„Rocky – Die Chance seines Lebens“ (1976)

1977 / 49. Oscarverleihung / 10 Nominierungen / 3 Auszeichnungen

Filmkritik: Bei der 49. Oscarverleihung am 28. März 1977 gewann die Trophäe des ‚Besten Films‘ ein Film, von dem man bei der Produktion davon ausging, dass er als B-Movie an den Kinokassen untergeht. Der Boxerfilm „Rocky – Die Chance seines Lebens“ (OT: „Rocky“, USA, 1976) von John G. Avildsen schaffte es nicht nur überraschend in den Box-Office-Listen nach oben und gewann die Herzen die Zuschauer, sondern konnte auch auf der Oscarverleihung 1977 drei der begehrten Preise gewinnen und sich sogar in der Hauptkategorie gegen Konkurrenten wie „Die Unbestechlichen“ (1976) von Alan J. Pakula und Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) durchsetzen.  

Für die Feier des 200-jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten von Amerika sucht sich der ungeschlagene schwarze Schwergewichts-Boxweltmeister Apollo Creed (Carl Weathers) einen Amateur als Herausforder, um zu zeigen, dass der amerikanische Traum für alle wahr werden kann. Ausgewählt wird der aus Philadelphia stammende Boxer Rocky Balbao (Sylvester Stallone), der bisher unter dem Namen ‚The Italion Stallon‘ (der italienische Hengst) eher kleinere Kämpfe bestritten hat. Um sich über Wasser zu halten und vielleicht auch einmal die schüchterne Adrian (Talia Shire), die Schwester seines Kumpels Paulie (Burt Young), auszuführen, verdient er sich seinen Unterhalt als Geldeintreiber des Kredithais Tony Gazzo (Joe Spinell). Doch dieser nun bald bevorstehende Boxkampf könnte seine Chance sein, sich ein neues Leben aufzubauen und so macht er sich daran unter der Leitung seines Trainers Mickey (Burgess Meredith) auf diesen Kampf vorzubereiten.

Carl Weathers und Sylvester Stallone
© Chartoff-Winkler productions

Auf der 49. Oscarverleihung, stattgefunden am 28. März 1977 im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles, erhielt „Rocky“ von zehn Nominierungen drei der begehrten Trophäen. Das waren drei mehr als man sich am Anfang des Projekts für den Film je erträumt hätte. Den ersten Oscar erhielt der Film für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ und dieser ging an den Drehbuchautor und Hauptdarsteller Sylvester Stallone, dessen Leben sich mit diesem Film veränderte und der ihm viele Türen öffnete. Angefangen hatte es damit, dass er sich den Frust von der Seele schreiben wollte. Nach einigen Jahren als unglückseliger Schauspieler versuchte er sich als Autor. Geprägt von dem Jahrhundertkampf zwischen Muhammad Ali und Chuck Wepner, der es schaffte, gegen den Schwergewichts-Champion 15 Runden durchzustehen und in der neunten Runde sogar einen Treffer landen konnte, entstand „Rocky“, das Helden-Epos eines kleinen Mannes. Der damals 28-jährige Stallone war von diesem Kampf sehr inspiriert und so frustriert darüber, dass er als Schauspieler bisher nicht Fuß fassen konnte, dass er sich dem Drehbuchschreiben zuwandte. Die Geschichte des Underdogs, der für seinen Traum kämpft, beinhaltet viele persönliche Einstellungen und vor allem seinen ganzen Frust, über das Stagnieren und darüber, dass ihm, der mit einer halbseitigen Gesichtslähmung geboren wurde, keine Chancen gegeben wurden. Man sah ihn bis dahin zwar in der Hauptrolle von „Brooklyn Blues – Das Gesetz der Gosse“ (1974), aber an weiteren Engagements fehlte es. Zusätzlich baute er in seine Geschichte eine authentische Milieustudie ein und vereinte so American-Dream-Kitsch mit einem echten Abbild des kleinen Mannes. Kein Wunder, hatte er sich doch selbst mit Jobs wie Pizzabäcker und Platzanweiser im Kino durchgeschlagen. Die erste Fassung des Drehbuchs war innerhalb weniger Tage geschrieben und er bot es danach einigen Produzenten an. Das Drehbuch wurden dann durch externe Hilfe im weiteren Verlauf noch angepasst, so dass ihm die US-Filmproduktionsgesellschaft United Artists dafür 75.000 US-Dollar bot. Doch er wollte die Hauptrolle selbst übernehmen und nicht Schauspieler wie Ryan O’Neal, James Caan oder Burt Reynolds in der Hauptrolle sehen. So verzichtete er auf einen hohen Geldbetrag und bekam nur eine wöchentliche Gage von 620 Dollar und 10% der Einspielergebnisse, was sich zu seinem großen Glücksfall erweisen sollte. 

Sylvester Stallone
© Chartoff-Winkler productions

Daraufhin bereitete sich Stallone intensiv auf die Rolle des Boxers vor und trainierte hart. Auch zeichnet er sich verantwortlich für die Box-Choreographien im Film. So entstand eine stark physische Figur, welche auch seine späteren Rollen kennzeichnen sollten. Damit folgten unweigerlich, neben den vielen Fortsetzungen von „Rocky“, Filme wie „Rambo“ (1982), „Cliffhanger – Nur die Starken überleben“ (1993) und der ironisch konzipierte „The Expendables“ (2010). Obwohl der Schauspieler Stallone, der sich für moderne Kunst interessiert und angeblich einen IQ von 141 besitzt, versuchte mit Filmen wie „Tango & Cash“ (1989) und „Get Carter – Die Wahrheit tut weh“ (2000) aus seinem Rollenklischee auszubrechen, wurde er auf diesen Typus festgelegt und ging gleichzeitig als Sinnbild des amerikanischen Traums in die Filmgeschichte ein.Stallone wurde zu Rocky und schuf sich damit die richtige Bühne. Diese hatte seinen Preis und so bekam er den Ruf des miserablen Schauspielers, welcher mit sechs Goldenen Himbeeren untermauert wurde. 

