Zehn Fragen an Teresa Hoerl

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Caroline Wimmer

Interview: Im Gespräch mit der deutschen Regisseurin Teresa Hoerl, welche u.a. Kurzfilme wie „Familienzuwachs“ realisiert hatte, konnten wir mehr über ihr Langfilm-Debüt „Nothing More Perfect“ erfahren, das u.a. in Cottbus zu sehen war und gerade bei den Internationalen Grenzland-Filmtagen Selb läuft. Sie erzählt, wie sie zu dem sensiblen Thema – Suizidgedanken unter Jugendlichen – kam, in welcher Weise sie sich dem Thema nähert, welche Rolle Prag dabei spielt und wie sie den hervorragenden Cast zusammenstellte.  

Kannst Du mir zu den Ausgangspunkten für Deinen ersten Langfilm erzählen? Es steht keine wahre Geschichte dahinter, sondern eher der Umgang mit sozialen Netzwerken, richtig?

Ganz am Anfang stand die Auseinandersetzung mit den sozialen Medien, das stimmt. Ich wollte erspüren, was das permanente „online“-sein mit der Generation macht, die gar nichts anderes mehr kennt. Die Themen Depression und Suizid kamen dann im Laufe der Recherche dazu. Mich hat gleichermaßen erstaunt und schockiert wie stark das online präsent ist. Der Fall eines sehr jungen Mädchens, das seinen Suizid live ins Internet gestreamt hat, hat mich besonders betroffen gemacht. Ihre Geschichte wird im Film auch kurz erwähnt. Wie gehen junge Menschen mit solchen Ereignissen um, wie tauschen sie sich darüber aus? So ist nach und nach die Figur Maya entstanden, die selbst so verloren ist, dass sie sich mit ihrem Schmerz an ein online-Publikum wendet. Der Film versucht nachzuvollziehen wie und warum ein junger Mensch den Kontakt zu seinem sozialen Umfeld verliert und in einen Abwärtsstrudel aus dunklen Gedanken gerät.  

Welche Botschaft liegt Dir (vor allem für ein jüngeres Publikum) am Herzen? Aber möchtest Du auch Eltern etwas mit auf den Weg geben?

Für mich ist der Aspekt der Hoffnung ganz entscheidend. Wir haben uns mit „Nothing More Perfect“ entschieden ein Thema, das meist in düsteren Farben oder sogar als Thriller präsentiert wird, farbenfroh, lebensnah und mit Humor zu erzählen. Und ich hoffe, dass dadurch ein Raum entsteht, in dem man sich darüber austauschen kann. Suizidgedanken sind ein Tabuthema. Es gibt eine große Angst vor dem so genannten Werther-Effekt: dass Menschen, die von Suizidgedanken, oder – versuchen lesen, bzw. sie im Film erleben, zum Nachahmen angeregt werden. Deswegen wird oft betont abschreckend oder gar nicht darüber berichtet. Ich glaube aber, dass vor allem junge Menschen mit dem Thema Suizid früher oder später in Berührung kommen, ob nun bei der Lektüre von „Romeo und Julia“ oder eben online. Deshalb ist es wichtig, dass wir Wege finden, wie wir darüber sprechen und uns austauschen können, ob nun online oder offline, in Print-, in visuellen Medien oder innerhalb von Familie und Freundeskreisen. Psychische Probleme und Erkrankungen können zum Tod führen. Das ist etwas, das in unserer Gesellschaft passiert. Wir können das nicht wegschweigen. Im Gegenteil: ich glaube, dass das Sprechen darüber und der Austausch wichtig sind. Ich wünsche mir, dass wir lernen mehr über unsere Gefühle zu reden – auch und gerade dann, wenn diese Gefühle schwer und traurig sind. In der Möglichkeit miteinander auch über unseren Schmerz in Kontakt zu kommen, sehe ich sehr viel Hoffnung und Potential. Ein ganz wichtiger Aspekt dabei ist auch das Zuhören. Genau das schaffen die Eltern im Film, zum Beispiel, nicht: Einfach mal die guten Ratschläge beiseite zu lassen und richtig hinzuhören, wie es ihrer Tochter geht. 

Kannst Du mir mehr zu den Dreharbeiten erzählen: Wie lange habt ihr im Gesamten gedreht? Wie war es vor Ort zu drehen?

