Fünf Fragen an Veronica Solomon

Interview: Der Stop-Motion “Love Me, Fear Me”, gesehen auf dem 30. Filmfest Dresden, stammt aus der Hand der Filmemacherin Veronica Solomon. Im Interview erzählt sie uns mehr zur Entstehung des Films, zu der handwerklichen Machart und ihrer glücklichen Zusammenarbeit mit der Komponistin Dascha Dauenhauer.

Der Titel des Kurzfilms “Love Me, Fear Me” umreißt ja schon kurz, worum es in dem Film geht. Kannst Du mir mehr zu der Idee dahinter erzählen und wie Du sie entwickelst hast?

Ich werde es versuchen. Eigentlich, hab ich mittlerweile erfahren, dass der Film für verschiedene Leute sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Ich finde es sehr spannend, wenn Menschen nach einer Vorführung zu mir kommen und sagen, wie der Film auf sie gewirkt hat. Und manchmal ist es echt überraschend.

Aber was den Ursprung meiner Idee angeht, ich habe immer wieder beobachtet, wie Menschen leiden und Beziehungen (aller Art) schief laufen, wenn sie versuchen sich als etwas anderes darzustellen als was sie tatsächlich sind. Uns ein bisschen anzupassen ist angeboren – der Mensch ist ein Sozialwesen. Wir alle tun das bis zu einem gewissen Grad.  Aber manche neigen dazu zu übertreiben und dann kann es richtig schlimm werden, wenn einer seine Persönlichkeit so sehr verzerrt, dass er am Ende seine Kernidentität verliert.

Und warum Liebe und Furcht? Man sagt, dass diese die zwei größten Kräfte sind, die die Welt antreiben. Wir möchten geliebt werden, und wenn nicht, dann zumindest gefürchtet! Nur nicht ignoriert.

Ein bisschen ist auch eine Reflektion über das künstlerische Dasein dabei. Besonders von Künstlern, deren Kunst ohne Publikum nicht existiert.

Die Animationen sind faszinierend und sehr haptisch. Kannst Du mir mehr zur Technik und zu den Materialien erzählen?

Danke sehr! Das war auch eines der Ziele meines Projektes – ich wollte unbedingt dieselbe Fluidität der Bewegung in Knetanimation erreichen, wie man sie im Zeichentrick sehen kann. Ich habe es nicht so genau geschafft, wie ich mir gewünscht hätte, aber dafür in Stereo 3D.

Die Technik und Materialien sind ganz unspektakulär – halt Knetmasse auf einer Drahtarmatur, manchmal durch ein Rig [Anmerk. d. Red.: externe Halterung für die Figur] unterstützt. Ich glaube, das waren die Basics bei Stop-Motion Animation, bevor man wie heutzutage Silikonschaum, Uhrwerkarmaturen und mehrere wenn nicht tausende Ersatz-Gesichter benutzt. Aber was ich anders gemacht habe ist: Statt zu versuchen die Puppe von Bild zu Bild nicht zu ändern, habe ich sie immer wieder neu modelliert, die Oberfläche zumindest. Und anders als bei festgebackenen Puppen habe ich mir viel Verzerrung und Morphing erlaubt.

Warum hast Du Dich für diese starke Farbaufteilung entschieden?

Das war nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Die Figuren haben sich mir fast in deren endgültiger Form gezeigt. Wie bei der Gestaltung, steckt wahrscheinlich dahinter mein ganzes Unterbewusstsein und meine gesamte visuelle Kultur. In meiner ersten Uni (Kunst und Design Akademie in Cluj-Napoca, Rumänien) hatten wir beispielsweise mal kurz in einem Kurs über Farbpsychologie gelernt. Ich kann mich jetzt an nichts Genaueres erinnern, aber irgendwo musste was hängen geblieben sein.

Perfekt untermalt wird es von der eingesetzten Musik. Wie ist sie dazu entstanden?

Ich könnte Seiten über die Musik schreiben! Einfach darüber wie fantastisch die ist, und wie ich so viel mehr bekommen habe, als ich zu hoffen wagte. Dascha Dauenhauer ist die Komponistin und Musikerin, die das Ganze erschaffen hat und sie ist wahrscheinlich auch, oder wird bald mit ihrem Masterstudium in Filmmusik fertig. Sie kam relativ spät ins Projekt, nachdem die Zusammenarbeit mit einem Kommilitonen von ihr, nach zwei Jahren Besprechungen gescheitert ist. Sie wurde mir von einem Dozenten für Filmmusik empfohlen, nach meiner Anfrage nach jemandem der experimentell arbeiten kann. Als sie zum Treffen ins Studio, wo ich arbeitete, kam, dachte ich mir: “Na, super! Ein Kind. Was wird sie schon in so kurzer Zeit über die komplexen Sachen verstehen, die ich hier zu vermitteln versuche?” Und dann hab ich versucht sie zu erschrecken. Ich hab ihr die Projektmappe zum Lesen gegeben und ihr gesagt gut zu überlegen, ob sie das machen will oder nicht, weil ich mich nicht mit irgendetwas zufrieden geben werde und dass ich sehr anspruchsvoll bin. Ich hatte schon fast drei Jahre Arbeit hinter mir und war schon bereit jemanden selbst zu bezahlen, wenn ich in der Uni nicht die richtige Vertonung kriegen konnte. Ich war mir fast sicher, dass sie sich nicht wieder melden wird.

Sie hat sich aber wieder gemeldet und hat mich mit dem ersten Entwurf total überzeugt. Danach ging es nicht gleich glatt, aber ich spürte dass sie es machen kann, und was ich eigentlich erstaunlich gefunden habe, war ihren Professionalität. Das ist etwas das ich zweimal unterstreichen muss, sehr selten in meinem Leben, nicht nur in der Uni habe ich so jemanden kennengelernt, der zugleich talentiert und engagiert ist.

Mein ursprüngliches Konzept war eher, ein komplexeres Sound-Design für den Film erschaffen zu lassen, so etwas Noise-artiges, was man oft bei zeitgenössischem Tanz benutzt. Ich dachte auch, es wäre unmöglich, richtige Musik zu bekommen, nachdem alles schon animiert war. Aber da kannte ich Dascha noch nicht! Und nun ist sie gleich dreimal für den Deutschen Filmmusikpreis nominiert – darunter für “Die beste Musik in einem Kurzfilm für “Love Me, Fear Me”.

[Nachtrag von der Regisseurin: Dascha hat den Preis für ‘Die beste Musik in einem Kurzfilm’ zusammen mit dem Nachwuchspreis des Deutschen Filmmusikpreises bekommen.]

Im Jahr 2017 hast Du Deinen Abschluss an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Animation gemacht. Wie geht es bei Dir weiter? Hast Du schon weitere Projekte am Start?

Ach, DIE Frage! Ich dachte ich hasse die, aber habe mich daran gewöhnt. Es war mir immer wieder peinlich bei Festivals, wo alle selbstverständlich über ihre laufenden Projekte gesprochen haben, zu sagen: “Ich habe nichts, ich bin Mutter geworden”. Mittlerweile bin ich damit glücklich, mein Sohn ist wunderschön, ich habe den Kopf voller Ideen, bin wieder bei den ‘Talking Animals’ ins Studio eingestiegen. Ich arbeite weiter als selbstständige Grafikerin/ Animatorin und fange so langsam an mir Gedanken über nächste Projekte und Förderung zu machen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension zu dem Kurzfilm “Love Me, Fear Me

4 Gedanken zu “Fünf Fragen an Veronica Solomon

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