Sieben Fragen an Erica Scoggins

Interview: Im Gespräch mit der amerikanischen Filmemacherin Erica Scoggins erzählt sie mehr von der dahinter stehenden Ideen ihres Kurzfilms „The Boogeywoman“, wie sie ihren wunderbaren Cast fand und wie man sich eine Langfilmvariante dessen vorstellen kann.

The original english language interview is also available.

Deine Coming-of-Age-Horror-Geschichte „The Boogeywoman“ hat so viele Facetten. Wie hast Du die Geschichte für Deinen spannenden Genremix entwickelt? Spielen eigene Erfahrungen mit hinein?

Die meisten meiner Arbeiten beginnen auf einer abstrakten Ebene mit Symbolen und Konzepten und beziehen sich dann auf die historische und zeitgenössische Mythologie, um einen narrativen Ansatzpunkt zu finden. Eine der spannendsten Herausforderungen ist es dann, herauszufinden, wie man diese Mythologien und Archetypen in eine Geschichte integrieren kann. Hier kann ich oft auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen. Ich finde so viele Spannungen zwischen diesen alten Geschichten, die dazu bestimmt waren, das menschliche Verhalten zu beeinflussen und zu kontrollieren, und wo wir jetzt sind – und erkenne den Schaden und die Stigmatisierung, die über Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurden.

Endlich wird eine Geschichte über eine Boogeywoman erzählt. Wie feministisch darf man Deinen Film auslegen?

Ich denke nie über Dinge explizit im Kontext des Feminismus nach oder nicht. Ich bin zufällig eine Frau, die die Geschichte einer Frau erzählt. Das macht es natürlich feministisch, aber ich sehne mich nach dem Tag, an dem wir nicht differenzieren müssen, wenn wir nicht „weibliche“ Regisseurin sagen müssen. Aber leider sind wir immer noch hier und so wurde „The Boogeywoman“ geboren.

The Boogeywoman“, insbesondere, legt die Herausforderungen dar, mit denen viele junge Mädchen während der Pubertät konfrontiert sind – durch die sie verteufelt, beschämt, sexualisiert und kontrolliert werden. Wir werden davor gewarnt, was Jungen wollen, wie wir unsere Menstruation verstecken können, was zu tun ist und was nicht. Selten fragt jemand, was das Mädchen will. So wurde „The Boogeywoman“ zu einer Konzeption des weibliche Begehrens, das für viele Menschen immer noch sehr beängstigend ist. Dieser völlig natürliche Prozess der weiblichen Biologie und Sexualität wird zur Quelle des „Schreckens“, auf einer frechen Art und Weise.

Ich finde dein Setting äußerst gelungen, unheimlich und nostalgisch zugleich. Was war Dir bei der Inszenierung und Umsetzung besonders wichtig?

Ich freue mich, dass es bei dir funktioniert hat! Die Jugend ist so verträumt, und die Rollschuhbahn war dieser Ort, an dem die Romantik aufblühen konnte. Es kann auch dunkle Ecken und schäbige Absichten geben. Diese Teenager gehen immer wieder umher und zeigen körperliche Fähigkeiten und Flirten, aber die Schwere der Entwicklung der Heldin befreit sie von diesem sich wiederholenden und vielleicht endlosen Zyklus vereitelter oder unbelohnter Romanzen. Dieses kreisförmige Thema wird in den alten Vorstellungen von Weiblichkeit weitergeführt. Jeder hat eine Vorstellung davon, was Sam tun sollte, aber sie bricht diese Form, indem sie diese physischen und emotionalen Feedbackschleifen verlässt. Sie riskiert ihre Sicherheit und findet die Boogeywoman, die einen Gebärmutter-ähnlichen Raum bewohnt, in dem Sam die volle Kontrolle hat.

Auch die Boogeywoman hat eine starke Wirkung. Wie hast Du das ‘Monster’ konzipiert?

Katherine Morgan und Amélie Hoeferle

Weibliche „Bösewichte“ haben eine große Fähigkeit zur Nuancierung. Männliche Bösewichte werden typischerweise durch Macht oder eine sadistische sexuelle Vorliebe angetrieben. Frauen haben nicht das gleiche Verhaltensmuster, also müssen wir uns wirklich mit ihrer Natur und ihren Motiven auseinandersetzen. In diesem Fall steht die Boogeywoman für viele Dinge – weibliche Biologie, Begehren, Sexualität, Handlungsfähigkeit und all die Dinge, für die Frauen traditionell unterdrückt oder verteufelt wurden. Sie ist nur eine „Schurkin“ für diejenigen, die sich durch diese Dinge bedroht fühlen.

Die Wahl deiner Darsteller ist sehr gelungen. Kannst Du mir mehr zu Deinem Cast erzählen – vor allem wie Du Deine wunderbare Hauptdarstellerin Amélie Hoeferle gefunden hast.

