Fünf Fragen an Melina Weissenborn

Die Künstlerinnen Verena Looser und Melina Weissenborn

Interview: Im Gespräch mit der Künstlerin Melina Weissenborn, die zusammen mit Verena Looser das Künstler-Duo Stiller bildet, erzählt sie mehr von ihrem Found-Footage-Kurzfilm „Landscape of Absence“, dem dahinterstehenden Bechdel-Test und ob sie viele Filme sichten mussten, um das richtige Material zu finden.

Neben seiner Wettbewerbsteilnahme auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen, kann man den künstlerischen Kurzfilm „Landscape of Absence“ noch auf folgenden Festivals sehen:

  • 57. Ann Arbor Film Festival Michigan, USA (26. – 31.03.2019)
  • 13. 20MinMax Short Film Festival Ingolstadt (31.03. – 06.04.2019)
  • 31. Filmfest Dresden (9.-14. April 2019)

Verena Looser und Du arbeiten als Künstlerinnen in Leipzig zusammen. Ist eurer Kurzfilm „Landscape of Absence“ als Kunstprojekt entstanden? Kannst Du mir mehr über die Entstehung eures Films erzählen?

Footage aus den Filmen „Europa“ und „Vertigo“

Wir kommen aus dem Bereich der Bildenden Kunst, insofern ist „Landscape of Absence“  auch als künstlerische Arbeit entstanden. Der Ausgang war ein Gespräch über einen Artikel, der den Bechdel-Test, oder eher Bechdel-Wallace-Test, wie ihn die Zeichnerin Alison Bechdel benannt haben möchte: Wir überlegten, von welchen Filmen wir sagen könnten, dass sie den Test bestanden oder eben nicht bestanden haben – also in denen 1.) mindestens zwei weibliche Filmfiguren einen Namen haben, 2.) miteinander kommunizieren und 3.) über etwas anderes als über Männer. Wir konnten es ad hoc nur in wenigen Fällen bestimmen und begannen zu recherchieren. Das schiere Ausmaß der Filme, in denen die weiblichen Figuren ausschließlich über ihre Relation zu männlichen Figuren dargestellt werden, fanden wir ebenso erschreckend wie die Tatsache unseres fehlenden Bewusstseins darüber. Denn dabei geht es ja nicht nur darum, dass fiktive Protagonistinnen nicht miteinander reden. Vielmehr werden daran reale Macht- und Produktionsbedingungen – in diesem Fall innerhalb der Filmbranche – deutlich, die historisch und bis in die jetzige Zeit hinein männlich dominiert sind, in der Männer Drehbücher schreiben, Regie führen und Filme produzieren, für die anscheinend nur die Beziehungen unter Männern oder von Männern zu Frauen denkbar oder von Wichtigkeit sind. Ausgeklammert wird dabei ein bedeutender Teil weiblicher Realität: die Beziehungen zwischen Frauen. Denkt man das weiter, geht es letztlich darum, ob Frauen ein Subjektstatus zukommt, oder ob sie eben als Hintergrundfolie oder schmückendes Beiwerk für männliche Protagonisten herhalten müssen. Das Phänomen warf für uns Fragen auf verschiedenen Ebenen auf: Fragen der Sichtbarkeit, der medialen Herstellung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern und inwiefern das gesellschaftlich vorherrschende asymmetrische Geschlechterverhältnis im Film reproduziert oder eben auch produziert wird.

Zu Beginn des Projekts stand jedenfalls die Idee, diese Leerstelle zu bearbeiten, indem wir ein Gespräch zwischen vereinzelten Frauenfiguren verschiedener Filme über unseren Schnitt herstellen. Im Laufe unserer Arbeit wurde allerdings eine weitere Ebene bedeutsam: die Redeinhalte der Protagonistinnen gingen selten über den Austausch von Banalitäten hinaus. Es blieb deutlich, dass in unserem Material die Geschichte woanders erzählt wird. Neue spannende oder interessante Dialoge ließen sich damit nicht generieren. Entgegen unseres ersten Impulses kamen wir zu dem Entschluss, die Leerstelle nicht aufzulösen, sondern zum Gegenstand der Arbeit selbst zu machen. Wir entwickelten eine Dramaturgie, in der wir unsere Protagonistinnen auf die Suche nacheinander schickten.

