Neun Fragen an Jens Kevin Georg

Doreen Kaltenecker
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Janick Entremont

Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Jens Kevin Georg konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Kruste“ erfahren, der im D-A-CH-Wettbewerb des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 lief, wie er die Geschichte von einer eigenen Narben-Erfahrung ausgehend schrieb, warum Humor wichtig für die Geschichte war und wie er die perfekte Achterbahn für seinen Film fand.

Erzähl mir zum Ausgangspunkt Deiner Geschichte? Wie weit ist sie in Deiner eigenen Biographie verankert?

Ein früher Ausgangspunkt für „Kruste“ war die Erinnerung an meine erste Narbe, die mir einer meiner besten Freunde verpasst hat. Beim Schlittschuhlaufen, zack die Kufe ab ins Schienbein! In diesem Moment wurde ich von mir selbst überrascht. Eigentlich war ich immer weich, nah am Wasser gebaut, schmerzempfindlich. Aber scheinbar hat sich etwas in mir verändert, oder vielleicht sogar verhärtet. Keine Träne kullerte diesmal, kein Zusammenzucken beim Nähen. Ich blieb tough, ließ mir von niemandem etwas anmerken – und auf diesen neuen, kühlen Jens war ich furchtbar stolz. Dass ich dabei eventuell etwas von mir verlieren könnte, verstand ich damals natürlich nicht. Von diesem ersten Grundgefühl ausgehend habe ich mich dann auf die Stoffentwicklungsreise begeben und mich viel mit der Entstehung und Hinterfragung gesellschaftlicher Normen auseinandergesetzt.

 Du hast Dich entschieden, das Ganze mit viel Humor zu erzählen – warum gehst Du diesen Weg?

Luise Landau

Ich glaube, dass man die emotionalen Schutzmauern der Zuschauenden mit Humor gut absenken kann. Lachen ist ja meist eine so unmittelbare (und auch körperliche) Reaktion. Man kann gar nicht anders, als sich zu öffnen. Zumindest ist das bei mir als Zuschauer so. Wenn es ein Film schafft, mich zum Lachen zu bringen, lasse ich mir im Anschluss viel leichter das Herz brechen. Außerdem glaube ich, dass Humor, der aus etwas Tragischem entsteht, super verbindend und heilend sein kann. Oftmals schreibe ich, wenn ich mich unverstanden und isoliert fühle. Für mich ist es dann konstruktiv, wenn es mir gelingt, diese negative Energie in etwas Positives und Gemeinschaftliches wie eben Lachen umzuwandeln.

 In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden? 

Kruste“ ist der Abschlussfilm von Szenenbildnerin Linda Bruna, Kameramann Lasse Frobese und mir als Regisseur. Wir haben zusammen an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF studiert. 3sat bietet einmal im Jahr eine Kooperationsmöglichkeit für Abschlussfilme im Rahmen ihrer KlassiXS-Reihe an, für die wir ausgewählt wurden! Wir wurden dann redaktionell und finanziell vom Sender unterstützt, wofür wir super dankbar sind. Im Dezember ’23 wurde „Kruste“ dann auf 3sat ausgestrahlt. Das war eine echt schöne (und ziemlich surreale) Erfahrung!

 Die Settings sind großartig – wo habt ihr gedreht? Wo habt ihr die Achterbahn her?

Luise Landau und Philip Kapell

Unsere Szenenbildnerin Linda Bruna hat sich zusammen mit unseren Produzentinnen Fritzie Benesch und Charlotte Jülide Hansen wirklich sämtliche Gliedmaßen ausgerissen, um die richtigen Schauplätze zu finden! Opa Winnis Hof liegt im Norden Brandenburgs – beziehungsweise lag er dort. Mittlerweile müsste er abgerissen sein. Für mich ein sehr befremdliches Gefühl, wenn ich den Film jetzt anschaue. Die Achterbahn steht in einem Freizeitpark im polnischen Bydgoszcz und in dem Fall war das Glück wohl wirklich mit den Tüchtigen. Linda hat die Roller Coaster Database europaweit komplett durchforstet, bis sie schließlich unsere Traumachterbahn gefunden hat. Und trotzdem mussten wir geduldig bangen, weil wir bis einen Monat vor Drehbeginn immer noch keine Zusage hatten. Außerdem konnten wir das Motiv vorher nicht besichtigen. Im Endeffekt haben wir quasi alles auf eine Karte gesetzt. Ich möchte hier auch viel Liebe an unseren Kameramann Lasse senden, denn eigentlich ist die Achterbahn nur von 180 Grad bespielbar. Die andere Seite ist von Attraktionen umringt. Lasses Bildgestaltung trägt einen großen Anteil daran, dass das Konzept dieser Achterbahn aufgeht. 

 Was lag Dir visuell am Herzen?

Eine solche Familie wie in „Kruste“ kenne ich zumindest nicht! Kameramann Lasse Frobese und mir war also eigentlich von Anfang an klar, dass wir uns in einer überhöhten Filmwelt bewegen. Hier aber die richtige Tonalität zu finden, wurde zu einem ziemlichen Balanceakt! Sowohl die Härte als auch die Absurdität der Filmwelt mussten unter einen Hut gebracht werden. Also haben wir uns dazu entschlossen, den Film konsequent aus Fabis subjektiv-kindlicher Perspektive zu erzählen. Extreme Unter- und Aufsichten, drückende Zooms und ausgrenzende Supertotalen inklusive. So konnten wir visuell überhöht und spielerisch arbeiten und dabei dennoch nah an Fabis Wahrnehmung seiner Welt bleiben.

