Bibliotheks-Buchverkauf: Meine Bilanz

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Symbolbild ohne die verstörend vielen Menschen © SLUB Dresden Blog

Kommentar: Die Sächsische Landesbibliothek (SLUB) sortierte Bücher aus und sorgte für einen eigenen BlackFriday, und zwar schon am Dienstag. Was in meinen Rucksack wanderte und warum, was erfreute und was entsetzte, das erfahrt ihr hier. Mitsamt kurzen Vorstellungen der Bücher, soweit möglich, und weiteren Buchtipps.

 

Der Andrang war enorm, und das liegt mir eigentlich gar nicht. Aber wenn billige Bücher locken, gibt es kein Halten mehr. Also auf zur Runde 1. Der Parcours war klug aufgestellt: Entweder begann die Runde mit Büchern aus dem Gebiet der Kunst, oder mit Belletristik (gestörte Menschen oder große mit Überblick hatten womöglich einen anderen Startpunkt). Sprich: Mit den Gebieten, die nicht nur für die Fachleute interessant sind.

Mich begleitete von nun an das Buch mit dem größten Format. „Wilhelm Busch was ihn betrifft. Max und Moritz treffen Struwwelpeter“ ist ein Ausstellungskatalog der Kunsthalle Würth. Er lotet Leben und Schaffen Wilhelm Buschs aus und geht besonders auf ihn als Maler ein. Der Struwwelpeter als Vorbild für Buschs Bildgeschichten bekommt ein eigenes Kapitel.

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Meine Beute. Mein Schaaatz. Nicht schön fotografiert, aber toll ausgewählt. © meins. alles meins!

Schnell vorbeigehuscht an der Matheabteilung und hinein in die Literatur. Die beginnt mit Kinderbüchern. Ich mache einen kurzen Kriegsschrei und einen langen Arm und erwische Roald Dahl, „Der Pastor von Nibbleswick“. Der Mensch vor mir, den ich sicher aus einem tiefen Minutenschlaf geweckt habe, fragt mich, ob ich einen guten Fang gemacht hätte. Natürlich, das ist Roald Dahl, in perfektem Zustand! Der Autor, für den 22 Großdruck-Seiten ausreichen, um den Leser mehrmals in lautes Lachen ausbrechen zu lassen. Darum geht es: Ein frisch gebackener Pastor tritt die vakante Stelle im Örtchen Nibbleswick an. Die Aufregung fördert seine Leseschwäche, unter der er als Kind litt, in seltener Weise zu Tage: Er verdreht das wichtigste Wort im Satz, ohne es selbst zu merken. Der Humor ist kindgerecht, erfreut Erwachsene aber genauso. Das bekommt meine Nichte zu Weihnachten und ist zehnmal besser als der Band „Kinderwitze“, der mit Inhalten wie etwa Telefonbuch-Witzen das Haltbarkeitsdatum schon überschritten hat.

Der qualvollste Teil folgte mit der schönen Literatur. Stendhal, Siegfried Lenz oder Erich Loest als Hardcover in Leinen für wenige Euros. Aber solche namhaften Autoren hat man im Hinterkopf und leiht sie sich eher mal aus. Und ob die polnischen Meistererzählungen so toll sind? Die bleiben da, mitkommen darf ein Lesebüchlein von Carl Spitzweg. Die Qualität der Abbildungen hinkt deutlich hinter dem Band „Busch trifft Spitzweg“ her, aber wie viele Gedichte der Maler Spitzweg fabrizierte, war mir neu. Ein paar Texte von Goethe, Brentano oder auch Schopenhauer machen die Mischung interessant und verleihen ihr Substanz.

Gratulation

Bei vierundsechzig

Wünschen möchte’s ich,

Dass alles tät‘ sich so gestalten

Und alles tät‘ sich so verhalten

Und du selber wärest einverstanden,

Dass, wenn’s vergönnt von Gottes Handen,

Es noch tät‘ dauern hin

Bei gesundem Leib und frohem Sinn

Bis zu vierundneunzig.

Das wünsch‘ ich, das wär‘ einzig!

Und sollt‘ dir das zu wenig sein,

Stell‘ ich mich höchst vergnügt von Jahr zu Jahr

Mit neuen Gratulationen aus dem Jenseits ein!

Carl Spitzweg. Aus: Carl Spitzweg: Still vergnügt seh ich die Welt. St. Benno Verlag, Leipzig 2014

Nicht lang überlegen musste ich bei der Anthologie „Deutschsprachige Erzähler von Schubart bis Hebel“. In den über 50 Jahren ihrer Existenz hat sie wohl kaum mehr als einen Leser gesehen. Bei mir füllt sie eine große Lücke in der Literaturgeschichte, denn nach Mittelalter und Barock kommt in meiner Buchsammlung lange nichts. – Bevor jemand fragt: Hebel ist so richtig geschrieben, da nicht der Dramatiker Friedrich Hebbel gemeint ist, sondern der Autor der Kalendergeschichten Johann Peter Hebel. Aber fragt mich nicht, wer Schubart ist.

