Fünf Fragen an Anna Lyubynetska

Interview: Im Gespräch mit der ukrainischen Filmemacherin Anna Lyubynetska erzählt sie uns mehr zu der Entstehung ihres Kurzfilms „Kiew Moskau“, was ihr dabei am Herzen lag und wie es ist in diesen Zeit in der Ukraine Filme zu realisieren.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Kiew Moskau“ erzählt eine moderne Version – ganz abstrakt gesehen – des Romeo und Julia Stoffes. Woher stammt die Idee?

Ich wollte einen Film über zwei Menschen drehen, die versuchen, den Krieg, der ihrem Leben auferlegt wurde, abzuschütteln, nur um festzustellen, dass sie bereits davon befallen sind.

Ich wollte mich auf das besondere Gefühl konzentrieren, das oft zwischen zwei Menschen auf den gegenüberliegenden Seiten des Krieges auftritt. Ich stelle es mir als zwei Magnete mit dem gleichen Pol vor – egal, wie sehr man sie zusammendrückt – es gibt diese unsichtbare Kraft, die sie sich nicht verbinden lässt.  

Welche Botschaft liegt Dir am meisten am Herzen, welche Du mit diesem Film transportieren wolltest?

Ich wollte dieses Gefühl in den Vordergrund stellen. Ich denke, die Benennung ist der erste Schritt, um es zu neutralisieren.

Du stammst selbst aus Kiew. Wie siehst Du – mit dem Abstand – die politische und gesellschaftliche Situation des Landes. Denkst Du dass es zur Zeit möglich ist, Filme zu drehen, welche die Geschehnisse außer Acht lassen könnten?

Die politische und soziale Situation in der Ukraine ist schwierig und kompliziert. Ich denke, Filmemacher denken immer über die Welt nach, in der wir leben, auf die eine oder andere Weise.

Auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen kam die Frage auf, warum Du Dich für die russische Schreibweise der ukrainischen Hauptstadt – Kiev statt Kyjiv – entschieden hast. Kannst Du das erläutern?

Ich möchte nur sagen, wenn ich es noch einmal tun müsste, hätte ich die ukrainische Schreibweise verwendet.

Ich mochte die ruhige Art der Inszenierung. Erzähl mir mehr zu Deinem visuellen Konzept.

Ich danke dir. Wir wollten der Geschichte ein „hier und jetzt“-Gefühl geben, deshalb entschieden wir uns für eine dokumentarische Kamera und eine Kombination von Spielfilmaufnahmen mit von uns aufgenommenen dokumentarischen Material und Archivmaterial aus dem Krieg.

Da ich versuchte, die ständige Präsenz dieses undefinierten Gefühls einzufangen, entschieden wir uns, die Geschichte durch Stille und Blicke zu erzählen und in der Nähe der Schauspieler zu bleiben, um zu versuchen, die kleinsten Nuancen der Emotionen in ihren Gesichtern einzufangen.

Die Wahl der Darsteller hat mir auch sehr gut gefallen. Wie hast Du Sasha Stelchenko und Elena Vatrushkina gefunden?

Ich danke dir. Alle Darsteller des Films außer einem sind Laienschauspieler. Ich habe Elena über Social Media gefunden, eine der Expat-Gruppen von Menschen, die in Prag leben. Sasha studiert Regie an der gleichen Schule, in der ich auch studierte, der FAMU. Elena kommt aus Russland, Sasha aus Weißrussland, nur Lyudmyla, die Mutter, kommt aus der Ukraine. Die Arbeit mit so einer internationalen Besetzung und Crew an diesem speziellen Film war sehr emotional erfüllend. Es war wirklich eine „make love, not war“-Erfahrung.

Jetzt zu Dir: Wie kamst Du zum Film? Was treibt Dich als Filmemacherin an?

Ich wollte schon seit meinen frühen Teenagerjahren Filme machen, aber mein Weg zum Film war lang und beschwerlich. Während meiner Zeit in Kiew habe ich in verschiedenen Bereichen der Werbeproduktion gearbeitet, wobei ich irgendwann feststellte, dass ich, um wirklich Geschichten erzählen und Regie führen zu lernen, an einer Filmschule studieren müsste.

