Sieben Fragen an María Cristina Pérez

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Interview: Im Gespräch mit dem kolumbianischen Filmemacherin María Cristina Pérez konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Todo es culpa de la sal“ („It’s All the Salt’s Fault“) erfahren, warum sie diese Familiengeschichte mit Faultieren interessiert, wieso sie sich für eine fragmentierte Struktur entschied und wieso ihr Animationen so viel bedeuten. 

The original english language interview is also available.

Wie hat alles begonnen? Handelt es sich dabei um Deine eigene Familiengeschichte?

Das Konzept ist aus einigen Gefühlen über die Zerbrechlichkeit des Familienlebens entstanden, die aus meinen eigenen Erfahrungen stammen, und auch aus den Erfahrungen ähnlicher Freunde in ihren Familien; die Geschichte handelt also nicht von meiner Familie, sondern von vielen Familien und ihren Beziehungen. Nur ein paar Szenen basieren auf meiner persönlichen Geschichte, das meiste ist Fiktion.

Warum hast Du Dich entschieden, die Geschichte mit Faultieren zu erzählen – warum nicht Menschen oder anderen Tieren?

In meinem zweiten Kurzfilm habe ich Tiere benutzt, um die Geschichte zu erzählen, vielleicht mochte ich von dem Moment an die Idee, darüber zu sprechen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und wie wild wir werden können, in einem Familienkontext. In gewisser Weise halfen mir die Faultiere, das Konzept und die Form der Geschichte zu bereichern. Zunächst wählte ich Faultiere für die Darstellung der Charaktere im Kurzfilm aufgrund einer visuellen Stilentscheidung, denn es sind Tiere mit physischen Merkmalen, die in gewisser Weise dem Menschen ähneln. Faultiere haben keine großen Ohren, keine ausgeprägte Schnauze und keine Hörner, so dass ich ihnen dank ihrer körperlichen Merkmale mehr Ausdruck verleihen konnte. Als ich anfing zu schreiben mochte ich außerdem die Idee, dass einer der Charaktere seine wahre animalische Natur zeigt und auf diese Weise die Geschichte dieser Familie beeinflussen würde.

Außergewöhnlich ist der Aufbau – Szenen werden hier mit Momentaufnahmen aneinandergereiht, wie als ob man sich erinnert. Über diese künstlerische Entscheidung würde ich gern mehr erfahren.

Im Prinzip war die Idee, eine etwas fragmentierte Struktur zu haben, weil ich dachte, dass auch das Gedächtnis fragmentiert und etwas ungeordnet ist. Wenn man sich an ein Ereignis in seinem Leben erinnert, erinnert man sich nicht so detailliert daran, sondern nur an den Moment, der einen am meisten berührt. Manchmal erinnert man sich nur an ein Bild, einen Ausschnitt von dem, was passiert ist. Das fand ich sehr schön: mehrere Situationen zu haben, ohne Verbindungen zueinander, und dass sie dich am Ende mit dem Gefühl zurücklassen, etwas mehr über diese Familie zu wissen, etwas, das sie dir nicht erzählt haben, das du aber wahrnimmst.

Andererseits hat der Kurzfilm einen besonderen Schwerpunkt auf Fotos oder Schnappschüssen, denn es ging auch darum, die Geschichte hinter diesen Bildern zu erzählen. Es ging darum, all das zu enthüllen, was wir verbergen und was wir am Ende preisgeben: die Geschichte, die wir manchmal nicht erzählen und die anders sein kann als das, was wir auf diesen glücklichen Bildern zeigen.

Kannst Du mir mehr zu den Animationen erzählen und was Dir da bei der Umsetzung wichtig gewesen ist?

Ich denke, das Wichtigste für mich ist, dass die Animation eine Ressource ist, um besser die Geschichte zu erzählen, die ich erzählen möchte. Animation ist ein außergewöhnliches Medium, das immer neue Perspektiven und Herangehensweisen an Geschichten bietet, es hilft mir, ein wenig kreativer zu sein, deshalb ist sie nicht nur ein visuelles Werkzeug, sondern letztendlich auch ein Werkzeug zum Erzählen von Geschichten. In diesem Kurzfilm ist die Animation handwerklich, der gesamte Animationsprozess, der normalerweise am längsten dauert, ist handgemacht, jedes Bild wird mit Gouache auf Papier gemalt, was mir erlaubt, die Textur der Farbe, die sichtbaren Pinselstriche zu betonen, im Grunde die Ausdruckskraft der Handarbeit.

War Dir von Anfang klar, dass Du die Geschichte über einen Off-Kommentar erzählen willst?

Ich weiß nicht mehr, ob von Anfang an, vielleicht auch nicht, aber sehr bald entschied ich mich, das Mittel eines Voice-Overs zu nutzen, ich hatte das Gefühl, dass es genau notwendig war, um die Erinnerungen dieser Familie zu erzählen und vor allem, um zu erzählen, was wir in diesen Bildern nicht sehen, was der Protagonist weiß.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir und wie Du zum Film gekommen bist, erzählen?

