Sieben Fragen an Rémi Murez

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Interview: Im Gespräch mit dem belgischen Regisseur Rémi Murez konnten wir mehr über seine Kurz-Doku „The Gray Shrimp Report“ (OT: „Le constat de la crevette grise“) erfahren, welche auf dem 64. DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte, wie er sich dem Thema seines Filmes annäherte, die ProtagonistInnen fand und warum hier die visuelle Ebene teilweise losgelöst ist von dem gesprochenen Wort.

The original english language interview is also available.

Mit dem Bericht über den Fund hat alles angefangen, richtig? Wie ging es von da aus weiter?

Ja, in der Tat! Zuerst war ich schockiert und dann sehr neugierig. Wie war es möglich, dass ich noch nie von einer solchen Katastrophe gehört hatte? Und doch war sie da, direkt vor den Stränden, an denen ich als Kind viele Urlaube verbracht hatte. Also beschloss ich, nachzuforschen. Und während meiner Nachforschungen wurde mir das Ausmaß dieser Katastrophe bewusst, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Diese Tragödie ist überall in der Nordsee zu finden, nicht nur in Belgien, und es handelt sich um mehr als Tausende von Tonnen chemischer und konventioneller Waffen. Von diesem Moment an konnte ich nicht mehr zurück, ich musste einen Film darüber machen! Ich fühlte mich fast verantwortlich und konnte es nicht mehr für mich behalten. Die Entscheidung war naheliegend, da ich eine Leidenschaft für das Meer, die Natur, die Ökologie und das Kino habe.

Wie habt ihr eure ProtagonistInnen für die einzelnen Stationen, welche die Shrimps durchlaufen, gefunden? 

Zu Beginn habe ich, wie gesagt, umfangreiche Nachforschungen zu diesem Problem angestellt. Ich traf Wissenschaftler und Journalisten, die Probleme ankündigten, die mein Verständnis überstiegen. Was konnte ich als Einzelner angesichts des gigantischen Ausmaßes des Problems tun? Ich glaube, dass man als Einzelner verzweifelt, wenn man von riesigen Katastrophen erfährt, die zu erklären oder zu lösen sich die Fachleute bereits bemühen. Deshalb beschloss ich, das Problem in Belgien “zusammenzufassen” und wandte mich an Menschen, die normalerweise nicht über Probleme sprechen dürfen, die sie betreffen. Von dort aus fuhr ich an die Nordsee, um Menschen zu befragen, die von den im Wasser freigesetzten Chemikalien betroffen sein könnten.

Meine Hoffnung war es, die Situation auf ein nationales Problem zu fokussieren, indem ich die Garnele, ein typisches belgisches Gericht, als Leitfaden für den Film benutzte. Auf diese Weise konnte ich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten treffen, französisch- und niederländischsprachig, was bei jedem Zuschauer eine gewisse Identifikation hervorrufen könnte. Ich wollte, dass sich jeder betroffen fühlt.

Habt ihr direkt nach bestimmten ArbeiterInnen aus der Produktionskette gesucht?

Nicht wirklich, ich habe mit Menschen gearbeitet, die meist offen für Gespräche waren. Menschen, die sich von dem, was ich ihnen erzählte, berührt fühlten, oder die bereits Bescheid wussten und tiefergehend darüber sprechen wollten. Mir wurde klar, wie sehr die Stimme nicht den richtigen Leuten gegeben wurde, mit anderen Worten den Menschen, für die diese ökologische Katastrophe ihr Leben (Einkommen, Arbeit) ruinieren könnte.

Wie viele Menschen sind Dir begegnet – viel es Dir schwer die richtige Auswahl zu treffen?

Während des Scoutings musste ich etwa zwanzig Personen treffen, dann wählte ich etwa zehn für die Dreharbeiten aus. Alle Gespräche waren sehr fesselnd und berührend. Das Schwierigste für den Film war, aus diesen stundenlangen Interviews die Worte auszuwählen, die ihre Botschaften am besten wiedergeben würden.

Welche Botschaft lag Dir am Herzen?

Ich bin besorgt über den Zustand unserer Welt im Allgemeinen und mein Ziel ist es nicht, den Menschen zu sagen was sie tun sollen. Ich würde sagen, dass mein Ziel darin besteht, eine Frage zu stellen. Warum verschließen wir die Augen vor Problemen, die tatsächlich vorhanden sind? Warum gehen wir das Risiko ein, zu warten, bis sie gelöst sind? Warum haben wir Metall 100 Jahre lang korrodieren lassen, bis es schließlich Chemikalien ins Wasser abgibt? 