Ich habe den Drang, Geschichten durch Filme zu erzählen, um die Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, die mir wichtig erscheinen, und um meine persönlichen Unruhen zu verarbeiten. Aber ich denke, was mich am meisten antreibt, ist der Wunsch, die grenzenlosen Möglichkeiten des Kinos zu erforschen, um Gefühle zu finden, die wir sonst nicht artikulieren können.

Der Film war dein Abschlussfilm an der FAMU. Wie geht es bei Dir weiter?

Ich arbeite derzeit an ein paar Drehbüchern. Eins davon ist eine Coming-of -Age-Geschichte, die Anfang der 90er Jahre in der ukrainischen Provinz spielt. Es ist spannend, mit Kindheitserinnerungen zu arbeiten.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch unsere Kritik des Kurzfilms „Kiew Moskau


Interview: In an interview with Ukrainian filmmaker Anna Lyubynetska, she tells us more about the making of her short film „Kiev Moscow„, what she cared about and how it is to make films in Ukraine during this time.

Seen quite abstractly, your short film „Kiev Moscow“ tells a modern version of the Romeo and Juliet type. Where did the idea come from?

I wanted to make a film about two people who try to dismiss war, which was imposed on their lives, only to discover that they are already contaminated by it.

I wanted to focus on the particular feeling which often occurs between two people on the opposite sides of the war. I imagine it as two magnets with the same pole- no matter how much you push them together – there is this invisible force that does not let them connect.  

What message is most important to you that you wanted to convey with this film?

I wanted to put this feeling in the spotlight. I think naming it is the first step to neutralizing it.

You yourself are from Kiev. How do you – with the distance – see the political and social situation of the country? Do you think it is currently possible to make films that could disregard the events?

The political and social situation in Ukraine is difficult and complicated.

I think filmmakers are always reflecting on the world we live in, in that way or another.  

At the 29th Bamberg Short Film Festival the question arose why you chose the Russian spelling of the Ukrainian capital – Kiev instead of Kyjiv. Can you explain that?

I will just say that if I had to do it again, I would have used the Ukrainian spelling.

I liked the quiet way of staging it. Tell me more about your visual concept.

Thank you. We wanted to give “here and now” feeling to the story that’s why we went for documentary style camera, as well as combined fiction with documentary footage shot by us and archive footage from the war.

Since I tried to capture the constant presence of this undefined feeling, we chose to tell the story through silences and gazes, to stay close to the actors attempting to capture the smallest nuances of the emotions on their face.

I also liked the choice of the actors. How did you find Sasha Stelchenko and Elena Vatrushkina?

Thank you. All cast of the film aside from one are non-actors.I found Elena through social media, one of the expat groups of people who live in Prague. Sasha studies directing in the same school I was studying – FAMU. Elena is originally from Russia, Sasha is from Belarus, only Lyudmyla, the mother, is from Ukraine. Working with such international cast and crew on this particular film was very emotionally rewarding. It was truly a “make love, not war” experience.

Now to you: How did you come to film? What drives you as a filmmaker?

I wanted to make films since my early teenage years, but my road to actually making films was a long and twisted one. While in Kyiv, I have been working in different areas of advertising production, at some point realizing that to truly learn storytelling and directing I would need to study in a film school.

I have an urge to tell stories through films to bring attention to topics which I consider important as well as work through my personal disturbances. But I think what drives me the most is the desire to explore limitless possibilities of cinema to find feelings we can’t articulate otherwise.

The film was your graduation film at FAMU. What’s the next step for you?

I am working on a few scripts at the moment. One of them is a coming of age story set in the Ukrainian countryside in the early 90s. It’s exciting to work with childhood memories.

The questions were asked by Doreen Matthei

Read on our german review of the shortfilm „Kiev Moscow

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Anna Lyubynetska

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.