Acht Fragen an Marit Weerheijm

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Marit Weerheijm konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Unterwegs“ (OT: „En Route“) erfahren, wie die Idee dazu entstand und was ihr bei der Umsetzung am Herzen lag. Auch berichtet sie von der Suche nach den geeigneten DarstellerInnen und welche Festivals sie mit ihrem Film nach der Premiere auf der 70. Berlinale bereits besucht hat.    

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zu der Ausgangsidee für Deinen Film „En Route“ erzählen?

Vor fast zwei Jahren bemerkte ich, dass es gegenüber von meinem Wohnort eine Tafel gibt. Ich wusste von der Existenz von Tafeln hier in den Niederlanden, aber ich war noch nie dort gewesen, und ich war neugierig darauf, zu sehen, wie sie funktioniert und ob ich helfen könnte, also begann ich einmal pro Woche dort zu arbeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam die Armut in meinem wohlhabenden Heimatland ein Gesicht. Natürlich hatte ich Obdachlose auf der Straße gesehen, aber die Menschen, die ich bei der Arbeit in der Tafel traf, hatten Häuser, Familien und oft sogar bezahlte Jobs. Es fühlte sich an, als hätte ich plötzlich eine neue Perspektive auf die verschiedenen Schichten in unserer Gesellschaft, und darüber wollte ich eine Geschichte erzählen. Als ich das allererste Mal in der Tafel arbeitete, bemerkte ich, als wir mit dem Verteilen des Essens fertig waren, dass es noch viele süße Desserts gab. Viele Menschen lehnten die Puddings oder den Schokopudding ab, weil sie nicht wollten, dass ihre Kinder so viel Zucker bekommen. Und da kam mir die Idee für „En Route“. Diese Stapel von übrig gebliebenen Desserts waren der himmlische Traum eines Kindes und könnten ihr Endziel sein. Auf diese Weise konnte ich die Geschichte der Tafel aus der Perspektive eines Kindes erzählen, und zwar auf eine unbeschwertere Art und Weise.

Was lag Dir bei der Umsetzung am Herzen? Ich denke Realismus stand an erster Stelle?

Inay Heijblom, Alex Dosljak und Mike Libanon

Eine meiner Herausforderungen war es, der Realität gerecht zu werden, vor allem, weil ich dem Publikum keinen negativen Eindruck von der Tafel vermitteln wollte. Weil die Familie zu spät kommt, bekommen sie ihr Essen nicht. Das klingt hart, aber es ist die Realität, denn alles, was nach der Verteilung des Essens übrig bleibt, wird den Leuten gegeben, die noch länger hier geblieben sind. Wenn die Familie eintrifft, bleiben nur noch die Desserts übrig. Ich wollte diese Realität zeigen. Eine andere Realität, die ich dem Publikum zeigen möchte, sind unsere Vorurteile gegenüber Menschen in Armut. Viele Gäste der Tafel sehen nicht so aus, wie man es erwarten würde. Manchmal geben sie sich sogar mehr Mühe mit ihrem Aussehen. Ich wollte, dass diese Familie wie eine Durchschnittsfamilie aussieht, um den Zuschauern zu zeigen, dass wir tatsächlich blind für die Probleme anderer sein können. 

Wo habt ihr den Film gedreht und wie viel Zeit hattet ihr für das Projekt?

Der Film wurde in Amsterdam gedreht, wo ich wohne. Der Weg, den sie nehmen, macht eigentlich keinen Sinn, wenn man einen Blick auf eine Karte wirft, aber visuell hat es wirklich gut funktioniert. Wir haben vier Tage lang gedreht, mit einem freien Tag dazwischen. Wir waren wirklich an das vorhandene Sonnenlicht gebunden, weil der Film früh am Morgen stattfindet, und natürlich haben wir mit Kindern gedreht, so dass die Tage nicht allzu lang waren.

Wie hast Du Deine DarstellerInnen gefunden? 

Mein erster Schritt war die Verteilung von Flugblättern in den verschiedenen Tafeln in Amsterdam. Leider bewarben sich nicht genügend Kinder für unsere Casting-Runde, so dass wir uns anderweitig umsehen mussten. Wir gingen zu Fußballvereinen, Schulen und Theatergruppen, wir verteilten sogar Flugblätter auf der Straße. Schließlich sah Inay unseren Flyer in ihrem Fußballverein und schickte uns ein Video (nach unserem Abgabetermin, aber sie wurde trotzdem bemerkt), und der kleine Junge Alex wurde von einer der Produktionsassistentinnen gefunden, sie war seine Babysitterin. Der Vater wurde über eine Casting-Agentur gecastet. Inay schloss sich mir bei diesen Castings an, um eine Szene mit allen möglichen Vätern zu spielen, was wirklich gut funktionierte.

