-Charaktere hinzuzufügen. Ich gebe nicht vor, die Realität zu zeigen. Ich ziehe es vor meine Eigene zu erschaffen.

Auch stilistisch kann man Deine Filme gut in Verbindung setzen. Auf was legst Du bei der Ausgestaltung wert?

Joëlle Desjardins Paquette beim Filmfest Dresden

Ich bin eine kleine, verrückte Wahnsinnige beim Produktionsdesign. Das trägt zu den besonderen skurrilen Umgebungen bei, die ich erschaffen will, immer einen Schritt von der Realität entfernt. Ich liebe jedes einzelne Detail so sehr, alles wird studiert und Teil der Konstruktion der Welten. Ich nutze viele Fotos als Bezugspunkte für meine Arbeit. Und so erstelle ich auch das Storyboard für alle meine Filme. Ich zeichne nicht, ich mache Fotos für jede einzelne Einstellung, die ich an einen Ort drehen will. Ich probiere alle Möglichkeiten, die ich sehe, aus.

Meine Arbeit ist beeinflußt von Roy Anderssons Tableaus, die ich sehr mag, und der Filmkunst von Aki Kaurismäki mit ihrer ganz eigenwillig geformten, proletarischen Welt. Außerdem Yorgos Lanthimos [Anmerk. der Red.: “The Killing of Sacred Deer” (2017)], wegen seiner ganz eigenen Seltsamkeit. All diese Regisseure haben einen ausgeprägten Sinn für Produktionsdesign, mit sichtbaren Auswirkungen auf den Erfolg der Geschichten, die sie erzählen. In der Literatur mag ich vor allem die Dichtkunst und den magischen Realismus á la Gabriel García Márquez, Borges, Murakami etc. Ich will nicht so tun, als ob meine Filme magischer Realismus sind, aber ich mochte den Titel des Fokus Québec-Programms auf dem Filmfest Dresden dieses Jahr sehr gern: “Manifeste pour un réalisme poético-excentrique“ [Anmerk. d. Red.: “Manifest für einen poetisch-exzentrischen Realismus”]. Ich denke, das trifft meine filmemacherischen Absichten sehr gut.

Deine Drehorte sind ebenfalls einzigartig und spielen eine große Rolle in deinen Filmen. Das Mietlager in “Sans dehors ni dedans” und “Flots gris” ist besonders beeindruckend. Wie hast du diesen Ort gefunden?

Alle meine Filme sind aus Fotos entstanden, die ich von Orten gemacht haben, die ich besuchte und in die ich mich verliebt habe. Ich fotografiere im 35mm-Format, üblicherweise Nachtaufnahmen mit Langzeitbelichtung. Das ist der Ausgangspunkt für all meine Geschichten und das ist auch der Grund, warum es so viele Tableau-Einstellungen in meinen Filmen gibt. Ich mag es, die Orte selbst lebendig werden zu lassen.

Es stimmt, dass das Mietlager selbst eine wichtige Rolle spielt! Ich war für ein eigenes Foto-Projekt in Griffintown, einem Industriegebiet nahe dem Alten Hafen in Montreal. Das ist ein Gebiet mit einer großartigen seltsamen Landschaft, das sich schnell – und leider – durch den hyperaktiven Bau einer Wohnanlage wandelte. Dieses heruntergekommene Industriegebiet war am Ende seiner Herrschaft angelangt. Ich habe so viele Nächte damit verbracht, die Schätze dieser Gegend auszukundschaften und zu verewigen. Unter einer Eisenbahnbrücke fesselte mich ein Mietlager, das bebte wann immer ein Zug darüber fuhr. Ich wurde besessen von der Stimmung dieses Ortes und machte dort viele Aufnahmen. Eines Tages traf ich dort eine alte Frau mit einem Wagen voller Gerümpel und als sie ihr Lagertor öffnete sah ich eine kleine Matratze und eine Lampe. Die Frau lebte dort, auch wenn das nicht erlaubt war. Das ist eine günstige und warme Lösung für den harten Winter in Québec. Das Lager ist beheizt und es gibt Toiletten auf jeder Etage. Dieses Bild trieb mich an. Zur gleichen Zeit zog eine enge Freundin von mir von Québec nach Irland. Wir lagerten alles aus ihrem Apartment in einem Mietlager ein. Ich sah die ganzen geschlossenen Lagertore, während wir ihr Hab und Gut dorthin brachten, und dachte an all die Leben, die dort hinter den Toren zeitweise eingelagert und verstaut sind. Welche anderen Geschichten stecken dahinter? Wer waren diese Menschen? Ein Mietlager ist ein Übergangspunkt in so vielen Leben, eine Wegkreuzung, die mich dazu anregte diesen “film choral” in drei Teilen zu drehen. Menschen werden diesen gleichen Ort in verschiedenen Filmen durchqueren, ohne sich zu treffen, aber mit den gleichen Ziel: Sie alle wollen an einen anderen Ort ankommen.