Sylvester Stallone und Talia Shire
© Chartoff-Winkler productions

Der zu der damaligen Zeit unbekannte John G. Avildsen (1935-2017), der sich erst mit den „Rocky“-Filmen (1975, 1990) und der „Karate Kid“-Trilogie (1984, 1986, 1989) einen Namen machen konnte, wurde für das Projekt als Regisseur ausgewählt. Sein Inszenierungsstil ist geprägt von Authentizität und einer lebensechten Kameraarbeit, die sehr beweglich gehalten wurde, vor allem durch den Einsatz der Steadicam des Kameramanns James Crabe. Dafür, dass er den perfekten Stil für den Underdog-Film gefunden hatte, wurde er mit dem Oscar für die ‚Beste Regie‘ ausgezeichnet (der einzige Oscar in seiner Laufbahn). Für die formale Arbeit wurden ebenfalls Richard Halsey und Scott Conrad für den ‚Besten Schnitt‘ ausgezeichnet. Die Dreharbeiten für den Film dauerten unter Avildsens Hand nur 28 Tage und benötigten nur das knappe Budget von etwa einer Million Dollar. Aufgrund dessen wurden die Szenen mit den Statisten alle an einem Tag gedreht und manchmal bleibt der Hintergrund einfach dunkel. Zudem arbeiten sie an Originalschauplätzen in Philadelphia samt den Stufen vor dem Philadelphia Museum of Art, was die natürliche Milieustudie des Buches wunderbar unterstützt. Nur die Schlussszene musste an einem zusätzlichen Drehtag nachgedreht werden, um das Ende Hollywood-gerechter zu machen. Doch im Gesamten wurde der Film äußerst effizient und kostensparend produziert und sollte fortan als B-Movie sein Dasein fristen. 

Sylvester Stallone und  Burgess Meredith
© Chartoff-Winkler productions

Doch nach der New Yorker Premier am 21. November 1976 passierte das, woran keiner in Hollywood geglaubt hatte: Der Film entwickelte sich zum absoluten Überraschungserfolg an den Kinokassen. Er gilt als der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres 1976. Das weltweite Einspielergebnis betrug 225 Millionen Dollar. Im Jahr 1977 konnte bei den Box-of-Office-Erscheinungen nur „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ (1977) „Rocky“ übertrumpfen. Diesen Erfolg verdankte „Rocky“ seinen Zuschauern, welche sich sofort in die Geschichte hineinversetzten konnten. Der Frust über die depressiven Jahre der Nixon- und Ford-Ära machte sich hier bemerkbar. Die Zuschauer sehnten sich nach einem modernen Märchen, das den amerikanischen Traum wieder greifbar machte. So erhielt der Film auch mehr Preise als es jemals erwartet wurde. Neben den drei Oscars erhielt er den Golden Globe in der Kategorie ‚Bester Film‘. Auch schafft er es immer wieder in viele Toplisten, welche über Rollen, Zitate, Musik und Filme im Gesamten aufgestellt werden. Kein Wunder, dass der Film noch vier unmittelbare Nachfolger bekam (1979, 1982, 1985), bei denen meistens Stallone auch die Regie übernahm. 2006 folgte dann mit „Rocky Balboa“ ein starkes Comeback, in dem der mittlerweile 60-jährige Stallone noch einmal in den Ring stieg. Neben einem Musical, das 2012 in Hamburg seine Premiere feierte, kamen in jüngster Zeit noch die Filme „Creed“ (2015) und „Creed II“ (2018) heraus, die sich im gleichen Kosmos bewegen. Rundherum war „Rocky“ ein Film, der den damaligen Zeitgeist traf, obwohl keiner damit gerechnet hatte. So gehört der Film, der zwar auch vor Kitsch und Peinlichkeiten nicht zurückschreckt, heute zu den unwahrscheinlichsten Gewinner des Preises ‚Bester Film‘, doch zeigt er, dass auch die Stimmung der Zeit, diese Wahl beeinflussen kann.    

Sylvester Stallone und Carl Weathers
© Chartoff-Winkler productions

Fazit: Der Boxerfilm „Rocky“ unter der Regie von John G. Avildsen, gewann bei der 49. Oscarverleihung drei Oscars, darunter einen für den ‚Besten Film‘. Mit dieser Ehrung wird der Geschichte des kleinen Mannes gehuldigt, der mit seinem starken Durchsetzungsvermögen seinen Traum wahr machen will. Zum Sinnbild dafür wurde der Drehbuchschreiber und Hauptdarsteller Sylvester Stallone, der sich mit „Rocky“ einen festen Platz in Hollywood erspielte und endlich den Traum einer Schauspielerkarriere erfüllen konnte. So gehen hier Hintergrundgeschichte, Drehbuch und ein authentischer Stil mit ausreichendem romantisierenden Potential Hand in Hand, um zunächst viele Zuschauer für sich einnehmen zu können und dann auch die Auswahlkommission der Academy Awards.  

Bewertung: 6,5/10

Trailer zum Film „Rocky – Die Chance seines Lebens“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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