Sechs Fragen an Maja Bresink

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Maja Bresink („Heimweh“) konnten wir mehr über ihren neuesten Kurzfilm „Donnerstag“ erfahren, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 seine Premiere feierte und nun auf Festivals wie in Dresden und Landshut läuft. Sie erzählt von der Entwicklung der Geschichte, was ihr bei der Kameraarbeit am Herzen lag und wie sie selbst über einen weiten Bogen an der Filmakademie landete. 

Wie kam es zur Entwicklung dieser Tochter-Vater-Geschichte – spielen eigene Erfahrungen mit rein?

Mich interessieren die vermeintlich kleinen, einfachen Geschichten, in denen es um Beziehungen zwischen Menschen geht. Um Verhaltensmuster. Um verbale und nonverbale Kommunikation und um tief sitzende Konflikte. So ist ein Film entstanden. Ein Film über einen Vater und eine Tochter. Zwei Menschen, die eigentlich Familie sind, aber schon lange keine Beziehung mehr zueinander haben. Gibt es dafür einen ‚Schuldigen‘? In meiner Geschichte nicht. Die beiden Figuren haben nur nie gelernt, miteinander zu sprechen.

Jörg Witte und Anke Retzlaff

Mir ist es bei diesem Film sehr wichtig gewesen, beide Figuren verstehen und mit ihnen fühlen zu können: Den Schmerz der Tochter, die Verzweiflung des Vaters. Ich habe viel zu dieser besonderen Beziehung recherchiert. Habe mit Vätern und Töchtern gesprochen, die in einem klassischen bürgerlichen Familienverhältnis aufgewachsen sind: die Mutter kümmert sich um den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Der Vater ist für die finanzielle Versorgung der Familie zuständig und somit meistens den ganzen Tag arbeiten.

Die Männer, die dieses Familienmodell so ausführen, sind selbst unter diesem Modell aufgewachsen. Väter, mit denen ich gesprochen habe, hatten selber noch einen Vater, der den Krieg erlebt hat. Diese männliche Kriegsgeneration hat gelernt, Emotionen tief zu vergraben und zu verdrängen. Sie sprechen nicht über ihre Emotionen, weil sie es nicht können. Meine Generation dagegen will ständig über ihre Emotionen sprechen.

Mit „Donnerstag“ habe ich versucht, von zwei Generationen zu erzählen. Von ihrem erlernten Umgang mit Gefühlen und das Sprechen und Nichtsprechen über sie. Vor allem wollte ich davon erzählen, wie sich Vater und Tochter gegenseitig vermissen.

In welchem Rahmen und in welchem Zeitraum hast Du es umgesetzt?

Anke Retzlaff

Ich studiere Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. „Donnerstag“ ist mein Zweitjahresfilm. Dafür dürfen wir 5 Tage drehen. Ich habe fünf Nächte im Juni gedreht. Kurze Nächte! Der Sonnenaufgang um 4:30 war unser Endgegner. Insgesamt habe ich von Beginn der Arbeit am Drehbuch bis zum Grading knapp ein Jahr an dem Film gearbeitet.

Wo habt ihr gedreht und was lag Dir visuell am Herzen?

Wir haben in Ludwigsburg in Baden-Württemberg gedreht, wo auch die Akademie ansässig ist. Die Straße, auf der Holger und Susa laufen, ist die Straße, in der die Kamerafrau und ich in einer WG zusammen wohnen. Visuell wollten wir, dass wir eine atmende Kamera haben, die reagieren kann und immer nah an den beiden Figuren ist. Mir war wichtig, dass ich im Schnitt wirklich das Gefühl habe, Vater und Tochter schauen sich an. Die Kammerfrau Laura Köhler und ich haben viel über die Inhalte der Szenen gesprochen, über die Figuren und ihren Konflikt, wir wollten wenig ‚Form‘ festlegen. Die einzig wirklich gesetzte Idee war es, die beiden immer zusammen im Bild zu haben. Für mich trägt diese Entscheidung ganz viel dazu bei, dass man trotz aller Distanz und Fremdheit auch immer die Verbundenheit von Vater und Tochter spürt.