Wenn Probleme verschwiegen werden, machen wir immer weiter. Das 35.000 Tonnen schwere Bombenlager unter der undurchsichtigen und grauen Nordsee ist einerseits eine schöne Metapher für unsere modernen Gesellschaften, die im Namen des “Fortschritts” immer weiter voranschreiten. Andererseits ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, der man sich als Einzelner stellen muss. Denn wir alle haben unser Leben, unsere Arbeit, unsere Familie.

Der Film besitzt einen sehr gelungenen visuellen Stil – worauf hast Dein Augenmerk gelegt? 

Ich bin von Haus aus Kameramann. Das Bild ist also meine Art, eine Geschichte zu erfassen und zu erzählen. Die Konfrontation des Zuschauers mit dem Ton und dem Bild ruft in ihm Gefühle hervor, die dann aus dem Unbewussten auftauchen. Es erschien mir wichtig, den Zuschauern einen Film von hoher technischer Qualität zu bieten. Vor allem, weil die Videos im Internet, die uns zu verschiedenen Problemen aufrufen, so zahlreich sind, dass unser Gehirn gezwungen ist, sie zu unterdrücken. Wenn man jedoch einen Film mit einer gewissen technischen Qualität anbietet, kann man die Menschen tiefer erfassen, sie emotionalisieren. Diese sehr frontale und symmetrische Art des Filmens, mit dieser totalen Füllung der Leinwand, wurde mit dem Ziel gemacht, den Zuschauer mit dem zu konfrontieren, was ihm gezeigt wird. Dies unterstützt meiner Meinung nach auch den Ernst der Situation.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, sie nur aus dem Off reden zu lassen?

Meiner Meinung nach ist das einzige, was an einem gefilmten Interview interessant ist, das, was gesagt wird. Warum sollte man den Betrachter mit redundanten Aufnahmen von Interviews verlieren, wenn die Resonanz auf das, was die Leute sagen, durch Bilder weitaus mehr Bedeutung erzeugt. Gleichzeitig kann man über das Gesagte und Gezeigte nachdenken. Eine Aufnahme hat genauso viel Bedeutung wie ein Satz. Zusammengenommen ergeben sie eine neue Bedeutung.

Kannst Du mir noch mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Bevor ich anfing, Film zu studieren, fühlte ich mich verloren. Ich wollte so viele verschiedene Dinge tun. Es schien unmöglich, sich nur für eine Berufung zu entscheiden! Deshalb wollte ich mit dem Kino anfangen, denn es hat keine Grenzen, es ist eine fast ‚allmächtige‘ Kunst. Mit dem Kino kann man durch Zeit, Raum und Träume reisen. Heute ein Dreh auf einem Fischerboot auf der Nordsee, morgen ein neues Abenteuer. Das Kino sollte es mir ermöglichen, all meine Entdeckungswünsche in einer einzigen Berufung zu verwirklichen. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung und der verschiedenen audiovisuellen Projekte, an denen ich beteiligt war, habe ich beschlossen, mich auf sozial und ökologisch engagierte Dokumentarfilme zu konzentrieren. Ich möchte mich mit meiner Kamera mit diesen Themen beschäftigen, die mir besonders wichtig erscheinen. 

Die Doku war dein Abschlussfilm – wie geht es jetzt weiter?

Obwohl es an Ideen nicht mangelt, ist es schwierig, einen Film zu machen, da ich nun allein in der Berufswelt bin. Genau aus diesem Grund konzentriere ich mich auf eine Bewerbung, um mein Studium mit einem Master-Abschluss fortzusetzen, der sich auf dokumentarisches Storytelling konzentriert. Ich möchte mein Wissen immer noch inmitten von Fachleuten testen und meine Fähigkeiten in der Kunst des Dokumentarfilms perfektionieren. Aber egal, was passiert, ich wünsche mir von ganzem Herzen, weiterhin Filme zu machen und sie zu teilen. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Gray Shrimp Report


Interview: In our interview with the Belgian director Rémi Murez we were able to learn more about his short documentary “The Gray Shrimp Report” (OT: “Le constat de la crevette grise”), which celebrated its world premiere at the 64th DOK Leipzig, how he approached the subject of his film, found the protagonists and why here the visual level is partially detached from the spoken word.

It all started with the report about the find, right? Where did it go from there?

