„Der Rausch“ (2021)

Filmkritik: Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg schaffte es schon immer, die Abgründe der menschlichen Natur in seinen Filmen einzufangen – ob nun mit seinem Dogma-Film „Das Fest“ (1998), welcher in das brüchige Herz einer Familie schaute, oder mit seinem Film „Der Jagd“ (2012), der zeigt wie schnell Menschen rot sehen können. Jetzt beschäftigt er sich in seinem neuesten Film „Der Rausch“ (OT: „Druk“, Dänemark, Schweden, Niederlande, 2021) mit Männern in der Midlife Crisis, die mit Alkohol einen Ausweg suchen, und bekam dafür den Oscar für den ‚Besten Internationalen Spielfilm‘ verliehen. 

Der Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) hat jeglichen Schwung verloren, während sich SchülerInnen am Wochenende mit viel Alkohol das Leben genießen, bleiben für ihn nur Langweile und Trott im Beruf ebenso wie im Eheleben. Als er zusammen mit seinen beiden Kollegen Peter (Lars Ranthe) und Tommy (Thomas Bo Larsen) den 40. Geburtstag von Nikolaj (Magnus Millang) feiert, besteht er darauf keinen Alkohol zu trinken. So kommen die Freunde schnell in eine Diskussion über die These des Psychiaters Finn Skårderud, der behauptet, dass der Mensch einen gleichbleibenden Alkoholpegel von 0,5‰ braucht, um sein volles Potential entfalten zu können. Also stoßen die Freunde kräftig an und beschließen am nächsten Tag, dies in einem kontrollierten Experiment fortzuführen, welches  bereits am ersten Tag Wirkung zu zeigen scheint.

Magnus Millang, Lars Ranthe und Mads Mikkelsen

Auch in seinem elften Spielfilm beschäftigt sich der dänische Regisseur Thomas Vinterberg (*1969), der zusammen mit Tobias Lindholm das Drehbuch geschrieben hat, mit dem Menschen, seinen Sehnsüchten und versteckten Wünschen. Hier nun stellt er vier ganz normale Lehrer in der Mitte ihres Lebens vor, die trotz ihres Berufs (vielleicht sogar Berufung), ihrer Familie und Freunden ihren Schwung verloren haben. Die Tage sind unmotivierender Einheitsbrei. Doch mit ihrer Idee eines stetigen Alkoholpegels wollen sie aus dem Trott ausbrechen. Das scheint genau der Motor zu sein, den sie brauchten, um wieder zu erkennen, was sie an ihrem Leben haben. So legt der Film den Finger in die richtigen Wunden, denn eigentlich brauchen sie den Alkohol nicht, um glücklich zu werden. Es ist alles vorhanden, was zu einem guten Leben gehört. Das ist die Tragik, welche dahinter steckt und die die ZuschauerInnen auch eine gewisse Distanz zu den Figuren aufbauen lässt, weil diese zu ignorant sind, um zu erkennen, was sie bereits haben. Zudem wird der Alkoholkonsum hier zu sehr gewürdigt, statt in noch mehr und drastischeren Bildern zu zeigen, was er anrichten kann. Gerade die Schlusssequenz, in der Mads Mikkelsen einen wunderbaren Tanz vollzieht, zelebriert etwas zu sehr den Genuss. Doch abseits dieses etwas zu positiven Bildes dieser nicht zu unterschätzenden Droge, enthält der Film viele Wahrheiten, welche hier ein stimmig eingebaut wurden.

Mads Mikkelsen

Ausgestaltet ist der Film zwar nicht mehr im Dogma-Gewand wie die früheren Arbeiten des Regisseurs. Aber die Realitätsnähe und die nahe Kameraführung sind auch hier vorhanden. Umgesetzt hat Vinterberg den Film mit einem großartigen Cast, welcher den Figuren die nötige Lebensnähe verleiht. Vinterberg hat auch hier wieder mit Mads Mikkelsen („James Bond 007: Casino Royale“ (2006), „The Salvation“ (2014)), mit dem er schon zwei Projekte auf die Beine gestellt hat, zusammengearbeitet. Im Ganzen entstand ein Film, der wieder in die menschliche Natur vordringt, sie beleuchtet und es so mit seiner Eindringlichkeit vielleicht schafft, dass sich der eine oder andere darin wiedererkennt. Außerdem wurde „Der Rausch“ für zwei Oscars nominiert, u.a. für die ‚Beste Regie‘ und konnte den Oscar für den ‚Besten Internationalen Film‘ gewinnen und damit Filme wie das chinesische Drama „Better Days“ ausstechen.

Mads Mikkelsen und Maria Bonnevie

Fazit: Der dänische Spielfilm „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg, einer der Oscargewinner des diesjährigen Jahres, erzählt von den Sorgen und Nöten einiger Mittvierziger, die sie auf ihre Weise lösen wollen. Ein wenig Verherrlichung von Alkoholkonsum steckt genauso in dem Film drin, wie die realitätsnahe Schilderung dessen, was Männer in diesem Alter antreibt. So gelang Vinterberg ein guter Einblick in die Gefühlswelt erwachsener Männer und er setzt dies tadellos in seinem gewohnten Stil und mit einem überzeugenden Ensemble um.

Bewertung: 6,5/10

Kinostart: 22. Juli 2021 / DVD-Start: 26. November 2021

Trailer zum Film „Der Rausch“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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