Acht Fragen an Nicolas Schönberger

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Nicolas Schönberger konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Corps en Chute“ erfahren, der auf den 59. Hofer Filmtagen 2025 seine Weltpremiere feierte, wie die Architektur des Drehortes die Geschichte selbst beeinflusste, ob es schwer war, Schauspieler:innen mit tänzerischer Erfahrung zu gewinnen, und wie sie den gesamten Film, während ihres Auslandssemesters in Paris auf die Beine gestellt haben.

Aus welcher Idee heraus ist dein Film entstanden? 

Die Idee zu unserem Film hat mehrere Ursprünge. Zu Beginn habe ich mit unserem Autor Gabriel Kowak viel darüber gesprochen, was Kunst für uns als Kunstschaffende eigentlich bedeutet und wie wir dazu stehen wollen. Weshalb machen wir das Ganze eigentlich? Was treibt uns an, unsere Geschichten zu erzählen, und wie wollen wir das tun? Gerade wir als Filmstudierende befinden uns in einer äußerst privilegierten Situation, in der wir alle Freiheiten haben, das zu erzählen, was wir möchten. Aus dieser eher kritischen Auseinandersetzung mit unserer eigenen Position haben wir uns letztlich in der Frage wiedergefunden: für wen machen wir das alles, wenn nicht für uns selbst? Dieser Gedanke wurde zum Ausgangspunkt für die weitere Arbeit am Stoff und hat uns inspiriert, eine Figur zu entwickeln, der wir diese Frage mit auf den Weg geben konnten. 

Da wir den Film zum großen Teil im Kollektiv entwickelt haben, haben wir als Team nach einer Welt gesucht, die uns alle auf eine Weise verbindet oder reizt. Auf einem gemeinsamen Recherchetrip in Paris haben wir mehr oder weniger zufällig das Centre National de la Danse entdeckt und uns sofort in diesen Ort verliebt. Auch wenn wir damals noch nicht wussten, dass wir am Ende wirklich dort drehen durften, hat dieser Ort durch seine Einzigartigkeit die Geschichte unbewusst mitgeformt: Die brutalistische Architektur des Gebäudes, die kalt und starr wirkt, in der aber Bewegung und Lebendigkeit stattfinden, fand ich als Metapher super inspirierend für unsere Geschichte. Die Tanzwelt war für uns alle auf Anhieb ein spannendes Setting und schien perfekt, um die Frage, die wir uns zu Beginn gestellt hatten, filmisch zu verhandeln. 

Um welchen zentralen Kernbegriff dreht sich Dein Film? 

Im Zentrum des Films steht der Moment, in dem alles ins Rutschen gerät. Unsere Hauptfigur Héron muss realisieren, dass sie den eigentlichen Grund, warum sie tanzt, nicht mehr wirklich greifen kann. Ihr Streben nach Perfektion und danach, möglichst reibungslos in einem System zu funktionieren, hat sie über die Jahre blind werden lassen. Innerlich glaubt sie zwar zu wissen, weshalb sie tanzt, doch in dem Moment, in dem sie mit sich selbst konfrontiert wird, muss sie sich genau diese Frage neu stellen: Für wen mache ich das eigentlich, wenn nicht für mich? Die Perfektion, mit der Héron ihrer Leidenschaft nachgeht, hat etwas Zerstörerisches. Perfektion tötet auch das Unvorhersehbare, die Überraschungsmomente und das Lebendige in der Kunst. Manchmal verliert man auch seine eigene Stimme, weil man zu sehr gefallen möchte und sich darin aber nicht wieder erkennt. 

Im Film geht Héron in den Widerstand, um sich daraus zu befreien. Aber nicht, indem sie aktiv wird, eher im Gegenteil: sie lässt los. Ihr Körper fällt. Ein Körper, der fällt, macht sich frei von allen Erwartungen. Er lässt los, was ihn nicht mehr trägt und findet genau darin neue Kraft. Erst das Loslassen macht es möglich, dass man sich mit seiner eigenen Quelle wieder verbindet. Etwas sehr Reines und Unschuldiges, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Für mich persönlich ist Loslassen daher wahrscheinlich der Begriff, der am ehesten zutrifft. Darin sehe ich auch viel Selbstermächtigung. Und die braucht es, um sich immer wieder frei zu machen und seine eigene Stimme zu finden. 