Die dahinterstehende Arbeit des Zusammenschnitts stelle ich mir enorm vor. Wie seid ihr die Recherchen angegangen? Habt ihr alle Filme dazu nochmal sichten müssen?

Footage aus dem Film „Blue Velvet“

Zunächst war uns wichtig, mit Filmen zu arbeiten, die sich in unser eigenes Gedächtnis eingeschrieben haben, also unseren Begriff von Film prägten. Deswegen war ein Auswahlkriterium, dass entweder eine von uns, oder wir beide den Film im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal gesehen haben. Da es aber schlicht nicht leistbar ist, all diese Filme noch einmal in Hinblick auf die Kommunikation zwischen den Filmfiguren anzusehen, behalfen wir uns mit einer Plattform, die diese Recherche bereits geleistet hat: bechdeltest.com. Dort engagieren sich Filmnerds, um Filme eben auf die eingangs genannten Kriterien hin zu untersuchen. Nur am Rande: sie kommen zu dem Ergebnis, dass von den knapp 7.000 getesteten Filmen quer durch verschiedene Filmgenres und Epochen etwa 40% den Test nicht bestehen.

Wir glichen also die von uns gesehenen Filme mit den dort aufgeführten Filmen ab, so kamen 70 Filme aus 90 Jahren Filmgeschichte als Materialpool zusammen – über 100 Stunden Filmmaterial.  

Zu diesem Material hatten wir zweierlei Zugänge: Zunächst über die Tonebene, also das Gesprochene. Da sich über die Dialoge nichts entwickeln ließ, mit dem wir zufrieden waren, trennten wir die Ton- und die Bildebene voneinander und konzentrierten uns auf das Bildmaterial. Wir lösten das Bildmaterial aus den Filmen heraus, das für uns in Frage kommen könnte und begannen, es zu sortieren. Nach unterschiedlichen Kategorien: Kameraeinstellungen, Blickrichtungen, Filmatmosphären, nach der jeweiligen emotionalen Verfassung der Filmfiguren. Dabei fiel uns auch auf, dass es ein festes Repertoire an ähnlichen Mimiken und Gesten gibt, das immer wieder auftaucht, mit dem offensichtlich so etwas wie „Weiblichkeit“ markiert wird. Das haben wir in unseren Schnitt mit aufgenommen.

Im Umgang mit dem Material „lernten“ wir das Material kennen und begannen damit zu spielen. Das war zwar ein aufwändiger Prozess, machte aber auch großen Spaß. Nach und nach entstand die Dramaturgie. Die Tonebene – einzelne Sprachsequenzen – kamen hinzu und zum Schluss entwickelten wir zusammen mit dem Sounddesigner Max Schneider den Sound, u.a. aus verschiedenen Sequenzen von Filmstille.

Der Bechdel-Test ist zur Zeit in aller Munde. Lehnt ihr jetzt Filme, welche den Test nicht bestehen, ab und betraf es auch Lieblingsfilme?

Footage aus dem Film „I hired a Contract Killer“

Ich denke nicht, dass es darum geht, einzelne Filme abzulehnen, in denen keine weiblichen Filmfiguren auftreten oder diese nicht in Beziehung zueinander stehen. Es geht aber wohl darum, eine Struktur abzulehnen, die dieses Phänomen hervorbringt – dass eben nicht nur ab und an einzelne Filme entstehen, die ausschließlich um männliche Protagonisten oder vereinzelte Protagonistinnen kreisen, und die mit stereotypen Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern arbeiten.

