“Solaris” (1972)

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Andrej Tarkowski – Spezial 4: In seinem dritten Langspielfilm wendet sich der russische Regisseur Andrej Tarkowski wieder einem neue Genre zu. Nach einem Kriegs- und einem Historienfilm führt er den Zuschauer nun in die Science-Fiction-Gefilde. Mit “Solaris” (OT: “Solyaris”, Deutschland/ Russland, 1972) wendet sich Tarkowski von seiner geliebten Erde ab, um in den Tiefen des Weltalls die notwendige Erd- und Naturverbundenheit unverhohlen zu bewerben.

Der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis) bricht zu einer Raumstation über dem Planeten Solaris auf, nachdem die Erde verwirrende Funksprüche von dort erhalten hat. Vor Ort sind von der 80 Mann starken Besatzung nur noch die beiden Doktoren Sartorius (Anatoli Solonizyn) und Snaut (Jüri Järvet) übrig. Beide scheinen unter Wahnvorstellungen zu leiden und wollen über die Ereignisse auf der Raumstation keine Auskunft geben. Schon bald bekommt Kris Besuch von seiner toten Frau Harey (Natalja Bondartschuk), die von nun an nicht von seiner Seite weicht und die Sicht auf die Dinge maßgeblich verändert.

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Bereits im Jahr 1968 (also noch vor der Veröffentlichung von “Andrej Rubljow”) legte Andrej Tarkowski ein Exposee für die Verfilmung von Stanislaw Lems Roman “Solaris” (1961) vor. Die Produktionsfirma Mosfilm war überrascht und angetan, da sich das Genre durch den Film “2001 – Odyssee im Weltraum” (1968) von Stanley Kubrick großer Beliebtheit erfreute. Tarkowski warb sogar damit, dass seine Verfilmung ein großer finanzieller Gewinn werden würde. Die Autorin Turowskaja geht sogar davon aus, dass das keine reine Heuchelei von Tarkowski war, sondern dass dieser ernsthaftes Interesse daran hatte, seinem Publikum mit einem populären Thema entgegenzukommen. Zumal der letzte russische Science-Fiction-Film im Jahr 1924 (“Aelita”) auf den Leinwänden zu sehen gewesen war. Für den leichteren Zugang schuf er auch eine chronologische, zusammenhängende Erzählstruktur und eine Geschichte, die selbsterklärend ist. Bei der Entstehung dieses Film erfuhr der Regisseur keine politischen und bürokratischen Behinderungen und er wurde sofort nach seiner Uraufführung am 20.03.1972 in Cannes eingereicht.

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Der polnische Autor Stanislaw Lem (1921-2006) schrieb den 1961 in Krakau erschienen Roman “Solaris”. Lem besitzt auch noch in heutiger Zeit einen hohen Stellenwert als Sci-Fi-Autor der besonderen Art und so verwundert es nicht, dass “Solaris” noch einmal im Jahr 2002 von Steven Soderberg mit George Clooney verfilmt wurde. Das Außergewöhnliche an Lems Romanen ist das Loslösen vom konventionellen Schema à la ‘Kampf der Welten’. Das Unbekannte im Weltall gilt es für ihn zu entdecken. Dabei folgt er vor allem einer philosophischen Richtung, in der viele moralische Fragen aufgestellt werden. Auch in “Solaris” geht es vor allem um zutiefst menschliche Themen wie die allumfasssende Kommunikationslosigkeit (Turkowskaja). Dieser Roman ließ unterschiedlichste Verfilmungsansätze zu und erregte vermutlich gerade aufgrund seiner irdischen Aspekte die Aufmerksamkeit von Tarkowski.