“Sans dehors ni dedans” und “Flots gris” sollen, wie bereits erwähnt, von einen dritten Film als Trilogie abgeschlossen werden. Wie geht es mit dem Projekt voran und welche weiteren Pläne hast du?

Genau, das Drehbuch des dritten Films der Reihe ist auch schon geschrieben und es kann gedreht werden. Ich warte nur noch auf die Finanzierung, um damit anfangen zu können. Der Titel ist “Canary Song”. Es ist die Geschichte der Frau in roter Kleidung, die man in “Sans dehors ni dedans” im Gang mit einem Wagen und ihren verbrannten Sachen sehen kann. Sie hat ihr Haus in einem Feuer verloren und hat dabei zu viel Rauch geschluckt. Jetzt kommt immer Rauch aus ihrem Mund, wenn sie redet. Sie weigert sich, von diesem tragischen Ereignis loszulassen. Sie ist gelähmt von ihrer Untätigkeit und unfähig zu trauern. Wie in den beiden anderen Filmen gelangt sie ins Mietlager, diesen Übergangsort. In der Trilogie geht es um Trauer in drei verschiedenen Erscheinungsformen: Trauer um die Familie in “Sans dehors ni dedans”, Trauer wegen der Liebe in “Flots gris” und Trauer um materiellen Besitz im dritten Film.

Zur Zeit arbeite ich außerdem an meinen ersten Langfilm „Rodéo“. Über dieses Projekt bin ich sehr aufgeregt und arbeite daran auch schon zwei Jahre lang. Es spielt in einem ganz anderen Universum, aber der „poetisch-exzentrische Realismus“ wird auch dort wieder zu finden sein. Mehr kann ich jetzt nicht erzählen. Ich mag es nicht, über Projekte im Entstehungsprozess zu reden. Das tut mir wirklich leid, aber ich werde sicher mehr davon erzählen können, wenn der Dreh beginnt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Übersetzung von Michael Kaltenecker

Weitere Seiten:


Interview: The Canadian film maker Joëlle Desjardins Paquette, who was honoured with a little retrospective at the 30th International Filmfest Dresden and now works on her first feature film talked with Testkammer. She tells us, among other things, about the shoot of “Sans dehors ni dedans”, the choice of location for “Flots gris” and the mood in “Paparmane”.
We had the pleasure of seeing nearly all your films at the 30th Filmfest Dresden at once and they work wonderfully together. Do you let yourself guide by certain feelings while developing your ideas and films?
My films always take roots in a sort of non-place out of time. I am fascinated by transition moments in our life. This sense of floating aside our own life when we face a major difficulty, grief, waiting for breakthrough over a new chapter. In “Paparmane”, “Sans dehors ni dedans” and “Flots gris”, the main characters are at this this very specific moment of transition where they must make the decision to face a mourning they refuse to assume and that prevents them from going forward. They are all like “paralyzed”. The situation of denial brought them all into a kind of nowhere, uncomfortable and temporary. They must resign themselves and embrace the transition to take a step forward. It is always “dark” premises, but the light manages to find its way through the singular gaps of the colored characters presented. “There is always a crack in everything, that’s how the light gets in” as says Leonard Cohen.

Your films captivated me with their mix of melancholy and beauty. In “Paparmane” the depressive cat that becomes the motor of the story is especially noticeable. Can you tell us why and how you developed the script of this film?

I started to imagine the script of Paparmane while I was doing a photography series in an amusement park, deserted, closed during the winter on a small island near Montreal. The colors were all frozen by winter and loneliness. I saw a sad row of parking booths all closed at the entry. I was so inspired and overwhelmed by the feeling of emptiness of this place so crowded and joyful during the summer. I started to imagine a story with a guy working in one of these parking booths. A „shit hole“, with a prisoner of its own grief, transiting from winter to spring. But I wanted to work on mourning with a bittersweet humor. The „depressed“ cat is the mirror of the character being depressed. By trying to save the cat, the character tries to save himself without realizing it. In life, we often do that, trying to help someone by helping ourselves. It’s through the process we saved ourselves too. The metaphor with the cat was feeding the script so well, with light and humor as I like. In that sense, I decided to make Jérôme (the depressed main character) meet Camille, a totally opposite explosive personality. Confronted with its opposite, Jérôme is blasted and he opens slowly, despite him. I like the addition of big characters well assumed in films. I do not pretend to show reality. I prefer to build my own.