Ein Band spanischer Kurzgeschichten. Perfekte Portionen, um mal wieder in die Sprache reinzukommen. Schön, wenn das Buch einem selbst gehört und man reinschreiben kann, wie man will. Irgendwann wird das was mit dem Lesen und Üben. Das wird nämlich ganz anders als mit den drei Bänden von den letzten Buchverkäufen, die bisher nur verstauben. Eigentlich weiß ich es besser. Egal, das Buch kommt mit. Es ist übrigens das einzige mit deutlichen Bibliotheksspuren wie Signaturetikett oder Stempel.

Dann erbarme ich mich eines Erzählbandes von Franz Fühmann: „Das Ohr des Dionysios“. Fühmann war einer der wichtigsten Autoren der DDR, vielleicht der produktivste. Dass er heute gefühlt kaum noch gelesen wird, liegt vielleicht auch daran, dass er so gut wie alles schrieb außer Romanen. Dabei verdient sein Sprachspielbuch „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“ einen Platz in jedem Kinderbuchregal. Meine neunjährige Nichte war begeistert davon, auch wenn sie nicht alles verstanden hat. Durch die Unterteilung kann man problemlos das eine oder andere Kapitel überspringen, wenn es zu kompliziert wird oder die Lust auf Gedichte gerade gering ist. Die Neuauflage vom Hinstorff-Verlag erklärt DDR-Begriffe wie Pionier oder Kulturbundschulung und ist meine warme Empfehlung für alle, denen noch ein Weihnachtsgeschenk fürs Kind fehlt. Die Geschichte von der Schneeseekleerehfee und ihrem Drehzehweh verlangt Vorlesern einiges ab, gehört aber zu den Höhepunkten des Buches.

Runde 2, etwa eine Stunde vor Schluss. Was jetzt mehr interessierte, war soziokulturelle Forschung. Welche Bücher kaufen die Studenten, welche lassen sie liegen? Kinderbücher gingen gut weg. Bei den Romanen war, wie erwartet, der Schund (Rosamunde Pilcher u.ä.) gut weggegangen. Aber auch die Zentner von Werken Victor Klemperers waren erfreulicherweise ausverkauft. Meine Ausgabe der LTI (Die Sprache des Dritten Reiches; gerade derzeit aktuell; erhellend, erschütternd und sehr gut geschrieben) stammt aus gleicher Quelle.

Sehr ernüchternd dagegen war, wie viel Literatur aus DDR-Zeiten sitzengeblieben ist. Christoph Hein, noch ein bisschen Fühmann, Günter de Bruyn. Von Letzterem sicherte ich mir noch schnell den Roman „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter“. Diese historische Biografie entwickelt schon auf den ersten Seiten einen unglaublichen Sog und ist mit Abbildungen von Jean Paul-Manuskripten ausgestattet. Es ist bis jetzt mein Favorit unter der gesamten Ausbeute. Dazu gesellen sich noch ein Büchlein des Komikers Willy Astor, das ich meinen Eltern schenke, und ein ebenfalls als Geschenk gedachter Sammelband „Deutsche Epigramme aus vier Jahrhunderten“. Epigramme sind kürzeste gereimte Bosheiten, und wahrscheinlich muss ich mir dieses Buch noch einmal selbst kaufen, so fies und erfreulich ist das.

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Schallplatten verkauften sich nach meinen Beobachtungen schlecht. © SLUB Dresden Blog

Und weil kurz vor Schluss jedes Buch nur noch einen Euro kostete, musste „Dr. Pausers Werbebewusstsein. Texte zur Ästhetik des Konsums“ auch noch mit. Ich tänzelte noch einmal durch die Belletristik-Reihen im harten inneren Kampf um dieses oder jenes zusätzliche Buch. Während meine Gedanken „Nein! Doch! Ohh!“ á la Luis de Funes spielten, schien ich auszusehen wie Rilkes geistesgestörter Panther. Zumindest guckten die Mitarbeiter so. Gut, auf zur Kasse.

 

Am liebsten hätte ich noch viel mehr gekauft. Wann kommt man schon so preiswert an Bücher, und das in so toller großer Auswahl? Das Problem ist nur, dass Bücher Platz brauchen, und der ist ähnlich knapp wie freie Zeit. Hach ja. Schlecht weg gingen Kunsthefte, Schallplatten, Duden der vorletzten Auflage. Einen Überraschungserfolg landeten Karl May-Romane in minderwertigen Ausgaben, von denen man das eine oder andere Exemplar gratis aus der Büchertelefonzelle hätte haben können. Von meinen zehn gekauften Büchern ist nur eines ein Roman. Ich habe es aber nicht im regulären Handel gekauft. Immer noch ein „Lesemuffel“.

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen: Die gute SLUB. Bilder aus dem SLUBlogbeitrag zum Buchverkauf.

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