Amélie Hoeferle

Ich sah Amélie in einem Café in meiner Heimatstadt Cleveland, Tennessee. Ich hatte den ganzen Morgen am Drehbuch gearbeitet und schaute auf und sah dieses eindrucksvolle Mädchen am Rande der Weiblichkeit und die Alarmglocken läuteten. Ich war nur für ein paar Tage zu Besuch, um meine Mama zu sehen, und es stellte sich heraus, dass Amélie und ihre Familie schon am nächsten Tag nach Atlanta zogen. Unser Treffen war also ein Glücksfall! Es war ihr erstes Mal als Schauspielerin, also habe ich zwei Vorsprechen gemacht. Sie wuchs enorm zwischen den beiden. Sie ist ein Naturtalent.

Der Rest des Cast wurde im gesamten Süden und Mittleren Westen gefunden. Mit ihnen zu arbeiten war unglaublich, und wir sind uns alle noch sehr nahe. Wir reden fast jeden Tag – und es ist zwei Jahre her seit der Produktion. Ich habe immer noch Hochachtung davor, wie sie alle gegenseitig miteinander geschauspielert haben. Es war ein Traum.

Hast Du „The Boogeywoman“ als Proof-of-concept für einen Langfilm entwickelt?

Amélie Hoeferle

Ja, eigentlich wurde „The Boogeywoman“ aus einem Langfilm entnommen, den ich geschrieben hatte. Erst als ich einige Charaktere und Themen herausgepickt und rekonstruiert habe, war das Konzept der Boogeywoman selbst geboren.

Inzwischen habe ich den Langfilm umgeschrieben, der Sam als Oberstufenschülerin folgt, während sie durch die Komplexität der ersten Liebe und des intimen Missbrauchs navigiert. Unterwegs wird sie von einer mysteriösen Frau in ihrer Stadt verzaubert. Während sie recherchiert und darum kämpft, die Verbindungen zu ihren missbrauchenden Geliebten zu unterbrechen, gibt die Realität den Weg frei für dissoziative Episoden -Ahnen-Erinnerungen, die ihre eigene Mutter und die mysteriöse Frau betreffen. Sam bewegt sich in Richtung der Wahrheit ihres Ursprungs. Boogeywoman (der Langfilm) handelt von der Gefahr, gefährliche Männer zu verlassen und der heftigen Gewaltfähigkeit des ‚zarteren‘ Geschlechts.

Boogeywoman wird die erste von zwei Filmen sein. Die reiche Hintergrundgeschichte führt direkt in ein Prequel. Das erste Drehbuch steht kurz vor der Fertigstellung, und mein Produzent und ich suchen derzeit nach Partnerschaften. Wir sind bereit, es umzusetzen!

Kannst Du mir zum Schluss mehr von Dir erzählen. Wo wird Deine filmische Reise hingehen? In welchem Genre wirst Du Dich weiterhin bewegen und welche Projekte sind schon geplant?

Raquel Acension, John Henry Ward, Keenan Rashad Carter, Amélie Hoeferle und Nathan Ford Jr.

Ich bin begeistert zu sehen, wie das Horror-Genre eine neue Ebene der Raffinesse erreicht. Ich war schon immer von der Arbeit angezogen, die die Grenzen der menschlichen Erfahrung überschreitet, die oft in die Kategorie Horror oder Thriller fällt. Ich denke, es ist eine Art konzeptionelles Portal, auf dem man abstrakte und existenzielle Ideen wirklich auf eine Art und Weise vorantreiben kann, die immer noch unterhaltsam und zugänglich ist. Dennoch denke ich, dass meine Arbeit mehr in einem nebulösen Äther der Südstaaten-Gotik und psychologisch-geistigen Mystery-Thriller liegt, aber da nehme ich den Mund etwas voll.

Ich zog zurück zu meinem Zuhause in Chattanooga, Tennessee, nachdem ich zehn Jahre weg war. Als ich diesen Ort verließ, wurde mir klar, wie sehr ich mich von der lokalen Landschaft ernähre (physisch, emotional, politisch, spirituell). Hier sind für mich alle großen Fragen des Lebens aufgetaucht, und ich will diese ganze Spannung hervorrufen und ins Kino bringen.

Der nächste Film, Boogeywoman, stellt sicherlich diese großen Fragen und er soll sehr spannend sein.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Boogeywoman


Interview: In our conversation with the American filmmaker Erica Scoggins, she tells us more about the ideas behind her short film „The Boogeywoman„, how she found her wonderful cast and how one could imagine a feature-length version of it.

Your coming-of-age horror story „Boogeywoman“ has so many facets. How did you develop the story for your exciting genre mix? Do you play with your own experiences?