Die beiden Darsteller:innen spielen ihre Rollen sehr gut. Was war Dir bei deren Auswahl wichtig?

Anke Retzlaff

Natürlich ist mir ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe sehr wichtig. Inhaltlich war die Herausforderung, dass ich die Vater-Tochter Beziehung glaube. Meine Casterin Nele Yannica Günther und ich haben viele Showreels zusammen geschaut. Ich habe dann mit Anke Retzlaff (Susa) und Jörg Witte (Holger) gezoomt, bzw. telefoniert und erzählt, warum ich sie gerne besetzen würde, warum mir diese Geschichte so wichtig ist und was ich damit erzählen möchte. Kurze Zeit später haben wir uns zu dritt für unsere erste gemeinsame Probe getroffen. Es war magisch: Ich habe sofort geglaubt, dass die beiden Vater und Tochter sein können. Beide haben sich auf das Projekt eingelassen und wir haben intensiv an den Rollen gearbeitet.

Ich habe einen Artikel gefunden, wo Du schon als Jugendliche in einer Jury gesessen hast. Kannst Du mir zu Deinem Werdegang erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Das Kino war schon immer ein Sehnsuchtsort für mich. Ich wusste damals nicht, wie ich es beschreiben sollte, aber jetzt würde ich sagen, ich bin süchtig. Ich habe Glückshormone, wenn ich nach tollen Filmen aus dem Kino komme. Meine Eltern haben mich immer auf diesem Weg unterstützt und schnell gespürt, wie vernarrt ich bin. Meine Mutter hat mir damals den Aufruf zur Jugendjury aus der Zeitung ausgeschnitten. Nach meinem Abitur, als fast alle meine Freundinnen nach Australien oder Neuseeland gereist sind, habe ich über 40 Bewerbungen an deutsche Filmproduktionen geschickt. Geantwortet haben mir zwei. Eine davon war Odeon TV. Ich bin also nach Wiesbaden gezogen und habe drei Monate als Set-Praktikantin bei der TV-Produktion „Der Staatsanwalt“ mitgearbeitet. Danach wurde ich weiterempfohlen und stand bei der ZDF Serie „Bad Banks“ als Praktikantin am Set. Ich hätte den Schauspielern und dem Regisseur stundenlang bei den Proben zuschauen können und hatte 1000 Fragen. Ich habe nachts, nach den Drehtagen, alle 600 Seiten Drehbuch der Serie gelesen und mich auf den nächsten Tag „inhaltlich“ vorbereitet, um den Regisseur zu fragen, warum er das genauso macht und nicht anders. Der Regisseur hieß Christian Schwochow. Er konnte meine unbändige Neugier stillen und wurde ab diesem Zeitpunkt zu einer Art Mentor für mich. Danach habe ich beim Kinofilm „Deutschstunde“ ein Regiepraktikum bei ihm gemacht. Es folgten die Kinofilme „Je suis Karl“ und der internationale Netflix-Film „Munich-The Edge of War“, bei denen ich als seine feste Assistentin gearbeitet habe. Vom Casting bis zur letzten Schnittfassung habe ich immer an seiner Seite arbeiten dürfen. Parallel habe ich einen Bachelor an der Hochschule Rhein- Main gemacht. Mit meinem Abschlussfilm „Motschekiebchen“ habe ich mich dann an den Filmhochschulen für Regie beworben. Mein größter Wunsch, an der Filmakademie Baden-Württemberg studieren zu dürfen, hat sich erfüllt. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich hier studieren darf! Und das meine größte Leidenschaft hoffentlich bald zu meinem Beruf wird.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Auf jeden Fall! Im Moment schreibe ich an meinem Drittjahresfilm und entwickle parallel meinen Debütfilm-Stoff, den ich sehr gerne noch an der Filmakademie drehen möchte.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Donnerstag

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