Yes indeed! First, I was shocked and then very intrigued. How was it possible that I had never heard of such a catastrophe? Yet it was there, right in front of the beaches where I spent many vacations as a child. So I decided to investigate. And it was during my research that I realized the seriousness of this disaster, unknown to the public. This tragedy is widespread everywhere in the North Sea, not only in Belgium, we are talking about more than thousands of tons of chemical and conventional weapons. From that moment on, I could not go back, I had to make a film about it! I felt almost responsible and couldn’t keep it to myself anymore. It was an obvious choice, as I am passionate about the sea, nature, ecology and cinema.

How did you find your protagonists for each of the stages the shrimp go through?

At the very beginning, as said before, I did extensive research on the problem. Meeting scientists and journalists who announced problems that were beyond my understanding. What could I do as an individual in front of the gigantism of the problem? Indeed, I think that, as an individual, when we learn about huge catastrophes – that professionals are already struggling to explain or solve- , we feel desperate. That’s why I decided to “summarize” the problem in Belgium and approached people who are not usually allowed to speak about problems that concern them. From there, I went to the North Sea to interview people who could be affected by the chemicals released in the water.

My hope was to focus the situation on a national problem, using the shrimp, a typical Belgian dish, as the guiding line of the film. By following it, I was able to meet people from all social classes, French and Dutch speaking, which could elicit some kind of identification from any viewer. I wanted everyone to feel concerned.

Were you looking directly for specific workers in the production chain?

Not really, I worked with people who were mostly open to conversation. People who felt touched by what I was telling them, or who already knew and wanted to talk about it more in depth. I realized how much the voice was not given to the right people, in other words the people for whom this ecological catastrophe could ruin their lives (income, work).

How many people did you meet – was it difficult for you to make the right choice?

I had to meet about twenty people during the scouting, then I selected about ten for the shooting. All the discussions were very engrossing and touching. The hardest part for the film was to select, from these hours of interviews, the words that would best serve their messages.

What message was close to your heart?

I am concerned about the state of our world in general and my goal is not to tell peoplewhat to do. I would say that my goal is to highlight a question. Why are we turning a blind eye to problems that are actually there? Why do we take the risk to wait to solve them? Why did we let metal corrode for 100 years until it finally releases chemicals into the water?

When issues are hidden we keep moving forward. The 35.000 tons of bomb deposit hidden under the opaque and grey North Sea is, on one hand, a beautiful metaphor of our modern societies which continue to advance in the name of “progress”. And, on the other hand, a challenging task to tackle as an individual. As we all have our lives, our work, our family…

The film has a very strong visual style – what was important to you on that level?

I’m a director of photography by formation. The image is therefore my way of apprehending a story and telling it. The confrontation of the spectator with the sound and the image brings out feelings in him which then emerge from the unconscious. It seemed essential to me to offer to the spectators a film of a great technical quality. Mainly because videos on the Internet calling us on various problems are so numerous that our brain is obliged to suppress them. Nevertheless, by offering a film with a certain technical quality, one allows to mark more deeply the people, to emote them. This very frontal and symmetrical way of filming, posed with these total fillings of screen was made with the objective to confront the spectator with what is shown to him. This also supports, in my opinion, the gravity of the situation.

Why did you choose to have them speak only off-screen?

As far as I am concerned, the only absorbing thing about a filmed interview is what is expressed. Why would you lose the viewer in redundant shots of interviews, when resonating through images with what people are saying will create far more meaning. While, at the same time, allowing for reflection on what is said and shown. A shot carries meaning just like a sentence. Put together, they add a new meaning.

Can you tell me more about yourself and how you got into film?

Before I started studying film I found myself lost. I wanted to do so many different things. It seemed impossible to choose only one vocation! That’s why I wanted to start cinema, because it has no limits, it’s an almost “omnipotent” art. With cinema, you can travel in time, space and dreams… Today, a shooting on a fishing boat in the North Sea, tomorrow, a new adventure. The cinema was going to allow me to realize all my desires of exploration in a single vocation. It is through my personal expertise and the various audiovisual projects I participated in that I decided to focus on socially and ecologically engaged documentaries. I want to engage my camera in these issues that seem paramount to me. 

The documentary was your graduation film – what’s next for you?

Although there is no shortage of ideas, it is difficult to make a film now that I am alone in the professional world. Which is exactly why I am focusing on an application to continue my studies with a master’s degree that focuses on documentary storytelling. I still want to test my knowledge surrounded by professionals, perfecting my skills in the art of documentary. But no matter what happens, I wish with all my heart to continue making films and sharing them. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “The Gray Shrimp Report

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