Most of my work begins on an abstract plane with symbols and concepts and then draws on mythology, both historical and contemporary, to find a narrative seed. One of the most exciting challenges is then figuring out how to situate these mythologies and archetypes into a narrative. This is where I often draw on personal experience. I find so much tension between these old stories that were meant to influence and control human behavior and where we are now– recognizing the damage and stigma handed down over centuries.

Finally a story about a boogeywoman is told. How feminist can you interpret your film?

I never think about things in terms of feminist or not. I just happen to be a woman telling a woman’s story. Of course, this makes it femenist, but I long for the day we don’t have to differentiate, when we don’t have to say “female” director. But alas, we are still here and so the Boogeywoman was born.

The Boogeywoman, specifically, lays out the challenges many young girls face during puberty—being demonized, shamed, sexualized, and controlled. We are warned about what boys want, how to hide our periods, what to do and not do. Rarely does anyone ask what the girl wants. So The Boogeywoman as a concept became about female desire, which is still very scary to many people. This completely natural process of female biology and sexuality becomes a source for “horror,” in a tongue in cheek kind of way.

I find your setting extremely successful, uncanny and nostalgic at the same time. What was particularly important to you during the staging and realization?

I’m so glad it resonated with you! There’s such dreaminess to adolescence, and the skating rink was this place where romance could blossom. There can also be dark corners and seedy intentions. These teens go round and round, showing off physical prowess and flirting, but the gravity of the heroine’s evolution breaks her free of this repetitive and perhaps endless cycle of thwarted or unrewarding romance. This circular theme is carried over in the old ideas about womanhood. Everyone has an idea about what Sam should do, but she breaks that mold by leaving these physical and emotional feedback loops. She risks her safety and finds The Boogeywoman, who inhabits a womb-like space where Sam has full agency.

The Boogeywoman“ also has a strong effect. How did you conceive the ‚Monster‘?

Female “villains” have a great capacity for nuance. Male villains are typically driven by power or some sadistic sexual predilection. Women don’t have that same patterned behavior so we have to really grapple with their nature and motives. In this case, The Boogeywoman stands for many things—female biology, desire, sexuality, agency, and all of the things women have traditionally been oppressed or demonized for. She is only a “villain” for those who feel threatened by these things.

The choice of your actors was very successful. Can you tell me about your cast – especially how you found your wonderful leading actress Amélie Hoeferle?

I spotted Amélie in a café in my hometown of Cleveland, TN. I had been working on the script all morning and looked up and saw this striking girl on the verge of womanhood and the alarm bells rang. It was her first time acting so I did several auditions. She grew immensely between each. She’s a natural. I was visiting for just a few days to see my Mamaw, and it turns out Amélie and her family were moving to Atlanta the very next day. So our meeting was lucky!

The rest of the cast was drawn from all around the South and Midwest. They were all incredible to work with, and we are all still very close. We talk almost every day, and it has been two years since production. I’m still in awe of how they all played off each other. It was a dream.

Did you develop „The Boogeywoman“ as proof-of-concept for a feature-length film?

Yes, actually „The Boogeywoman“ was drawn from a feature I had been writing. It wasn’t until I plucked some characters and themes and reconstructed them in the short that the concept of the Boogeywoman herself was born.

I’ve since rewritten the feature, which follows Sam as a high school senior as she navigates the complexities of first love and intimate abuse. Along the way, she becomes entranced by a mysterious woman in her town. As she investigates and struggles to cut ties with her abusive lover, reality gives way to dissociative episodes–ancestral memories that implicate her own mother and the mysterious woman. Sam spirals toward the truth of her origins. „Boogeywoman“ (the feature) is about the danger of leaving dangerous men and the fierce capacity for violence in the “gentler” sex.

„Boogeywoman“ will be the first of a two film series. The rich back story leads straight into a prequel. The first script is nearing completion, and my producer and I are currently seeking partnerships. We’re ready to make it!

Can you tell me more about yourself at the end? Where will your cinematic journey take you? In which genre will you continue to move and which projects are already planned?

I’m thrilled to see the horror genre reaching a new level of sophistication. I’ve always been drawn to work that pushes the boundaries of human experience, which often falls into horror/thriller categorization. I think it’s a sort of conceptual gateway where you can really push abstract and existential ideas in a way that’s still entertaining and accessible. Still, I think my work lies more in a nebulous ether of Southern Gothic, psychological-spiritual-mystery-thriller, but that’s a mouth full.

I moved back to my home of Chattanooga, TN after 10 years of being away. As soon as I left this place, I realized how much I feed on the local landscape (physical, emotional, political, spiritual). This is the place where all life’s big ass questions arose for me, and I want to conjure all of that tension and bring it into the cinema.

The next film, „Boogeywoman“, certainly asks these big questions and it is nothing if not tense.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „The Boogeywoman

2 Gedanken zu “Sieben Fragen an Erica Scoggins

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