Sechs Fragen an Tommi Seitajoki

Interview: Im Gespräch erzählt uns der finnische Regisseur Tommi Seitajoki mehr über seinen Film “Glaspärlan”, der auf dem 19. Landshuter Kurzfilmfestival 2018 lief, welche Botschaft der Film hat und welchen Einfluss Dokumentarfilme auf sein Werk haben.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm “Glaspärlan” ist ein eindringliches Porträt eines 12-jährigen Jungen. Wie hast Du Deine Geschichte entwickelt. Gibt es wahre Hintergründe, auf die  Du zurückgreifst?

Der Film wurde von einem autobiographischen Buch namens „Kopparbergsvägen 20“ (2014) des finnischen Autors Mathias Rosenlund beeinflusst. Das Buch beschäftigt sich aus der Perspektive eines Vaters mit der Armut im heutigen Finnland. Eines der Hauptthemen ist, wie Armut von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird und wie der Autor versucht, seine Kinder davor zu schützen. Er tut es, indem er nicht über die wirtschaftliche Situation der Familie erzählt und versucht, die Ängste vor ihnen zu verbergen.

In meinem Film entschied ich mich, die Perspektive auf die des Kindes zu wechseln. Die Geschichte über einen Jungen zu erzählen, dem nie gesagt wurde, dass er arm sei, aber der es plötzlich merkt. Wie es ihn beeinflusst und wie er versucht, damit umzugehen. Ich habe die Perspektive des Kindes gewählt, weil es unmöglich ist, einem Kind vorzuwerfen, dass es arm ist. Sie sind nur Opfer ihrer Umgebung. So geht der Blick automatisch auf die Strukturen der Gesellschaft.

Für mich ist „Glaspärlan“ ein politischer Film, der den Zusammenbruch des finnischen Sozialsystems darstellt. Es zeigt, dass es Familien gibt, die sich nicht einmal mehr das Essen leisten können. Etwas, das in den letzten Jahren leider immer mehr an Bedeutung gewonnen hat.

Dein Gesellschaftsstück ist gut verständlich. Nur das Ende führte bei vielen Zuschauer zur Verwunderung. Kannst Du etwas näher erläutern und welche Bedeutung die Glasperlen selbst haben?

Die Idee zu den Glasperlen kam mir aus einem Dokumentarfilm, den ich vor einigen Jahren gedreht habe. Es war ein Belohnungssystem, das eine Familie hatte. Wenn die Kinder etwas Gutes tun – ihr Zimmer aufräumen, die Spülmaschine füllen, gute Noten in der Schule bekommen usw. – belohnen die Eltern sie mit Glasperlen. Sobald die Kinder genug von Glasperlen hatten, bekamen sie eine echte Belohnung.

Ich fand diese Idee der Belohnung sehr passend für meinen Kurzfilm, denn die Glasperlen stehen für all die Mühe, die der Junge unternehmen muss, um die Belohnung zu bekommen. Da das Glas, das in seinem Zimmer steht, auch mit anderen Glasperlen gefüllt ist, können wir davon ausgehen, dass er schon einmal ähnliche Dinge tun musste. Diese Geschichte ist nicht nur ein einmaliger Vorfall.

Dein Film sieht sehr realistisch aus. Kannst Du mir etwas mehr über dein visuelles Konzept erzählen? Auch ist mir eine stark variierende Handhabung der Kamera aufgefallen. Wie verlief die Zusammenarbeit mit Deinem Kameramann Pietari Peltola?

Pietari Peltola ist meiner Meinung nach der beste Kameramann in Finnland, also hatte ich großes Glück, ihn an Bord zu haben. Wir haben das visuelle Konzept gemeinsam in mehreren langen Meetings entwickelt, die wir vor den Dreharbeiten hatten.

Die Hauptidee war, das Visuelle umso hektischer zu gestalten, je länger der Film läuft, bis zur letzten Szene, in der alles statisch wird. Die Kamerabewegungen würden auf diese Weise zeigen, wie sich die Hauptfigur fühlt. Die Umgebung und die Art und Weise, wie der Junge platziert wird und sich in ihnen bewegt, geben auch einen Einblick in seine innere Welt.

Ich finde es wunderbar, dass Du nicht viele Worte brauchst, um Deine Geschichte zu erzählen. Dazu trägt auch viel Dein Hauptdarsteller Alvar Af Schultén bei. Wie bist Du auf ihn aufmerksam geworden?

Ich habe Alvar durch das Casting gefunden. Seine Eltern sind berühmte Schauspieler in Finnland, also hat mein Produzent Claes Olsson ihn über sie gefunden. Ich filmte die Casting-Sessions und konnte sofort sehen, dass er für die Rolle geeignet war. Einige Leute haben das seltene Talent, vor der Kamera zu glänzen. Alvar ist definitiv einer von ihnen.

Kannst Du mir ein bisschen mehr von Dir und Deiner Liebe zum Film erzählen?

