Elf Fragen an Ivan Sosnin

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Ivan Sosnin konnten wir mehr über seinen Spielfilm „Next Station: Russia“ (OT: „Иваны, помнящие родство“) erfahren, der auf dem 30. Filmfestival Cottbus im Programm ‚Russkiy Den‘ lief, wie er seine Ivan-Geschichten fand und warum er sich für eine emotionale Art des Geschichtenerzählens entschieden hat. 

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir zur Ursprungsidee erzählen – fing alles mit dem Namen Ivan an?

Alles begann damit, dass wir ein paar Kurzfilme zusammen mit einer russischen Firma namens Onkel Wanja (Wanja ist eine Kurzversion des Namens Iwan) drehten. Deshalb haben wir die Hauptfiguren absichtlich Iwan genannt. Dem Publikum und den Produzenten gefiel es, also beschlossen wir, die Anthologie mit dem Namen Ivan zu verbinden. Dieser Name spielt in der russischen Kultur eine wichtige Rolle. Durch einen glücklichen Zufall heißen auch der Regisseur und der Kameramann Ivan. 

Wie hast Du die Ideen für die einzelnen fünf Geschichten entwickelt – gab es wahre Ereignisse oder Begebenheiten, die Dich inspiriert haben?

Ja, einige der Kurzfilme basieren auf realen Geschichten. „The Interview“ basiert auf meiner persönlichen Erfahrung, ich habe meinen Vater auch nie gesehen. Ich habe nur alte Bilder von ihm in unserem Kleiderschrank gesehen. „Goodbye, America“ wurde auch von der realen Geschichte eines Einwanderers aus Indonesien inspiriert. Alle anderen Geschichten sind frei erfunden.

Gab es noch weitere Ivan-Geschichten, die es nicht in den Film geschafft haben?

Unser Team hatte eine Menge Geschichten, die wir machen wollten, aber wir mussten auswählen. Wir wählten aus 10-15 Geschichten und am Ende blieben nur fünf übrig. Vielleicht werden wir in Zukunft alle anderen Ideen verfilmen. 

 Dein Tonlage ist bei allen Episoden sehr gefühlvoll – hattest Du überlegt auch andere Töne anzuschlagen?

Diese Film-Anthologie wurde absichtlich sehr emotional gemacht. Ich verstehe, dass vieles in dem Film sehr naiv und sogar irgendwie ‚märchenhaft‘ ist, aber an diesem Punkt mag ich diesen Stil. Es gibt nicht viele emotionale Filme mit einem Happy End in Russland und das Publikum in unserem Land braucht solche Filme. Jetzt habe ich mehrere neue Drehbücher in Arbeit und ihre Genres sind sehr unterschiedlich.

Wie kam es zu der Anordnung der Episoden? Gibt es eine persönliche Lieblingsepisode?

Da die Idee, alle Geschichten in einer Filmanthologie zu vereinen, erst nach den ersten Episoden aufkam, haben wir versucht, die logischste Lösung zu finden und alles über die Schiene zu verbinden. Die Reihenfolge der Teile wurde anhand der Emotionen gewählt, die der Zuschauer von Film zu Film erlebt. Ich habe eine Lieblingsepisode – „Das Interview“. Auch sie basiert auf meiner persönlichen Geschichte, deshalb ist sie sehr wichtig für mich. 

Dein Film besitzt starke Farben und fängt das Land in sehr schönen Bildern ein – was lag Dir bei der visuellen Ausgestaltung am Herzen?

Ich liebe mein Land wirklich. Ich wollte ein Maximum an verschiedenen Orten, Charakteren und Jahreszeiten zeigen, um den Film abwechslungsreich zu gestalten. Die Dreharbeiten fanden in Moskau, St. Petersburg, im Ural, am Schwarzen Meer und in Wolgograd statt. Deshalb hat der Film einen bunten und so unterschiedlichen Charakter. Wir haben versucht, den ganzen Film mit Handkamera zu drehen, um den Zuschauer näher an das Geschehen auf der Leinwand zu bringen. 

 Hast Du filmische Vorbilder oder Regisseure auf die Du zurück greifst?

Ich kann nicht sagen, dass ich mich auf bestimmte Filme bezogen habe. Da jede Episode an einem anderen Ort und in einer anderen Zeitspanne gedreht wurde, gab es fast keine Referenzen. Wenn ich sage, wessen Arbeit ich mag, dann sind es Martin McDonagh, Damien Chazelle, Xavier Dolan. Ich glaube aber nicht, dass ihre Filme mit unseren vergleichbar sind. 

Was war Dir bei der musikalischen Umsetzung wichtig?

Wir haben die Musik lange und sorgfältig ausgewählt. Wir wollten, dass es populärer russischer Rock ist, der uns 20 Jahre zurück in die damalige Zeit bringt. Es war wichtig, dass die Leute sich nostalgisch fühlen, während sie den Film sehen. 

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen – wie Du z.B. zum Film gekommen bist?