Der Film ist im Rahmen deines Studiums entstanden, richtig? Wie lange hattet ihr Zeit? 

Wir hatten das große Glück, als kleines Team von Kommiliton:innen der Filmakademie für einige Zeit an der La Fémis in Paris zu studieren. Insgesamt haben wir dort vier Monate verbracht und genau in dieser Zeit ist auch der Film entstanden. Rückblickend war es eine unglaublich intensive Phase, voller toller Begegnungen und Erlebnisse. Es sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Ein besonderer Ort in dieser Zeit, der nicht unerwähnt bleiben darf, war die Bar ‚Aux Ours‘ im Stadtteil Belleville. Da haben wir uns von Anfang an wie zu Hause gefühlt und lustigerweise einen großen Teil unseres französischen Teams gefunden. Als sich herausstellte, dass wir Filmstudierende aus Deutschland sind, wurden wir schneller in die Pariser Filmcommunity integriert als wir „Bonjour“ sagen konnten. Das war unfassbar toll. Die Wertschätzung für Kunst und Kultur, die in Frankreich so selbstverständlich scheint, hat uns alle sehr berührt und bei einigen von uns ganz klar den Wunsch gestärkt, in Zukunft wieder dort zu arbeiten. 

Ein Film im professionellen Tänzer-Metier birgt oft Schwierigkeiten, Schauspieler:innen, die gleichzeitig auch tanzen können, zu finden. Wie hast Du Deinen Cast zusammengestellt und was war Dir dabei wichtig? 

Die größte Herausforderung war es tatsächlich, Menschen zu finden, die sowohl schauspielerisch als auch tänzerisch vor der Kamera überzeugen konnten. Deshalb haben wir von Anfang an eng mit einer Choreografin aus Paris zusammengearbeitet, die bereits in den Castingprozess eingebunden war. Sie hat die Choreografie im Vorfeld entwickelt und konnte dadurch während des Castings mit den Schauspielerinnen einzelne Passagen ausprobieren. 

Mir persönlich ist ein natürliches Spiel und die Authentizität der Figuren wichtig. Im besten Fall bringt das Casting etwas hervor, das den Figuren, die wir uns ausgedacht haben, eine neue Facette verleiht, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte. Gleichzeitig war es unserer Choreografin wichtig, dass die Schauspieler:innen eine schnelle Auffassungsgabe haben und komplexe Bewegungsabläufe präzise und in kurzer Zeit umsetzen können. Das sind natürlich hohe Ansprüche, aber wir hatten großes Vertrauen in den Prozess und in die Menschen, die wir eingeladen haben. So haben wir aus verschiedenen Perspektiven auf den Castingprozess geschaut, die zum Teil sehr unterschiedlich waren, sich aber wunderbar ergänzt haben. Letztlich hat sich das Ensemble wie von selbst gefunden. In Paris war es glücklicherweise auch gar nicht so schwierig, Schauspieler:innen zu finden, die eine Tanzausbildung schon mitbringen oder bereits viel Tanzerfahrung haben und das auf hohem Niveau. 

Besonders spannend ist auch die Architektur des Gebäudes, die beinahe eine eigene Rolle spielt. Kannst Du mir dazu mehr sagen?

Der Ort, an dem unser Film spielt, ist tatsächlich wie eine eigene Figur oder vielleicht eher ein stiller Beobachter. Das Centre national de la Danse in Pantin war ursprünglich ein Verwaltungsgebäude. Es ist ein beeindruckendes Bauwerk aus rohem Beton, stark geprägt durch seinen brutalistischen Architekturstil. Dass in diesen Räumen, wo früher die Stadtverwaltung war, heute getanzt wird, finde ich faszinierend und einen wunderschönen Kontrast. Auf einmal trifft die Härte der Architektur auf die Lebendigkeit der Menschen, die das Gebäude durch ihre Kunst wieder mit Leben füllen. Dieses Spannungsverhältnis aus Struktur und Bewegung gibt dem Film eine zusätzliche Ebene, die sich eher beiläufig miterzählt. 