Wie war es mit Kindern zu drehen? Haben die KinderdarstellerInnen verstanden, was der Hintergrund für den Film ist?

Inay Heijblom und Alex Dosljak

Ich habe schon früher mit Kindern gearbeitet und ich habe immer das Gefühl, dass sie mehr verstehen, als die meisten Menschen ihnen zutrauen. Da die Themen meiner Filme nicht immer einfach sind, möchte ich, dass die Kinder wirklich verstehen, wofür sie sich engagieren. Deshalb spreche ich beim Casting immer darüber, um zu sehen, ob sie mit dem Thema umgehen können und bereit sind, ein Teil der Geschichte zu sein. Inay und Alex haben alles verstanden und waren sehr leicht zu erreichen, was meine Arbeit sehr erleichtert hat. Ich versuche immer, auf die Kinder zuzugehen, als ob sie kleine Erwachsene wären. Wenn man sie unterschätzt, können sie sich herabgesetzt fühlen, aber wenn man ihnen Verantwortung überträgt und sie ernst nimmt, bekommen sie den Drang, einen zu überraschen und sich als echte Profis zu erweisen. Das heißt, wenn man die richtigen Kinder gecastet hat.

Nachdem Dein Film auf der Berlinale seine Weltpremiere hatte – wie wird es weitergehen? Wird er nach der Corona-Zeit auf anderen Festivals zu sehen sein?

Seit der Berlinale war der Film auf einigen wenigen Festivals zu sehen. Das erste war in New York auf dem New York International Children’s Film Festival, kurz vor Corona. Seitdem wurde er auf mehreren Festivals gezeigt, u.a. im kanadischen Rimouski, beim Aspen Shortsfest in den USA, bei GoShort in den Niederlanden und zwei Festivals in Deutschland; Filmfest Dresden und Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen?

Alex Dosljak, Inay Heijblom und Mike Libanon

Ich bin in Utrecht in den Niederlanden geboren, aber ich bin nach Amsterdam gezogen, um 2012 eine Filmhochschule zu besuchen. 2016 schloss ich mit meinem Kurzfilm „When Grey is a colour“ mein Studium als Regisseurin ab. Dieser Film kam auf Festivals auf der ganzen Welt sehr gut an und erhielt sogar einen Student Academy Award, eine große Ehre. Nach diesem Film drehte ich einen weiteren Kurzfilm („Before Dark“) als Regisseurin und Co-Autorin. Das Schreiben fühlte sich wirklich gut an, aber es war sehr intuitiv, ich hatte das Schreiben in der Schule nie gelernt. Auch „En Route“ war ein sehr intuitives Drehbuch, aber es hat mir wirklich Spaß gemacht, es zu schreiben. Nachdem „En Route“ fertig war, beschloss ich, mehr über das Schreiben zu lernen, und so kam ich für dieses Sommersemester an die NYU. Leider wurde dies wegen des Corona-Virus abgesagt. Im Moment versuche ich selbst zu lernen, wie man schreibt, mit Hilfe meiner Schriftstellerfreunde, großartigen Büchern über das Schreiben und natürlich durch die Analyse von Filmen mit ihren Drehbüchern vor mir. Es waren ein paar seltsame, aber definitiv lehrreiche Monate.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe definitiv vor, den Schritt in Richtung Spielfilm zu machen, aber ich möchte, dass meine Ideen ihre vorgesehene Dauer selbst diktieren, wenn das Sinn macht. Erst vor ein paar Wochen habe ich mich um eine Förderung für einen Kurzfilm beworben, den ich mit Saar Ponsioen realisiert habe, die auch „When Grey is a Colour“ geschrieben hat. Die Idee war sehr poetisch und einfühlsam, definitiv nicht für einen Spielfilm geeignet, deshalb haben wir beschlossen, ihn als Kurzfilm einzureichen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „En Route


Interview: In conversation with filmmaker Marit Weerheijm we could learn more about her short film „En Route„, how the idea for it came about and what was important to her in its realisation. She also tells us about the search for suitable actors and which festivals her film visited after the premiere at the 70th Berlinale.

Could you tell me more about the initial idea for your film „En Route„?