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Tarkowski am Set © imdb

Die Recht am Buch konnten Mosfilm schnell erwerben, aber auch hier gab es wieder Unstimmigkeiten zwischen Autor und Regisseur. In der ersten Drehbuchfassung kam es zu massiven Veränderungen, die Lem strikt ablehnte. Tarkowski schuf einen irdischen Rahmen mit einer wartenden Ehefrau, die laut Lem die Geschichte zu einem familiären Melodram umgewandelt hätte. Die Ehefrau wurde gestrichen, Tarkowski setzte sich aber beim Hinzufügen eines Prologs auf der Erde durch. Dies war für ihn bedeutend, um die Ereignisse aus zwei Perspektiven zu schildern. Auch konnte er so auf filmsprachlicher Ebene den Unterschied zwischen lebender Natur und kalter Raumstation betonen. In diesem Sinne begegnen uns auch auf der Erde all die typischen Elemente, die in Tarkowskis Œuvre die Natur repräsentieren. Neben den auftauchenden Pferden spielen hier Wasser und Regen wieder eine sehr große Rolle. Zudem gibt der Prolog der Figur einen Hintergrund und eine geistige und emotionale Heimat. Aber auch bei dieser Verfilmung muss betont werden, dass Tarkowskis Umsetzung als reine Romanverfilmung  gescheitert wäre (Kreimeier), da er sich nur bestimmte Aspekte aus dem philosophischen Kosmos Lems herausgepickt hat und nur Themen behandelt, welche ihm am Herzen liegen. So ist “Solaris” auch kein typischer Science-Fiction-Film und enttäuschte damals viele Fans des Genres. Im Vergleich zu “2001 – Odyssee im Weltraum”, den er oft als Vergleich angeführt wird und den er selbst ablehnte, ist “Solaris” nur oberflächlich ein Sci-Fi-Film. Mit dem Auftauchen der Figur Harey wird er vor allem zu einem Psychodrama. Aber auch die äußeren Schauwerte enttäuschten die Fans. Es fehlt dem Film an einer glatten Ästhetik, die ein Gefühl von Zukunft abseits der heutigen Realität vermittelt. In diesem Sinne wurde auch der starke Anthropozentrismus kritisiert, der durch das Hinzufügen des Prologs eingeführt wurde und so im Gegensatz zu Lems Roman steht. Manche Autoren (wie Strick und Schitowa) sehen in diesem Kunstfilm die menschliche Antwort auf die Verehrung des technischen Heldentums der westlichen Sci-Fi-Filme. So bietet der Film den Fans nicht die erwarteten Zukunftsvisionen und Genretypen, sondern bleibt dicht am Menschlichen dran und beschäftigt sich mit existenziellen Fragen.

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Zwei große Themen bilden das Zentrum des Films. Zum einen geht es um die menschliche Natur und der ihr innewohnenden Verbindung zur Erde und zur Natur. Obwohl sich die Protagonisten im Weltall befinden und an einem von der Erde losgelösten Ort, zeigt jedes Filmbild ihre Verbundenheit. Die Raumstation ist übersät mit Erinnerungsstücken, großen Meisterwerken und typischen irdischen Accessoires. Der Betrachter kann im Laufe des Films Gemälde von Brueghel, eine Büste Platons und die Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow entdecken. Durch diese Ausstattung  – die “Quintessenz der Menschheitskultur” (Schitowa) – begegnen die Weltraumfahrer der Leere des Alls und nehmen der Station ihre Kälte. Auch kann die vollgestopfte Raumstation als Sinnbild gelten für die Unordnung des menschlichen Verstandes (Strick). Zusammengefasst: Die Erde ist immer präsent, sei es durch die Ausstattung, Erinnerungen oder den angefügten Prolog. Der Mensch kann sich körperlich zwar von der Erde entfernen, aber nicht geistig. Diese Aussage vermittelt uns Tarkowskis “Solaris” eindringlich.

