„Tracing Addai“ (2018)

Kurzfilm / Deutschland / Dokumentation / 2018

Filmkritik: Auf vielen Festivals darunter den 29. Bamberger Kurzfilmtagen und dem 28. Filmfestival Cottbus konnte man den Kurzfilm „Tracing Addai“ von Esther Niemeyer sehen. Aus einem persönlichen Standpunkt heraus, beschäftigt sich die Regisseurin mit der Frage, wie junge Männer zu Terroristen werden können.

Addai ist Anfang 20 und lässt in Deutschland alles hinter sich, um in Syrien zu helfen. Bald schließt er sich einer salafistischen Gruppe an. Nach seinem Tod bleiben viele Fragen unbeantwortet und ein stigmatisiertes Bild entsteht, das seine alleinerziehende Mutter mit Selbstvorwürfen, Trauer und Verzweiflung konfrontiert.

Die Filmemacherin Esther Niemeier (*1981) studierte an der Filmuniversität Babelsberg Dokumentarfilm und schloss mit dem Anime-Dok „Tracing Addai“ ihr Studium ab. Durch die Nähe zur Familie wird der Film von einem ganz subjektiven Standpunkt heraus erzählt und nimmt sich der emotionalen Lage der Mutter an. Die Fragen, welche die Zurückgebliebenen beschäftigten, auch die Regisseurin selbst, sind der Ausgangspunkt der Spurensuche. Dafür verwendet sie nicht nur Archivmaterial und trifft sich mit der Mutter Addais, sondern auch mit dem Rückkehrer Ilias, der seitdem im Gefängnis sitzt. Er kann mehr Licht ins Dunkel bringen über die Ereignisse vor Addais Tod. Dadurch kann die Filmemacherin Niemeier in ihrem 30-minütigen Kurzfilm zum Teil die Fragen klären, aber auch im größeren Maßstab Schicksale dieser Art beleuchten, welche im Allgemeinen schnell in eine Schublade gesteckt werden. Dabei war es ihr wichtig, wegzugehen von der Stigmatisierung, aber trotzdem einen emotionalen Blick zu bewahren. Trotz der Subjektivität werden die Geschehnisse glaubhaft erzählt und rekonstruiert. Obwohl sie bisher noch nicht mit Animationen gearbeitet hatte, entschied sie sich, die Geschichte Addais auf diese Weise umzusetzen. So wahrt sie nicht nur die Anonymität der Personen, sondern kann die Leerstellen in der historischen Dokumentation trotzdem mit Bildern füllen. Dafür findet sie mit dem Verfahren der Rotoskopie die richtige Darstellungsweise, passt die Farbigkeit zudem gut an und balanciert geschickt zwischen Realität und fiktiven Bildern. Im Gesamten ist „Tracing Addai“ ein starker Film, der emotional packen kann und sich traut eine andere Sichtweise zu wählen.

Fazit: Esther Niemeiers persönlicher Abschlussfilm „Tracing Addai“ ist ein animierter Dokumentarfilm, der zu ergründen versucht, warum sich junge Männer extremistischen Gruppen anschließen. Mit einem persönlichen Standpunkt ist der Filmemacherin ein Kurzfilm mit handwerklich überzeugenden Bildern gelungen, welcher einen offenere Blick mit Weitsicht für dieses Thema bietet.

Bewertung: 8/10

Trailer zum Film „Tracing Addai“:

Quellen:

5 Gedanken zu “„Tracing Addai“ (2018)

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