Almost two years ago I realized there was a food bank across the street from where I live. I knew about the existence of food banks here in the Netherlands, but I’d never been there and I was curious to see how it worked and if I could help, so I started working there once a week. For the first time in my life, poverty in my prosperous home country got a face. Of course I’d seen homeless people on the streets, but the people I met working at the food bank had houses, families and many times even paying jobs. It felt like I suddenly had a new perspective on the different layers in our society and I wanted to tell a story about that. The very first time I worked at the food bank, I noticed when we were finished handing out the food that there were a lot of sweet desserts left. Many people rejected the fancy custards or chocolate fudge pudding because they didn’t want their children to have all that sugar. And that’s when the idea for „En Route“ came to me. These stacks of leftover desserts were a child’s heavenly dream, and could be their ultimate goal. This way I could tell the story of the food bank from a child’s perspective, in a more light-hearted way.

What was important to you for the realisation? I think realism was in the first place?

One of my challenges was to be true to reality, especially because I didn’t want to give the audience a negative impression of the food bank. Because the family is late, they don’t get their food. That sounds harsh, but it’s reality, because everything that is left after handing out the food will be given to people who kept hanging around for more. When the family arrives, the only thing left are the desserts. I wanted to show this reality. Another reality that I wanted to show to the audience was our prejudices about people in poverty. A lot of customers at the food bank don’t look the way one might expect. Sometimes they even put more effort in their appearance. I wanted this family to look like an average family, to show the audience that we can actually be blind for someones problems. 

Where did you shoot the film and how much time did you have for the project?

The film was shot in Amsterdam, where I live. The route they take actually doesn’t make any sense when you would take a look at a map, but visually it worked really well. We shot for four days, with one day off in between. We were really tied to the available sunlight because the film takes place early in the morning, and of course we were shooting with children so the days weren’t too long.

How did you find your actors? 

My first step was to start handing out flyers at all the different food banks in Amsterdam. Unfortunately not enough children applied for our casting round so we had to start looking elsewhere. We went to soccer clubs, schools and theater groups, we even handed out flyers on the street. Eventually, Inay saw our flyer at her soccer club and sent us a video (past our deadline, but she was noticed anyway), and the young boy Alex was found by one of the production assistants, she used to be his babysitter. The father was casted through a casting agency. Inay joined me in these castings to play a scene with all the possible dads, which worked really well.

How was it to shoot with children? Did the child actors understand what the background for the film is?

I’ve worked with children before and I always feel they understand more than most people give them credit for. Because the subjects of my films are not always easy I want the kids to really understand what they sign up for. Therefore I always talk about it at the casting to see if they can handle the subject and are willing to be a part of that story. Inay and Alex understood everything and were very easy to talk to, which made my job a lot easier. I always try to approach the kids as if they’re tiny adults. If you underestimate them, they can feel belittled, but if you give them responsibilities and take them seriously, they get an urge to surprise you and proof themselves to be real professionals. That is, if you have casted the right kids.

After your film was shown here in Germany at the Berlinale, what will happen next? Will it be shown at other festivals after the Corona time (maybe also in Germany)?

Since the Berlinale the film has been to a few festivals. The first was in New York at the New York International Children’s Film Festival, just before Corona. Since then it has seen multiple festivals, o.a. at Rimouski in Canada, Aspen Shortsfest in the US, GoShort in the Netherlands and two festivals in Germany; Filmfest Dresden and International Short Film Festival Oberhausen. 

Can you tell me a little more about yourself at the end?

I was born in Utrecht in the Netherlands, but I moved to Amsterdam to start filmschool in 2012. I graduated in 2016 as a fiction director with my short film „When Grey is a colour“. This film did really good at festivals all over the world and even received a Student Academy Award, a great honor. After that film I made another short („Before Dark“) as a director and co-writer. Writing felt really good, but it was very intuitive, I had never learned how to write in school. „En Route“ was also a very intuitive script, but I really enjoyed writing it. After „En Route“ finished I decided to learn more about writing and I got into NYU for this summer semester. Unfortunately, because of the Corona virus this was cancelled. At the moment I’m trying to learn myself how to write with help from my writer-friends, great books about writing and of course by analyzing movies with their screenplays in front of me. It’s been a strange but definitely educational couple of months.

Are new projects already planned?

I definitely plan to make the step towards feature films, but I do want my ideas to dictate their intended duration themselves, if that makes any sense. Just a few weeks ago I applied for funding for a short film that I created with Saar Ponsioen, who also wrote „When Grey is a Colour“. The idea was very poetic and sensitive, definitely not suitable for a feature film, so we decided to submit it as a short.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „En Route

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