Es geht eher darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln auf was für eine Filmgeschichte – auf welches filmgeschichtliche Erbe – wir blicken und welche Konsequenzen wir daraus ziehen. Und da gibt es derzeit Bewegung innerhalb der Filmlandschaft, ebenso in der Kunst – von Diskussionen auf Filmfestivals über Initiativen wie Pro Quote und Pro Regie – die sich bemühen, am ungleichen Geschlechterverhältnis vor und hinter der Kamera zu rütteln. Das Traurige daran ist eigentlich, dass sich Geschichte hier wiederholt: in den 60ern und 70ern, als vermehrt Frauen begannen, Filme zu machen und Filmtheorie zu produzieren, gab es ja bereits breite Diskussionen um die Repräsentation der Geschlechter und um männliche Dominanz im Film. Es scheint so, dass Errungenschaften und Erkenntnisse sich eben nicht von alleine erhalten, sondern dass es Impulse braucht, dass diese nicht wieder vom Status Quo eingeholt werden.  

Und ja, es gab dennoch auch eine persönliche Enttäuschung zu bemerken, dass viele Regisseure, deren Filme wir schätzen, leider keine Ausnahme bilden. Wir haben unter anderem mit Filmen von Jean-Luc Godard, Chris Marker,  Andrei Tarkovsky, Michelangelo Antonioni, Stanley Kubrick, Wong Kar-Wai, David Lynch, Jim Jarmusch, Spike Lee, Aki Kaurismäki, Lars von Trier, Steve McQueen und den Coen Brüdern gearbeitet. Das spricht ja auch für sich.

Hattet ihr von Anfang an vor, es auch auf Kurzfilmfestivals zu zeigen?

Wir haben die Arbeit zunächst für den Kunstraum konzipiert und als Zweikanal-Installation auf zwei nebeneinander frei im Raum schwebenden Leinwänden gezeigt. Es bot sich aber an eine Einkanal-Version für Festivals zu erstellen, um den Film da zeigen zu können, woher das Material ja schließlich stammt – im Kinoraum.

Ihr arbeitet als Künstler-Duo Stiller zusammen. Kannst Du mir zum Schluss noch etwas mehr über eure Arbeit erzählen und ob man wirklicherweise von euch in Zukunft auch noch weitere Kurzfilme zu sehen bekommt?

In unserer gemeinsamen Arbeit ging es immer darum, uns mit Themen auseinanderzusetzen, die uns interessieren, bewegen oder irritieren und durch die Auseinandersetzung eine Form zu finden, in der sich diese konzentriert und im besten Falle auch etwas davon nach außen vermittelt. Und dabei weder den Humor zu verlieren, noch unseren Anspruch an Poesie – das gelingt allerdings nicht mit jeder Arbeit. Wir haben uns mit sehr unterschiedlichen Medien befasst: mit Fotografie, Videoperformances, Installation, sogar ab und an mit Zeichnung. Unsere künstlerische Zusammenarbeit zeichnet sich eher durch eine Suchbewegung aus, die mit jeder Arbeit neu beginnt, als durch eine feste, gesetzte Formsprache, die variiert wird. „Landscape of Absence“ war beispielsweise der erste Film, in dem wir mit Found Footage gearbeitet haben, eben weil es sich zu dieser Thematik nahezu aufgedrängt hat.

Derzeit arbeiten wir an verschiedenen Strängen. Verena befasst sich momentan eher mit methodischen Aspekten. Sie lernt programmieren und arbeitet zum Verhältnis von statistischer Korrelation und Montage / Collage.

Ich beschäftige mich, grob gesagt, mit dem Themenfeld Technologie und Geschlechterverhältnis. Mich interessiert der (männlich-dominierte) Schöpfungsimpuls menschenähnliche Wesen und Maschinen zu erschaffen, sowohl in der Wissenschaftsgeschichte, aber auch dessen Darstellung in Literatur und Film und wie er gerade im Bereich der technologischen Entwicklung von KI und Robotern allerorten Konjunktur hat. Welche Form diese Auseinandersetzung annehmen wird, ist noch offen – die filmische ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Landscape of Absence

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Melina Weissenborn

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