Zur Kinematographie bin ich ganz zufällig gekommen. Das ist eine sehr lange Geschichte. Kurz gesagt, ich habe keine Filmausbildung, ich habe Thermophysik an der Technischen Universität studiert und angefangen, für mich selbst Videoskizzen und Musikvideos zu machen. Das wurde mein Hobby. Dann habe ich das Studium abgebrochen und bin in die Werbung gegangen, habe Erfahrungen beim Drehen von Werbespots gesammelt und angefangen, Kurzfilme zu machen. Ich bin nie wieder an die Universität zurückgegangen. 

Liebst Du selbst Zugfahren und bis Du die Strecke von Moskau nach Wladiwostok bereits einmal gefahren?

Ich liebe es, mit dem Zug zu reisen. Ich mache es selten, aber ich liebe es. Es ist sehr romantisch für mich und bringt mich zurück in meine Kindheit. Ich habe angenehme Emotionen erlebt, wenn wir nur auf diese Weise gereist sind. Man kann in Ruhe nachdenken und sich das Land und die Leute um einen herum anschauen. Ich bin noch nie auf einer so langen Strecke wie Moskau-Wladiwostok gereist. Die längste meiner Reisen war drei Tage von Sotschi nach Jekaterinburg. 

 Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, dieses Jahr fangen wir an, unseren ersten Spielfilm zu drehen. Es ist ein klassischer Roadmovie. Aber dieses Mal ist es die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes, die mit einem Wohnmobil durch Russland reisen. Mehr Details kann ich noch nicht verraten. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Next Station: Russia


Interview: In a conversation with filmmaker Ivan Sosnin, we were able to learn more about his feature film “Next Station: Russia” (OT: “Иваны, помнящие родство”), which screened at the 30th Cottbus Film Festival in the ‘Russkiy Den’ program, how he found his Ivan stories and why he chose an emotional way of storytelling. 

Can you tell me about the original idea – did it all start with the name Ivan?

It all started when we shot a couple of short films together with a Russian company called Uncle Vanya (Vanya is a short version of the name Ivan). That’s why we purposely named the main characters Ivan. The audience and the producers liked it, so we decided to combine the anthology with the name Ivan. This name plays an important role in Russian culture. By happy coincidence, the director and the director of photography are also named Ivan. 

How did you develop the ideas for each of the five stories – were there any true events or incidents that inspired you?

Yes, some of the short films are based on real stories. “The Interview” is based on my personal experience, I never saw my father either. I only saw old pictures of him in our closet. “Goodbye, America” was also inspired by the real story of an immigrant from Indonesia. All the other novellas were made up.

Were there any other Ivan stories that didn’t make it into the film?

Our team had a lot of stories that we wanted to do, but we had to choose. We chose from 10-15 stories and ended up leaving only five. Maybe in the future we will film all the other ideas. 

Your tone is very emotional in all the episodes – had you considered striking other tones as well? 

This film anthology was intentionally made very emotional. I understand that a lot of things in the film are very naive and even kind of “fairy tale”, but at this point I like this style. There are not many emotional movies with a happy ending in Russia and the audience in our country needs movies like this. Now I have several new scripts in the works and their genres are very different.

How did you come to arrange the episodes? Is there a personal favorite episode?

Since the idea of uniting all the stories into a film anthology came after the first episodes, we tried to find the most logical solution and linked everything by the railroad. The sequence of parts was chosen based on the emotions that the viewer experiences from film to film. I have a favourite episode – “The Interview”. Again, it’s based on my personal story, so it’s very important to me. 

Your film has strong colors and captures the country in very beautiful images – what was your main consideration in the visual design?

I really love my country. I wanted to show a maximum of different locations, characters and seasons to diversify the film. The shooting took place in Moscow, St. Petersburg, the Urals, the Black Sea and Volgograd. Therefore, the film has a bright and so different nature. We tried to keep the whole film in hand-held shooting in order to bring the viewer closer to the action on the screen. 

Do you have any cinematic role models or directors you draw on?

I can’t say that I was referring to any specific films. Because each episode was filmed in a different location and time period, there were almost no references. If I say whose work I like, it’s Martin McDonagh, Damien Chazelle, Xavier Dolan. However, I don’t think their films are anything like ours. 

What was important to you in the musical realization?

We chose the music long and diligently. We wanted it to be popular russian rock that would take us back 20 years to that time. It was important that people feel nostalgic while watching the film. 

Can you tell me a bit more about yourself at the end – for example, how you got into film?

I got to the cinematography completely by accident. It’s a very long story. In short, I don’t have any cinema education, I studied Thermophysics at the Technical University and started making video sketches and music videos for myself. It became my hobby. Then I quit university and got into advertising, gained experience in shooting commercials and started making short films. I never went back to university. 

Do you love train travel yourself and have you already traveled the route from Moscow to Vladivostok?

I love to travel by train. I do it rarely but love it. It’s very romantic for me and takes me back to my childhood. I experienced pleasant emotions when we traveled only this way. You can think calmly and look at the country and people around you. I have never traveled such a long route as Moscow-Vladivostok. The longest of my trips was three days from Sochi to Ekaterinburg. 

Are there already new projects planned?

Yes, this year we’re starting to make our first feature film. It’s a classic road movie. But this time it’s the story of a father and son who travel across Russia in a camper. I can’t give you any more details yet. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the film „Next Station: Russia

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