Ich habe Film und Fernsehen studiert, aber schon sehr früh in meiner Karriere habe ich mich für Animation interessiert. Ich habe viele Animationen und Künstler entdeckt, die ich sofort geliebt habe, ich war fasziniert von der visuellen Kraft, die Animation hat, um Geschichten zu erzählen, also begann ich von diesem Moment an, meine Projekte zu entwickeln. Ich schloss mein Studium mit meinem ersten autodidaktischen Animationskurzfilm ab, und seitdem habe ich nicht aufgehört, Kurzfilme zu machen. „Todo es culpa de la sal“ („It’s All the Salt’s Fault“) ist mein dritter Kurzfilm und ich entwickle weitere Projekte im Bereich Animation.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bin gerade in der Produktion meines nächsten Kurzfilms; er ist in Öl auf Papier gedreht und wird wahrscheinlich Anfang 2022 fertig sein. Ich entwickle auch meinen ersten animierten Spielfilm mit dem Titel „Mi papá el camión“ („Mein Papa der Lastwagen“), eine Geschichte über die zerrüttete Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Es geht um einen Mann, der entdeckt, dass er zu nichts gut ist, außer ein Vater zu sein.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „It’s All the Salt’s Fault


 Interview: In our conversation with Colombian filmmaker María Cristina Pérez, we were able to learn more about her short film “Todo es culpa de la sal” (“It’s All the Salt’s Fault“), why this family story with sloths interests her, why she chose a fragmented structure, and why animation means so much to her. 

How did it all begin? Is it your family history?

The concept is born from some feelings about fragility in family life, taken from my own experiences, and also on similar friend’s experiences in their families; so the story is not about my family, but about many families and their relationships. Only a few scenes are based on my personal story, most of it is fiction.

Why did you decide to tell the story with sloths – why not humans or other animals?

In my second short film, I used animals to tell the story, maybe from that moment I liked the idea of talking about what it means to be human, and how wild we can become, in a family context. In a way, the sloths helped me enrich the concept and the form of the story. At first, I chose sloths to portray the characters in the short film because of a visual style decision, because they are animals with physical characteristics similar, in a way, to humans. Sloths do not have large ears, pronounced snouts, or horns, so, I could give them greater expression thanks to their physical characteristics. Also, when I started writing the story, I liked the idea of one of the characters portraying his true animal nature and acting that way he will affect the history of this family.

The structure is unusual – scenes are strong together here with snapshots as if to depict remembering. I’d love to hear more about this artistic decision.

In principle, the idea of having a bit fragmented structure, was because I considered that memory is also fragmented and somewhat disordered. When you remember an event in your life, you do not remember it in such detail, only the moment that affects you the most. Sometimes you only remember an image, a frame of what happened. This seemed very nice to me: having several situations, without connections to each other, and that in the end, they leave you with the feeling of knowing something more about this family, something that they did not tell you but that you discern.

On the other hand, the short film has a special emphasis on photos or snapshots because it was also about telling the story behind those images. It was about revealing everything that we hide, and we end up revealing: the story that sometimes we do not tell, and can be different from what we are showing in those happy images.

Can you tell me more about the animations and what was important to you in the realization?

I think the most important thing for me is that animation is a resource to tell better the story I want to tell. Animation is an extraordinary medium that always provides new perspectives and approaches to addressing stories, it helps me to be a little more creative, therefore it is not only a visual tool, but it ends up being a story-telling tool. In this short film the animation is artisanal, the entire animation process, which is usually the one that takes the longest, is handmade, each frame is painted with gouache on paper, which allows me to emphasize the texture of the paint, the visible brushstrokes, basically, the expressiveness of manual work.

Did you know from the beginning that you wanted to tell the story through an offcamera commentary?

I don’t remember if from the beginning, maybe not, but very soon I decided to use the resource of a voice-over, I felt that it was necessary precisely to relate the memories of this family and especially to tell what we do not see in these images, that the protagonist knows.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to the film at the end?

I studied Film and Television, but very early in my career, I was interested in animation, I discovered many animations and artists that I loved immediately, I was fascinated with the visual power that animation has to tell stories, so from that moment I began to develop my projects. I graduated from university with my first self-taught animation short film, and since then I have not stopped making short films. “Todo es culpa de la sal” (“It’s All the Salt’s Fault“) is my third short film and I am developing other projects in animation. 

Are there already new projects planned?

I am currently in the production of my next short film; it is made in oil on paper and will probably be finished in early 2022. I am also developing my first animated feature film, titled “Mi papá el camión” (“My Dad the Truck”), a story about the broken relationship between a father and his daughter, it is about a man who discovers that he is not good at anything except being a father.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “It’s All the Salt’s Fault

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