Wir haben drei Wochen gedreht. Den Großteil davon in Prag. Einige Szenen spielen aber auch in München und im Bayerischen Wald. Wir wollten vor allem in Prag möglichst flexibel sein. Unser Ziel war es an den Touristen-Hotspots zu drehen und uns unters Volk zu mischen. Das geht nur mit einer kleinen Crew und mobilem Equipment. Große Teile des Films sind mit der Handkamera gedreht. Viele kleine Rollen, die auftauchen, wie z.B. der Maler auf der Karlsbrücke, sind Originale – sprich Menschen, die in Prag leben und bereit waren bei den Dreharbeiten dabei zu sein. So entsteht das Gefühl, dass wir als Zuschauer*innen wirklich bei einem Familientrip dabei sind. In der Filmhandlung versuchen Mayas Eltern ihre depressive Tochter durch eine gemeinsame Prag-Reise „aufzumuntern“. Die Schauspieler*innen interagieren mit der Stadt Prag und ihren Bewohner*innen. Natürlich gibt es auch immer wieder Szenen, die nur so scheinen als spielten sie an belebten Orten. Trotzdem war uns wichtig, dass permanent der Eindruck von Trubel entsteht. So wirken die Szenen, in denen Maya allein ist, in ihre Handykamera spricht, oder sich verloren fühlt, doppelt stark. Durch den Kontrast von Gewusel und Stille kann man die innere Einsamkeit, die Maya in das Forum ‚death-lover.com‘ treibt, so richtig spüren.  

Warum hast Du Dich für Prag entschieden? 

Die Geschichte um Maya ist in Teilen inspiriert von Beobachtungen und Begegnungen, die ich in Prag gemacht habe. Besonders die Figuren Dieter und Henri – Mayas Eltern – habe ich in Prag recherchiert. Tatsächlich kommen viele Leute aus Deutschland in die Stadt, um über ein verlängertes Wochenende dort in Bars und Clubs Feiern zu gehen. Das beginnt beim Junggesell*innen-Abschied und endet bei der Abifahrt. Zeitweise nimmt (bzw. nahm) das richtige „Ballermann“-Ausmaße an. Die Nightlife-Locations hatten also eine ganz durchmischte Altersstruktur. So war es tatsächlich möglich, dass man in Prag ein Elternpaar mit ihrem Teenager-Kind im Club antreffen konnte. Auch die Geschichte um den Medizinstudenten Sev, den Maya kennenlernt, ist typisch Prag. Die Stadt ist bzw. war ein Ort, an dem viele so genannte Expats – also Auswanderer auf Zeit – leben. Sei es, um ein Gap-Year zu machen, zu studieren, oder einfach nur eine Weile lang das Leben zu genießen. Prag wirkt wie ein Magnet für feierwütige und verlorene Seelen.

Bemerkenswert ist auch die Aneignung des visuellen Stils der Selfie-Generation. Kannst Du mir etwas zu den Entscheidungen über die Art der Filmaufnahmen erzählen? Die DarstellerInnen haben auch selbst gedreht, oder? Gab es da Anweisungen oder durften sie improvisieren?

Die Darsteller*innen waren, was das Filmen mit dem Handy angeht, auf jeden Fall sehr versiert. Das ist inzwischen ja etwas ganz Selbstverständliches so ein Selfie-Video oder auch das Mitschneiden von allen möglichen Erlebnissen für die Social Media Plattformen. Da gab es also wenig Anweisungen. Eine spannende Frage für uns war im Vorfeld, ob wir Video im Hochformat integrieren wollen. Die war aber ziemlich schnell mit „ja“ beantwortet. Video-Content für alle Arten von Apps werden ja inzwischen häufiger im Hochformat als im Querformat gedreht. Wenn man jetzt im Kino sitzt und im Film wird aus einer Szene in ein Handy-Video geschnitten, gibt es diesen irren Effekt, dass plötzlich der größte Teil der Leinwand schwarz ist. Das fanden wir total spannend. Auch auf der Audio-Ebene haben wir den Unterschied ganz bewusst eingesetzt. Der Ton der Filmhandlung ist Kino-Ton. Die Handyvideos klingen auch nach Handy-Ton. Plötzlich fokussiert und beschränkt sich die eigentlich sehr breite Welt auf einen winzigen Ausschnitt. 

Kannst Du mir mehr zu ‚Death Lovers‘ erzählen – gibt es dafür reale Vorbilder – hast Du dafür eine App entworfen oder Bestehendes verwendet?

