„Rebecca“ (1940)

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Filmkritik: Der Schwarz-Weiß-Film „Rebecca“ war der erste Film, den Alfred Hitchcock in Amerika mit dem Produzenten David O. Selznick realisierte. Basierend auf einer erfolgreichen Romanvorlage erzählt er ein klassisches Schauermärchen, welches aber nur wenig der bekannten Hitchcock-Handschrift trägt. Der Film war trotzdem ein großer Erfolg und erhielt auf der 13. Oscarverleihung, welche am 27. Februar 1941 in Los Angeles im Biltmore Hotel stattfand, 11 Nominierungen in 16 Kategorien (die Gewinner wurden erstmals in der Geschichte der Oscars bis zur Verleihung geheim gehalten). Unter der Moderation von Bob Hope gewann der Film zwei Oscars: für die „Beste Kamera in einem Schwarzweißfilm“ und als „Bester Film“. In der Hauptkategorie konnte er sich gegen neun Konkurrenten, u.a. „Der große Diktator“ (1940) von Charles Chaplin und „Früchte des Zorns“ (1940) von Darryl F. Zanuck, durchsetzen. 

Joan Fontaine und Laurence Olivier

In Monte Carlo lernt die zurückhaltende Gesellschafterin (Joan Fontaine), die als Begleitung für Mrs. Van Hopper (Florence Bates) fungiert, den Witwer Maximilian de Winter (Laurence Olivier) kennen. Schnell knüpft sich ein zartes Band zwischen den beiden und so nimmt er sie am Ende der Reise zu seiner Frau. Nach wunderschönen Flitterwochen kommen sie nach Manderlay, dem riesigen Anwesen der Familie de Winter. Dort lebte er mit seiner verstorbenen Frau Rebecca und dem Haus-Stab, angeführt von Mrs. Danvers (Judith Anderson). Gleich nach ihrer Ankunft ist für die neue Mrs. de Winter in allen Ecken des Hauses noch die Anwesenheit Rebeccas spürbar – die Verstorbene liegt wie ein Schatten über dem Haus und auch über der Beziehung zu Maxim, denn die Vergangenheit wird hier niemals angesprochen.  

Collection Christophel

Joan Fontaine, Dame Judith Anderson, George Sanders, C. Aubrey Smith, Laurence Olivier

1938 schrieb die britische Autorin Daphne du Maurier (1907-1989) ihr Schauermärchen über eine junge, namenlose Frau, die sich in einen älteren Mann mit einer dunklen Vergangenheit verliebt. Dieses wurde im gleichen Jahr ein Bestseller und verkaufte sich auch in den USA hervorragend. Der Regisseur Alfred Hitchcock (1899-1980), der später noch „Die Vögel“ (1963) und vorher „Riff-Raff-Piraten“ (1939) nach Büchern von du Maurier realisierte, war persönlich mit dem Daphnes Vater Gerald du Maurier bekannt und wollte selbst die Rechte für das Buch „Rebecca“ erwerben. Doch vermutlich aus finanzieller Sicht war das nicht stemmbar und so wurde David O. Selznick, der Chef von Selznick International Pictures, mit ins Boot geholt. So kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Hitchcock und dem großen Produzenten. Die erste Drehbuchfassung stammte von Hitchcock selbst. Darin wich er stark von der Vorlage ab und fügte humoristische Elemente hinzu. Dies wurde von Selznick entschieden abgelehnt. Die beiden Autor:innen Robert E. Sherwood (1896-1955) und Joan Harrison (1907-1994), welche dafür mit einer Oscarnominierung bedacht wurden, hielten sich stark an die Vorlage, mussten aber einen wesentlichen Aspekt im Film verändern, so dass er Hollywood-konform wird. Der Motion Picture Production Code schrieb die gängigen Moralvorstellungen für Filmproduktionen vor, nach denen ein Mörder niemals mit seiner Tat davonkommen darf. So entstand hier Hitchcocks erstes Film außerhalb Großbritanniens, welcher viel von dem eigentlichen Charme eines typischen Hitchcock-Films eingebüßt hatte. Die größte Leistung des Drehbuchs war es dagegen, dass es den Schauerroman auch als filmische Adaption wieder salonfähig gemacht hat.