Dein Cast ist wirklich fantastisch – wie verlief der Casting-Prozess?

Philip Kapell, Luise Landau, Sven Hönig und Heinz Wanitschek

Ich hatte mit Lea Agmon eine wirklich tolle Casterin an meiner Seite. Vor „Kruste“ habe ich kaum mit Kindern gedreht und Leas Mitarbeit war wirklich ausschlaggebend.

Zu Beginn haben wir den Schwerpunkt auf die Kinder gelegt. Dabei war uns gar nicht unbedingt wichtig, dass sie direkt etwas aus dem Buch ‚richtig‘ umsetzen. Stattdessen wollten wir in Improvisationen schauen, wie die Kinder die jeweiligen Figuren aus sich heraus interpretieren. Uns war immer wichtig, dass die Inszenierung in Zusammenarbeit mit ihnen entsteht. Denn ich glaube, dass so ein Projekt für Kinder einen größeren Mehrwert hat, wenn sie sich als wirkliche Kollaborateur*innen einbringen können. Sowohl von Philip Kapell (Fabi) als auch von Luise Landau (Bea) sind Ideen und Verhaltensweisen in die Figuren eingeflossen. Außerdem haben wir darauf geachtet, dass unsere Kinderdarsteller*innen in der Lage sind, einen künstlich erzeugten Moment für voll zu nehmen. Gerade wenn es am Filmset mal turbulent wird, kann das ja echt schwierig sein.

Die Besetzung der Erwachsenen verlief vermutlich etwas klassischer, aber auch hier spielten die Kinder eine große Rolle. Wir brauchten zwei Darsteller, die wirklich mit ihrem Ensemble interagieren. Ganz häufig haben Sven Hönig (Otis) und Heinz Wanitschek (Winni) die Kinder mit ihrem Spiel so stark an sich gebunden, dass Philip und Luise sich wirklich in die jeweilige Szene fallen lassen konnten.

Philip Kapell als Fabi ist ein Hauptgewinn – wie gut konnte er sich in seine Rolle hineinversetzen? Wie ist er die Figur angegangen?

Philip Kapell

Philip ist klug, empathisch und ehrgeizig. Wenn er etwas aus dem Buch nicht auf Anhieb verstanden hat, hat er die richtigen Fragen gestellt. Und er besitzt sehr empfindsame zwischenmenschliche Antennen, die er auch als Schauspieler in Szenen einsetzen kann. Ich glaube, so schafft er es, authentische Momente zu erzeugen. Oft durfte ich beobachten, wie er bei laufender Kamera wirklich präsent und ehrlich aufnimmt, was um ihn herum geschieht. Und diese Ehrlichkeit hat mich immer wieder umgehauen.

In der Vorbereitung haben wir die Rolle Fabi vor allem durch meditative und körperliche Spiele erarbeitet. Gerade am Anfang haben wir uns einfach mal für zehn Minuten an den See gesetzt und gar nichts gemacht, um in Fabis Wahrnehmung einzutauchen. Viel ist auch in Konstellationsspielen mit Sven Hönig als Vater entstanden. So konnte Philip in einem geschützten Rahmen erfahren, wie es sich für Fabi anfühlen muss, von diesem Mann angenommen, abgestoßen und gefordert zu werden.

 Kannst Du mir noch etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Philip Kapell und Jens Kevin Georg, Darsteller und Regisseur von „Kruste“

Mit 14 habe ich mich in die vier Jahre ältere Emma Watson verliebt. Damals habe ich die noch zu verfilmenden Harry Potter-Bücher nach potentiellen Rollen durchsucht, die ich übernehmen könnte. Weil ich Emma dann ja endlich treffen würde! Aber leider wurde keine der Figuren mit „spricht mit nuscheligem deutschen Akzent“ beschrieben. Also erschien mir ein Posten hinter der Kamera als der nächstbeste Schritt, um sie irgendwie, irgendwann auf mich aufmerksam machen zu können.

Leider ist dieser Plan immer noch nicht aufgegangen. Es waren 16 lange Jahre. Emma, falls du das liest. Bitte meld‘ dich.

 Sind bereits neue Projekte geplant?

Aktuell bin ich in der Recherchephase für meinen ersten Langfilm. Dabei beschäftige ich mich viel mit meinen Wurzeln als Siebenbürger Sachse. Ich gehöre dieser deutschen Minderheit aus dem heutigen Rumänien an, spreche aber sowohl den Dialekt als auch Rumänisch nicht. Wir sind als Migrant*innen quasi unsichtbar. Eigentlich ganz ähnlich wie in „Kruste“ interessiere ich mich auch hier viel für das Außenseitertum, Ein- und Ausgliederungen, das Anpassen und Verstellen des eigentlichen Selbst. Und so viel weiß ich jetzt schon ganz sicher: Der Soundtrack muss von Peter Maffay kommen, schließlich ist er unser Volksheld (und ist in der gleichen Straße wie mein Vater aufgewachsen).

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Kruste

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