Stylistically there is a clear through-line among all your films. What’s important to you when it comes to production design?

I am a little “crazy maniac” regarding art direction. It contributes to create the particular „whimsical“ ambiances I want to establish, with a little step aside of reality. I love so much every single detail, everything is studied and made part of constructing the universes. I use a lot of photography references to work with. And that’s also how I storyboard all my films. I don’t draw. I take pictures for each single shot I want to do in the location I found. I test all possibilities I see.

As references, I like Roy Andersson’s tableaux of course. And the cinema of Aki Kaurismäki for its own shapes of the proletarian world. And Yorgos Lantimos‘ weirdness of its own kind. All these directors have a strong sense of production design and the visual impact contributes to the success of their stories. In literature, I very much like poetry and magical-realism (Gabriel Garcia Marquez, Borges, Murakami, …). I don’t pretend to do „magical realism“ in my cinema but I very much enjoyed the title of the Focus Québec program in Filmfest Dresden of this year : Manifesto for a poetical-whimsical-realism. I think it suits pretty well my cinematographic intentions.

Your locations are also quite unique and play a large role in your stories. Especially impressive is the self-storage facility in “Sans dehors ni dedans” and “Flots gris”. How did you find this place?

Each of my films started from photos I took in the locations I was observing and falling in love with. I do 35mm photography, usually night shots with long exposures. It’s the starting point for imagining all my stories. That is why there are so many „tableaux“ shots in my film. I like to let the location live in themselves.

Regarding the self-storage facility, you are right about the large role it plays in itself! I was doing a personal photography project in Griffintown (an industrial area in Montreal near the old port of Montreal), it’s an area with an amazing weird landscape that was transforming so quickly (and sadly) through an hyperactive condominium building’s construction. This industrial trashy area was at the end of its reign. I spent so much nights scouting for immortal treasures around there. Below a train bridge, I was fascinated by a self-storage facility that was shaking every time a train passes over it. I became obsessed with the mood of the place. I did a lot of shots around there. One day I encountered an old lady walking with a buggy full of crap and when she had opened her garage door, I saw a little mattress and a lamp. The lady lived there, even if it’s unauthorized. It’s a cheap warm solution for the hard Québec winter. The facilities are heated with a bathroom on each floor … I was stoked by this image. At that very same time, a close friend of mine was moving from Québec to Ireland. We stocked all of her apartment in a self-storage facility. I was looking to all the garage doors closed while moving her things there and I thought to all the lives temporarily stocked and stored behind all those garage doors. What were all the other stories? Who were these people? A self-storage facility is a transition point of so many lives. A „carrefour“ that inspired me to this choral movie in three parts. People will transit through this same place in the different films, without meeting, but with the same goal, to move forward somewhere else.

“Sans dehors hi dedans” and “Flots gris” are supposed to be followed by a third film to create a trilogy. How is that project going and what other plans do you have? Do you think a feature length film set in that world would be possible?

Yes, the third part is already written, it is ready to shoot. I am only waiting for funding to do it. The title is „Canary Song“. It is the story of the lady in red that we see in “Sans dehors ni dedans” in the hallway with a buggy with burnt items and smoke coming out from her mouth. She lost her house in a fire and she had swallowed too much smoke during the fire. From now on, when she talks, smoke comes out from her mouth. She refuses to let go of this tragic event. She is paralyzed in her inaction, incapable to grief. As in the two others films, this lady converges in the self-storage, in this „temporary“ place. This is a trilogy about mourning (in three different spectral forms). Family mourning in “Sans dehors ni dedans”, love mourning in “Flots gris”, and material mourning in „Canary Song“.

Right now, I am working on my first feature film, titled „Rodéo“. I am very excited by this project I worked on for 2 years now. It is settled in a very different universe, but the „poetical-whimsical-realism“ tone will be there again. I won’t say more for now. I don’t like to talk about projects in the creation process. Sorry about that! But I will clearly tell you more as soon as it goes into production.

The questions were asked by Doreen Matthei

Read on

6 Gedanken zu “Fünf Fragen an Joëlle Desjardins Paquette

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.