George Sanders, Joan Fontaine und Dame Judith Anderson

Nur fünf Tage nachdem auch in Großbritannien der Zweite Weltkrieg ausbrach, begannen die Dreharbeiten. Angesetzt waren 36 Drehtage und ein Budget von 850.000 Dollar. Beides hielt Alfred Hitchcock, der sich eine andere Arbeitsweise angeeignet hatte, nicht ein. Nicht nur die Detailverliebtheit, sondern u.a. auch die Grippe-Erkrankung seiner Hauptdarstellerin Joan Fontain verlängerten die Drehzeit, so dass am Ende 36 Tage gebraucht wurden. Auch das Budget wusste er schnell zu sprengen. Da sich in den USA kein geeignetes Anwesen als Manderlay finden ließ, wurde in einer Studiohalle ein großes Modell aufgebaut. Schon das allein kostete 25.000 Dollar. Hinzu kamen die aufwendige Traumsequenz und der finale Brand. So kostete der Dreh dann weit über eine Million Dollar und verschärfte das angespannte Verhältnis zwischen Hitchcock und Selznick. Auch auf formaler Ebene fanden sie schwer zusammen. So beschloss Hitchcock den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, um die düstere Stimmung des Buches zu erhalten. Damit war „Rebecca“ so ganz anders als die typischen Selznick-Produktionen, wie „Vom Winde verweht“ (1939), welche immer sehr farbenfroh waren. Auch dass Hitchcock immer nur das Notwendigste drehte und so wenig im Schnittraum zusammenstellen musste, war ungewohnt für Selznick, der beim Schnitt gern einen Blick drauf warf und so in die Ausgestaltung des Films eingriff. Seine Premiere feierte „Rebecca“ dann am 21. März 1940 und nahm an den Kinokassen sechs Millionen Dollar ein, so dass Selznicks Ärger über die erhöhten Budgetkosten bestimmt bald verflogen war. 

Joan Fontaine und Dame Judith Anderson

Die gesamte Inszenierung passte sich dem Schauermärchen-Charakter des Buches an, nicht nur die monochrome Farbpalette, sondern auch die Ausstattung, Szenerie, Kostüme und natürlich auch die Musik. Szenenbild, Schnitt, Musik und Spezialeffekte waren demzufolge auch für einen Oscar nominiert. Gewinnen konnte ihn aber nur der Kameramann George Barnes (1892-1953), der mit seinen langsamen und fließenden Kamerafahrten wunderbar die Stimmung des Films unterstützte. Viele Bilder sind vom klassischen Trivialkino geprägt. So finden wir Elemente wie ein Märchenschloss, Geister, eine böse Hexe und einen Menschen, der von seiner düsteren Vergangenheit befreit werden muss. Hitchcock weiß diese doch bekannten Elemente aber gekonnt einzusetzen. So schaffte es die Haushälterin Mrs. Danvers immer wieder auf die Toplisten der Bösewichte. Obwohl es keinen realen Geist gibt, ist die Präsenz auch durch die gelungene Bildsprache, u.a. mit labyrinthartigen Schauplätzen und einem gelungenen Licht-und-Schatten-Spiel immer spürbar und hinterlässt eine eindringliche Stimmung beim Publikum. Nur die Musik des Komponisten Franz Waxman (1906-1967), der u.a. auch für die Musik von „Der blaue Engel (1930), Frankensteins Braut (1935), Boulevard der Dämmerung (1950) und Das Fenster zum Hof (1954) verantwortlich war, übertreibt es hier und da und möchte manchmal zu sehr die Stimmung intensivieren. Was aber aufgrund der gelungenen Bildsprache des Films nicht notwendig ist. 

Dame Judith Anderson und Joan Fontaine

„Rebecca“ war das US-Debüt des britischen Regisseurs Alfred Hitchcock (1899-1980), der danach nicht mehr in seine Heimat zurückkehrte. Er war auch der erste Film, der ihm eine Oscarnominierung einbrachte. Doch auch bei den fünf weiteren Nominierungen schaffte er es nie, die Trophäe zu gewinnen, so dass er selbst einmal sagte: „Always a bridesmaid, never a bride“ („Immer Brautjungfer, nie Braut“). Erst bei der 40. Oscarverleihung wurde er mit dem Irving G. Thalberg Memorial Award für besonders kreative Filmproduzenten geehrt. Er lieferte mit „Rebecca“ einen wunderbaren Auftakt seiner amerikanischen Karriere, obwohl es in Teilen doch noch ein sehr britischer Film war. Nur das Schloss war dem Stil und Ambiente nach eher amerikanisch, vermutlich wäre es in Großbritannien deutlich düsterer ausgefallen. Was stark auffällt in dem Film, ist das Fehlen der typischen Verspieltheit Hitchcocks und auch humoristische Akzente. So sprechen manche Kritiker:innen davon, dass es mehr ein Selznick- als ein Hitchcock-Film ist. Doch eine Eigenheit brachte Hitchcock in dem Film doch hinein – sein Cameo-Auftritt ist in der 123. Minute zu sehen. 