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Der zweite, große Themenkomplex beschäftigt sich mit dem Erinnern und dem Gewissen. Aus diesem Grund verschiebt Andrej Tarkowski die Erzählperspektive hin zu der Figur Harey deren Menschwerdung, die vor allem mit dem Erinnern verknüpft ist, essentielle Fragen aufwirft. Hinzu kommen die unterschiedlichen Herangehensweisen der Wissenschaftler an das Erinnern und der Umgang mit dem eigenen Gedächtnis. Auch hier ist wieder ein Dreigespann im Mittelpunkt, um die unterschiedlichen Sichtweisen auszudrücken. So betrachtet der Wissenschaftler Sartorius alles aus einem neuzeitlichen Wissenstandpunkt heraus. Das veranlasst ihn dazu, alles zu sezieren. Snaut geht den Weg des Ignorierens und Nicht-Wissens. Calvin lässt sich auf sein Gewissen und seine Schuldgefühle ein und beschäftigt sich moralisch damit. Er vermittelt die Botschaft, dass Schmerz zur Selbsterhaltung notwendig ist (Turkowskaja). Nach eigenen Aussagen Tarkowskis ist das der zentrale Kern seines Films. Er ist davon überzeugt, dass es nötig ist, ein reines Gewissen zu haben und sich selbstlos zu bemühen, um eine (bessere) Zukunft erschaffen zu können.

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Fazit: Der dritte Spielfilm von Andrej Tarkowski – “Solaris” – nimmt den philosophischen Gehalt der Vorlage von Stanislaw Lem und ist ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Film. Losgelöst von typischen Genremustern handelt der Film von menschlichen Fragen. Dabei stehen die Erdverbundenheit und das Erinnern im Fokus der Erzählung. Tarkowski verwendet wieder einmal ein bestimmtes Genre für die Darstellung des eigenen Gedankenguts und seines moralischen Kanons und damit ist der Film ein Bilderbuch-Tarkowski geworden, der seinen Prinzipien treu bleibt und wieder einmal das Publikum überraschen konnte.

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Gregor, Ulrich – Andrej Tarkowskij, in: Geschichte des Films ab 1960, Gütersloh, München, 1978, entnommen aus: Arsenal – Kino der Freude der Deutschen Kinemathek: Materialien zu den Filmen von Andrej Tarkowskij, Berlin, 1982.
  • Jünger, Hans-Dieter – Kunst der Zeit, Andrej Tarkowskijs Konzept des Films, Ostfildern, 1995.
  • Kreimeier, Klaus – Kommentierte Filmographie, in: Jacobsen, Wolfgang; Kreimeier, Klaus; Schlegel, Hans-Joachim; Schmid, Eva M J.; Sokurow, Alexander – Andrej Tarkowskij, München, Wien, 1987.
  • Pluta. Ekkehard – Solaris, in: Medium, Frankfurt, Nr.7/1974, entnommen aus: Arsenal – Kino der Freude der Deutschen Kinemathek: Materialien zu den Filmen von Andrej Tarkowskij, Berlin, 1982.
  • Schitowa, Vera – Solaris in „Sowjetfilm“ Ausgabe 2/73, entnommen aus: Arsenal – Kino der Freude der Deutschen Kinemathek: Materialien zu den Filmen von Andrej Tarkowskij, Berlin, 1982.
  • Strick, Philip – Solaris, in: Sight and Sound, London, Winter 1972/73, entnommen aus: Arsenal – Kino der Freude der Deutschen Kinemathek: Materialien zu den Filmen von Andrej Tarkowskij, Berlin, 1982.
  • Tarkowskij, Andrej – Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films, München, 1984.
  • Turkowskaja, Maja Josifowna, Allardt-Nostitz, Felicitas – Andrej Tarkowskij, Film als Poesie – Poesie als Film, Bonn, 1981.

Das Œuvre von Tarkowski als Spezialreihe auf Testkammer:

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Spezial 1: Andrej Tarkowski Einleitung
Spezial 2: Iwans Kindheit
Spezial 3: Andrej Rubljow
Spezial 4: Solaris
Spezial 5: Der Spiegel
Spezial 6: Stalker
Spezial 7: Nostalghia
Spezial 8: Opfer

8 Gedanken zu ““Solaris” (1972)

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