Ich bin schon seit meiner Kindheit ein Filmfan. Als Teenager wandte ich mich dem Art House Film zu, insbesondere den Werken von Fellini, Bergman, Kubrick, Antonioni und Lynch. Nach meinem Abschluss der Filmschule im Jahr 2006 begann ich meinen Lebensunterhalt mit der Erstellung von Dokumentationen für das Fernsehen zu verdienen. Diese Arbeit hat einen großen Einfluss darauf gehabt, wie ich den Film heute sehe. Ich würde nicht zögern zu sagen, dass meine Spielfilme heutzutage stark von meinen dokumentarischen Filmmethoden beeinflusst werden – speziell wiie ich das Leben konfrontiere und interpretiere.

Welche nächsten Projekte stehen bei Dir am Start?

Im Moment schreibe ich mein erstes Spielfilm-Drehbuch „Fish Girl“. Mein Ziel ist es, es bis Ende des Jahres fertig zu stellen und dann zur Vorproduktion überzugehen.

Hinzu kommt der gerade finanzierte Kurzfilm „The Explosion of a Bath Ring“, der in Produktion geht. Ich werde den Film Anfang nächsten Jahres drehen und hoffentlich eine Weltpremiere bei einem guten Festival im Herbst 2019 bekommen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzungen Michael Kaltenecker

Ebenfalls auf der Testkammer: Der Kurzfilm  “Glaspärlan


Interview: The finnish director Tommi Seitajoki tells us more about his film “Glaspärlan”, which was shown at the 30th Dresden Film Festival, the message of the film and the influence of documentaries on his work.

Your short film „Glaspärlan“ is a haunting portrait of a 12-year-old boy. How did you develop your story? Are there true elements to the film that you used?

The film was influenced by an autobiographical book called ”Kopparbergsvägen 20” by Finnish author Mathias Rosenlund. The book deals with poverty in present day Finland seen from a father’s perspective. One of the main themes is how poverty goes from one generation to the next and how the author tries to protect his children from this. He does it by not telling about the family’s economic situation and tries to hide the anguish from them.

In my film I decided to change the perspective to the child’s. To tell the story about a boy who was never told that he was poor, but who suddenly realises it. How it affects him and how he tries to cope with it. I chose the child’s perspective, because it’s impossible to blame a child for being poor. They are just victims of their environment. So the focus goes automatically towards the structures of society.

For me ”Glaspärlan” is a political film that portrays the collapse of the Finnish welfare system. It shows that there are families that can’t even afford to buy food anymore. Something that has, unfortunately, become more and more common in recent years.

The film is easy to understand. Only the ending might leave viewers back wondering. Can you maybe expand on the ending a bit and on what role the glass beads play?

I got the idea of the glass pearls from a documentary that I filmed some years ago. It was a rewarding system that a family had. When the children would do something good – clean their room, fill the dish machine, get good grades in school etc. – the parents would reward them with glass pearls. Once the kids had enough of glass pearls they would get a real reward.

I found this idea of rewarding very fitting for my short film, because the glass pearls stand for all the effort that the boy has to do to get the reward. Since the jar that has in his room is filled with others glass pearls too, we can assume that he has had to do similar things before. This story is not just a one-off incident.

Your film looks very realistic. Can you tell me a bit more about your visual concept? I also noticed a very dynamic and varying handling of the camera. How did the cooperation with your cameraman Pietari Peltola go?

Pietari Peltola is in my opinion the best DOP in Finland, so I was very lucky to have him onboard. We developed the visual concept together during several long meetings that we had before the filming.

The main idea was to make the visuals more hectic the longer the film goes, until the last scene when everything becomes static. The camera movements would in that way reveal how the main character feels. The environments and how the boy is placed and moves in them also gives an insight to his inner world.

I think it’s wonderful that you don’t need many words to tell your story. Your leading actor Alvar Af Schultén also contributes a lot to this. How did you find him?

I found Alvar through casting. His parents are famous actors in Finland, so my producer Claes Olsson found him through them. I filmed the casting sessions and could immediately see that he was suitable for the role. Some people have the rare talent to shine in front of the camera. Alvar is definitely one of them.

Can you tell me a little bit more about yourself and your love for film?

I have been a film buff ever since I was a child. As a teenager my interest moved towards art house films, especially the works by Fellini, Bergman, Kubrick, Antonioni and Lynch. After graduating from film school in 2006 I started earning a living by making documentaries for television. This work has had a huge impact on how I view film today. I wouldn’t hesitate to say that my fiction films are nowadays strongly influenced by my documentary film making methods. How I confront life and interpret it.

What are your next projects?

At the moment I’m writing on my first feature length script ”Fish Girl”. My goal is to get it ready by the end of the year and then move on to pre-production.

Then there is the short fiction film ”The Explosion of a Bath Ring” that has just received financing and is going into production. I’ll shoot the film early next year and hopefully get a world premiere at a good festival in the autumn of 2019.

Questions asked by Doreen Matthei

Also read our german review of his shortfilm “Glaspärlan

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