Joan Fontaine und Dame Judith Anderson

Die Romanverfilmung sollte anfänglich vor allem als ‚Starring Vehicle‘ dienen und Carole Lombards („Mein Mann Godfrey“ (1936)) und Ronald Colmans („Ein Doppelleben“ (1947)) Karriere befördern. Doch beide sprangen vom Projekt ab. Lombard hatte eine andere Rolle angenommen und Colman hatte Angst neben der groß angelegten weiblichen Hauptrolle zu verblassen. Selznick fragte danach bei William Powell und Laurence Olivier an, wobei nur letzterer zu sagte und eine Gage von 100.000 Dollar erhielt. Die Suche nach einer geeigneten Hauptdarstellerin zog sich danach ein wenig in die Länge, u.a. waren Vivien Leigh („Endstation Sehnsucht“ (1951)), mit der Olivier liiert war, Loretta Young („Die Farmerstochter“ (1947)) und Anne Baxter („Alles über Eva“ (1950)) im Gespräch. Insgesamt waren 20 Schauspielerinnen in der engeren Auswahl u.a. auch Olivia de Havilland („Vom Winde verweht“ (1939)), die aber bereits für einen anderen Film verpflichtet war. Doch ihre Schwester, Joan Fontaine (1917-2013), welche Hitchcock bereits auf der Leinwand gesehen hatte, nahm die Rolle der zweiten De Winter an. Sie verkörpert die verschüchterte neue Frau wunderbar und wurde daher auch mit einer Oscarnominierung bedacht. Doch erst im nächsten Jahr konnte sie den Oscar für die ‚Beste Hauptdarstellerin‘ für „Verdacht“ (1941) gewinnen. Es heißt, dass die Dreharbeiten für die 23-jährige Fontaine eine besondere Belastung darstellten. Hitchcock wollte ihr das Gefühl wie in der Geschichte vermitteln, dass sie da nicht hingehörte und sagte ihr andauernd, dass ihre Kolleg:innen sie nicht leiden konnten. Das führte zu einer depressiven Stimmung bei ihr und beeinflusste sicherlich auch ihr Spiel. Ihr zur Seite wurde der britische Schauspieler Laurence Olivier (1907-1989) gestellt, der in seiner Karriere insgesamt vier Oscars gewinnen konnte, aber hier nur die Nominierung als ‚Bester Hauptdarsteller‘ erhielt. Doch während seine Figur, der Witwer Max, beinahe unwichtig erscheint, ist die Nebenrolle Mrs. Danvers entscheidend für die Stimmung des Films. Gespielt wird sie von Judith Anderson (1897-1992), die hierfür die einzige Oscarnominierung ihrer Karriere erhielt. Die in Australien geborene Darstellerin spielt die Haushälterin mit einer unheimlichen Aura und vermittelt ein ständiges Gefühl der Bedrohung. Hitchcock gab ihr den Tipp, so gut wie nie zu blinzeln, und es wurde vermieden zu zeigen, wie sie einen Raum durchquert. So taucht sie immer überraschend auf und scheint wie ein bedrohlicher Schatten über der Hauptfigur zu schweben. Die Dynamik dieser beiden Frauen macht die gelungene Wirkung des Films aus. Die männlichen Figuren erscheinen dagegen beinah unwichtig. Die Dynamik der drei Frauen, wobei eine nur als ein Geist und nicht in Persona vorkommt, ist die größte Stärke des Films. Für diese schauspielerische Leistung hätte Anderson auf jeden Fall den Oscar verdient, doch der ging in diesem Jahr an Jane Darwell für ihre Rolle in „Früchte des Zorns“ (1940).

Laurence Olivier

Fazit: Im Jahr 1941 gewann der Spielfilm „Rebecca“ auf der 13. Oscarverleihung 1941 zwei der begehrten Trophäen darunter auch den Preis für den ‚Besten Film‘. Regisseur Alfred Hitchcock gab damit sein US-Debüt und das brachte ihm, obwohl hier die typischen Hitchcock-Elemente fehlten, viel Prestige und seine erste Oscarnominierung ein. Die Schauermärchen-Verfilmung, nach einem Buch von Daphne du Maurier, war ein großes Publikumserfolg, machte das Genre wieder salonfähig und begeisterte mit seiner konsequenten Inszenierung und vor allem seinem Cast. 

Bewertung: 7/10

Trailer des Films „Rebecca“: 

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über die Oscarverleihung 1941
  • Wikipedia-Artikel über den Film Rebecca
  • Trivia des Film Rebecca bei ImDb
  • Wikipedia-Artikel über den Regisseur Alfred Hitchcock
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Joan Fontaine
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Laurence Olivier
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Judith Anderson
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Daphne du Maurier: Rebecca, Insel Verlag, Berlin, 2016.
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Truffaut, François: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, Hanser Verlag, München, 1974.
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 1, 1913-1946, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2002.
  • Zöfel, Adelheid & Spoto, Donald: Alfred Hitchcock und seine Filme, Heyne, München, 1999.

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