Acht Fragen an Hendrik Ströhle

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Hendrik Ströhle konnten wir mehr über seine 28-minütige Dokumentation „Berühr’ mich“, der u.a. auf den 32. Bamberger Kurzfilmtagen zu sehen war, erfahren, wie er zu dem Thema Sexualassistenz kam, wie er das Vertrauen gerade für die intimen Szenen gewinnen konnte und wie der Film vom Publikum aufgenommen wird.

Wie hat das Filmprojekt begonnen? Wie hast Du Christine und Thomas kennengelernt?

Berühr’ mich“ ist im Rahmen meines Studiums an der Filmakademie entstanden. Am Anfang stand das Thema Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung. Ich habe das Thema kurz in einer Überschrift in einer Zeitung entdeckt und war sofort interessiert. Mich hat stutzig gemacht, dass ich mir über die Sexualität von behinderten Menschen noch nie Gedanken gemacht habe und ich habe mich gefragt woher das kommt. Immerhin sind wir von Sex oder zumindest dem Versprechen davon umgeben: In der Werbung, in Filmen oder aus Pornos. Dort ist Sexualität aber jungen, normschönen Menschen vorbehalten – das finde ich ungerecht.

Mit dem Film ging es mir aber nicht nur um Repräsentation. Mir war es wichtig eine andere Sichtweise auf das Thema Sexualität zu finden. Eine Perspektive bei der es um Augenhöhe, Nähe und Verletzlichkeit geht. Nachdem mein Produzent Julian und ich uns besser informiert hatten, haben wir angefangen Kontakt zu Sexualassistenzen in ganz Deutschland aufzunehmen. Bei diesen Telefonaten haben wir offen kommuniziert, dass wir bei intimen Momenten, bis ins Schlafzimmer hinein mit der Kamera dabei sein möchten. Meine Annahme war, dass viele Menschen mit Behinderung ihre Sexualität nicht verstecken möchten, sondern dass sie ihnen von der Gesellschaft oft abgesprochen wird. Trotzdem war uns klar, dass es ein Tabu um das Thema gibt und es von unserer Protagonist*in viel Mut abverlangen würde sich auf diese Art vor der Kamera zu öffnen.

An dieser Stelle möchte ich Christine für ihren Mut und ihre Offenheit danken. Schließlich haben wir den Kontakt zu Thomas bekommen. Er ist einer der wenigen männlichen Sexualassistenzen in Deutschland. Er fand das Projekt sofort spannend und hat nach kurzer Zeit auch den Kontakt zu Christine vermittelt.

Wie ging es danach weiter? Wie hast Du es geschafft, dass Sie offen mit Deiner Anwesenheit umgehen?

Vor dem Dreh wollten wir Christine besser kennenlernen, damit sie sich in unserer Anwesenheit wohl fühlt. Dafür ist das gesamte Team vorher zum Kennenlernen angereist. Wir haben ihr erklärt, wie wir arbeiten würden und auch vorher einen Zeitplan für den Dreh erstellt, damit sie zum Beispiel auch den Pflegedienst besser einplanen kann.

Was Christines Offenheit vor der Kamera betrifft, glaube ich, dass wir als Filmteam auch von ihrem Vertrauen zu Thomas profitiert haben. Mit Thomas waren wir vorher telefonisch im Kontakt. Leider hatten wir für den Film einen engen Zeitrahmen und konnten ihn vorher nicht besuchen. Wir haben ihn tatsächlich bei seiner intimen Begegnung mit Christine das erste Mal getroffen.

Wie viel Zeit hast Du im insgesamt mit ihnen verbracht?

Insgesamt haben wir vier Tage mit Christine und Thomas gedreht.

Hattest Du visuelle Leitlinien, an denen Du dich orientiert hast?

Uns war es wichtig, die intime Szene im Schlafzimmer warm und authentisch darzustellen. Uns war klar, dass wir die Szene einleuchten wollen um im Film eine Atmosphäre zu schaffen bei der sich der Zuschauer auf die Intimität der Beiden einlassen kann.

Wie hat Ihnen der fertige Film gefallen?

Wir haben von Christine und Thomas jeweils sehr positives Feedback bekommen.

Welche Reaktionen hast Du auf deinen Film ansonsten bekommen?

Manchmal bekomme ich Feedback von Menschen die Thomas’ Rolle in Christines Leben kritisch sehen. Wie sehr ist sie von ihm abhängig? Ist es nicht verwerflich und unprofessionell die Beziehung weiterzuführen, obwohl sie in ihn verliebt ist? Ich freue mich wenn diese Fragen aufkommen, denn mich haben sie auch beschäftigt. Es sind schwierige Fragen und nach der kurzen Zeit die ich mit beiden verbracht habe, habe ich nicht das Gefühl das eindeutig beurteilen zu können.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Für mich war schon früh klar, dass ich mich später in irgendeiner Form mit „Film“ befassen möchte. Am Anfang hat mich dabei gerade der technische Aspekt sehr interessiert, also habe ich nach meinem Abitur Praktika in den Bereichen VFX und Kamera gemacht. Erst als ich anfing Film an der FH in Dortmund zu studieren, wurde mir klar, dass ich lieber selber Geschichten erzählen möchte. Ich fand heraus, dass mich die Geschichten anderer Menschen mehr interessieren als aus meiner eigenen, doch sehr privilegierten Perspektive zu erzählen. Also fing ich an Dokumentarfilme zu drehen – und freue mich das auch an der Filmakademie studieren zu können.

Sind bereits neue Projekte in Arbeit?

In meinem aktuellen Dokumentarfilmprojekt beschäftige ich mich mit sexualisierter Gewalt in Namibia. Dafür habe ich mit Überlebenden aber auch Tätern über die Ereignisse gesprochen, die ihr Leben geprägt haben – auf der Suche nach dem Ursprung dieser Gewalt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Berühr’ mich

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