Heute ist das Centre national de la Danse ein wichtiges Zentrum für zeitgenössischen Tanz in Paris. Auch, wenn wir uns das anfangs relativ leicht vorgestellt haben, war es gar nicht so einfach, dort drehen zu dürfen. In Frankreich sind die Hürden manchmal etwas größer, was Genehmigungen angeht. Gerade an solchen Orten wie dem CND. Es brauchte einiges an Fingerspitzengefühl und Überzeugungsarbeit seitens unseres Produzenten. Tatsächlich hat es auch geholfen, dass wir die La Fémis im Rücken hatten, die in Frankreich als Filmschule einen Namen hat und einige Türen für uns geöffnet hat. Als wir dann die Zusage schließlich hatten, waren wir alle unglaublich happy. 

Wie fängt man Tanz am besten mit der Kamera ein? 

Ich glaube, es kommt immer ganz darauf an, was man erzählen möchte. Wir fanden es spannend, die Strenge und formale Architektur, die das Gebäude mit sich bringt, mit der Kamera aufzufangen und weiterzuführen. So bleibt die Kamera oft ruhig und wirkt stabil. Die Bewegung, die im Bild passiert, soll Raum bekommen und ganz für sich stehen können. 

In den Tanzszenen taucht die Kamera fast schon in die Choreografie mit ein. Sie ist nah an den Körpern und stellt unsere Hauptfigur ins Zentrum. Man sieht also fast nie die komplette Choreografie, sondern vielmehr die Figuren und wie sie zueinander in Beziehung stehen. Der Tanz war für uns nie Selbstzweck, sondern immer eine Möglichkeit, Beziehungen zwischen den Figuren sichtbar zu machen. Eine Kamera, die nicht dazu da ist, eine Performance „schön in Szene“ zu setzen, erzeugt stellenweise auch eine gewisse Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit. Das fanden wir spannend, um der Gefühlswelt unserer Hauptfigur näher zu kommen. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist? 

Ich habe relativ früh angefangen mich für Film zu interessieren und bin schon als kleiner Junge mit einer alten Super-8-Kamera durch die Gegend gelaufen. Generell hatte ich große Begeisterung für Musik und Theater und das große Glück, vieles davon schon früh ausprobieren zu dürfen. Film fand ich schon immer spannend, weil sich darin alles wiederfindet, was mich damals fasziniert hat. Theater, Musik und der eigene Blick auf die Welt. 

Nach dem Abitur habe ich zunächst als Theaterpädagoge gearbeitet und viele Workshops im soziokulturellen Bereich und an Theatern geleitet. Dort durfte ich lernen, dass Theaterspielen einen Raum unbegrenzter Möglichkeiten schafft, in dem man sich selbst kreativ erleben kann. Viele Dinge dürfen gleichzeitig nebeneinander existieren, ohne dass man sie in Frage stellt. Das war für mich eine prägende Erfahrung und rückblickend eine wichtige Zeit. 

Schließlich habe ich dann gemerkt, dass es mich doch wieder zum Film zieht, da ich meine eigenen Geschichten erzählen möchte. Mit meinem Theaterbackground hat sich mein Zugang zum Filmemachen auf jeden Fall verändert und ich merke, dass es noch viel zu entdecken gibt und viel, was ich ausprobieren möchte. Die Lebendigkeit, die das Theater mit sich bringt, möchte ich mit in meine Arbeit nehmen. 

Sind bereits neue Projekte geplant? 

Auf jeden Fall, Projekte sind irgendwie immer da. Aktuell arbeite ich an neuen Projekten, die zur Zeit aber noch in den Kinderschuhen stecken. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Corps en Chute

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