Eine App, wie die im Film, gibt es nicht. Im frei erfundenen Forum ‚death-lover.com‘ vereinen wir verschiedene Aspekte, die es auf anderen gängigen Social-Media-Plattformen gibt: die Möglichkeit live Videos zu senden, zu kommentieren, zu liken, Kommentare und Nachrichten zu schreiben. Leider aber gibt es das Phänomen, dass Menschen mit Suizidgedanken sich online treffen wirklich. Das passiert auf ganz unterschiedlichen Wegen über spezielle Foren oder Gruppen in gängigen Apps. Aber: findet man dort wirklich Verständnis und Hilfe, oder nicht eher einfach nur Schaulustige und Sensationshungrige? Diese Frage wirft „Nothing More Perfect“ auf. Richtig und wichtig ist es, sich bei Gedanken an Selbstmord sofort ehrlich zu äußern, mit jemandem zu sprechen, der sich kümmern kann. Das können die Eltern sein, liebe Menschen, oder auch eine Beratungsstelle wie die „Nummer gegen Kummer“. Das ist etwas, das der Film auch anregen will: Es ist nicht nur ok, sondern ganz wichtig ehrlich zu sagen, wenn es einem nicht gut geht. 

Kannst Du mir mehr zu Deinem Casting erzählen – speziell wie Du die Jungdarstellerin Lilia Hermann gefunden hast, aber auch wie Du die restliche Crew zusammengestellt hast?

Für die Rolle Maya haben wir fast ein Jahr lang gecastet. Über Schulen, Theatergruppen, Sportvereine, Tanz-Studios und auch bei professionellen Kinder- und Jugend- Schauspiel-Agenturen. Letztendlich haben wir Lilia über ihre jetzige Agentin Anne Walcher entdeckt. Die wusste damals, dass wir auf der Suche nach einer jungen Schauspielerin sind, die einen Langfilm tragen kann. So ist Lilia dann bei uns im Casting gelandet. Und da hat dann direkt ganz viel gestimmt. Sie hat wirklich großes Talent. Mira Partecke war von Anfang an für die Rolle Henri vorgesehen. Und als dann Thorsten Merten für Dieter noch an Bord kam, war die Familie Schiller komplett. Bei der Crew hatte und habe ich das Glück, dass ich bereits seit 2016 mit denselben Leuten auf den Kernpositionen arbeiten kann und darf. Da gehören der Produzent Markus Mayr, Kameramann Johannes Brugger und Szenenbildnerin Susanna Haneder dazu. Das war natürlich toll schon als eingeschweißtes Team an die ganze Sache herangehen zu können. 

Wie war es für Lilia Hermann diese Rolle zu spielen, welche aus einem unerfindlichen Grund traurig ist – wie gut konnte sie sich da rein fühlen?

Diese Frage kann ich schlecht anstelle von Lilia beantworten. In vergangenen Q&As auf Festivals hatte sie beschrieben, dass sie die Drehbuchtexte als sehr treffend empfindet, was so ein Grundgefühl in ihrer Generation angeht. Beim Dreh selbst haben wir eigentlich immer ganz stark versucht ‚Einfühlung‘ als Schauspiel-Technik zu vermeiden. Das hat natürlich mit dem Thema zu tun. Aber auch generell ist es mir als Regisseurin wichtig, dass vor der Kamera eine Figur entsteht, die eben als Figur authentisch und stimmig agiert. Damit das klappt dürfen die gespielten Gefühle gar nicht zu privat werden. Die Trennung von Fiktion und Realität, Humor, das Lachen im Team, das immer wieder Heraustreten aus der Thematik war für alle Beteiligten im Entstehungsprozess des Films total wichtig. 

Kannst Du schon sagen, wie es mit Deinem Film jetzt weitergehen wird? Sind bereits Kinostarts trotz Corona geplant? 

Leider hat uns Corona bisher tatsächlich einen fetten Strich durch die Kinoauswertung gemacht. Im Moment weiß ja niemand wie und wann es weitergehen wird, bzw. kann mit Independent-Filmen und der großen Leinwand. Wir hoffen das Beste! Parallel sind wir aber auch dran Möglichkeiten zu denken, wie wir den Film im richtigen Rahmen online zugänglich machen können. Da gibt es schon eine vielversprechende Option. 

Wie geht es bei Dir weiter – hast Du schon neue Ideen für weitere Filme?

Ich arbeite an meinem nächsten Film. Hier wird es um einen hochbegabten Jungen bzw. jungen Mann gehen, der mit seinen Talenten nicht so richtig etwas anzufangen weiß. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Films „Nothing More Perfect

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