„Der Junge muss an die frische Luft“ (2018)

© Warner Bros.

Filmkritik: Im Jahr 2015 wurde Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“, mit Devid Striesow in der Hauptrolle verfilmt. Leider hielt der Film nicht das, was man sich von dem ihm versprochen hatte, denn er manövrierte sich zu sehr in pseudo-religiöse Ecke. Doch die neueste Umsetzung eines Buches von Kerkeling – „Der Junge muss an die frische Luft“ (Deutschland, 2018) – macht alles besser, zeigt welche Kraft in der Vorlage steckt und überträgt sie souverän auf die Leinwand.  

Der achtjährige Hans-Peter (Julius Weckauf) wächst Anfang der 1970er Jahre in der Ruhrgebietsstadt Recklinghausen umgeben von einer großen Familie wohlbehütet auf. Doch seine Mutter Margret (Luise Heyer), die im Laden von Oma Änne (Hedi Kriegeskotte) arbeitet, leidet unter schlimmen Depressionen. Er versucht alles um seine Mutter aufzuheitern und entdeckt wie nebenbei sein komödiantisches Talent. Doch Margret kommt aus ihrem Leid nicht heraus, so dass Hans-Peter zu seinen Großeltern Berta (Ursula Werner) und Willi (Joachim Król) ziehen muss, die eigentlich nicht die perfekten Erziehungsberechtigten sind, ihm aber trotzdem die nötige Liebe und Sicherheit geben.

Luise Heyer und Julius Weckauf
© Warner Bros.

2014 erschien Hape Kerkelings (geboren als Hans-Peter 1964 in Recklinghausen) Autobiographie „Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich“. In dieser schildert er seine bewegte Kindheit, die Liebe zu seiner großen Familie, den Selbstmord seiner Mutter und die Dankbarkeit für seine Großeltern. Gleichzeitig erzählt er von den Ursprüngen seines Humors und wie manche Figuren (u.a. Hannilein und Horst Schlämmer) schon damals entstanden sind. Danach zog sich Kerkeling erstmals aus der Showgeschäft zurück und verlieh dem Buch damit eine noch größere Kraft. Diese ehrliche und warmherzige Geschichte wurde nun von Caroline Link für die Leinwand adaptiert. Die Regisseurin, welche neben Filmen wie „Jenseits der Stille“ (1996) und „Exit Marrakech“ (2013) vor allem für „Nirgendwo in Afrika“ (2001) bekannt geworden ist, baut ihre Umsetzung auf die gelungene Drehbuchfassung von Ruth Toma (Autorin vieler bekannter Filme wie „Jetzt oder Nie – Zeit ist Geld“ (2000), „Erbsen auf halb sechs“ (2004) und „3096 Tage“ (2013)) auf. Zusammen schufen sie eine warmherzige Kindheitsgeschichte, die gleichzeitig die Schwere der Tragödie und die Warmherzigkeit einer liebenden Familie spürbar macht. Diese gelungene Mischung aus Drama und Komik und zudem auch noch der Blick in eine andere Zeit Deutschlands machen den Film so unterhaltsam und bewegend. Damit schaffte es der Spielfilm auch eine bronzene Lola des Deutschen Filmpreises 2019 zu gewinnen.

Ursula Werner, Julius Weckauf und Rudolf Kowalski
© Warner Bros. / Julia Terjung

Natürlich wäre diese gelungene Gratwanderung nicht gelungenen, hätten die Filmemacher nicht die perfekte Besetzung gefunden. Selten hat man deutsche Darsteller so lebensecht und liebenswert, ohne unangenehmes hölzernes Verhalten, agieren sehen. Allen voran natürliche der junge Julius Weckauf, der zum Dreh damals elf Jahre alt war und wie die perfekte Verkörperung von Hans-Peter wirkt. Er schafft es, die Traurigkeit, das komödiantische Talent und ein natürliches Kindsein zu verbinden. Ihm zur Seite steht ein wunderbarer Cast an Nebendarstellern. Luise Heyer („Dark“ (2017-2019), „Das schönste Paar“ (2018)) spielt die junge Mutter lebensecht und macht ihre Depression spürbar und auch ihren Kampf dagegen. Sie schafft es die Figur nicht herzlos wirken zu lassen. Auch andere Figuren werden nicht schwarz-weiß gezeichnet. Alle Nebendarsteller geben ihren Figuren die richtige Persönlichkeit. Allen voran bestechen da auch die Großeltern vor allem die beiden Omas, gespielt von Hedi Kriegeskotte („Vorwärts immer!“ (2017)) und Ursula Werner („Wolke neun“ (2008)). Der warmherzige Blick, den Kerkeling auf seine Großeltern hat, wird hier wunderbar übertragen. Hinzu kommt ein wunderbares Zeitkolorit, das die 70er Jahre in der BRD stimmig einfängt. Die Ausstattung, die Locations und die Kostüme untermalen das Städtische genauso gut, wie die warme Sommertage auf dem Land aus der Sicht eines kleinen Jungens. So schafft es Caroline Link ohne wirklich sentimental zu werden, aber mit talentierten Darstellern und einem authentischen Flair, einen warmherzigen Film voller Liebe, Dankbarkeit und die Kraft des Lebens zu erzählen, welcher nicht nur Hape-Kerkeling-Fans berühren wird.

Julius Weckauf
© Warner Bros.

Fazit: Unter der Regie von Caroline Link ist die Verfilmung „Der Junge muss an die frische Luft“ des gleichnamigen, autobiografischen Romans des Comedians Hape Kerkeling, in der er den Tod seiner Mutter und seine Kindheit verarbeitet, eine warmherzige Dramödie geworden. Authentisch, aber trotzdem ins schönste Zeitkolorit getaucht, wird dem Zuschauer die bewegte Kindheit, die Kerkling zu dem machte, der er ist, vor Augen geführt, so dass dieser gar nicht anders kann, als zu lachen und zu weinen, manchmal sogar gleichzeitig.

Bewertung: 8/10

Kinostart: 25. Dezember 2018 / DVD-Start: 22. August 2019

Trailer zum Kurzfilm „Der Junge muss an die frische Luft“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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