Acht Fragen an Anna Roller

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Anna Roller, die an der der HFF München studiert, konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Die letzten Kinder im Paradies“ erfahren, der auf vielen Festivals u.a. Bamberg zu sehen war, wie eigene Erinnerungen die Geschichte formten und was ihr visuell um der Umsetzung wichtig war.   

Aus welchen Ideen heraus entstand die Geschichte zu Deinem Film „Die letzten Kinder im Paradies“? Steckt auch etwas Autobiographisches drin?

Wo eine Idee herkommt und wovon der Film dann im Endeffekt handelt, ist ja manchmal ein weiter Weg. Ich wollte schon länger einen Film machen über die Zeit, wenn ein toter Körper in einem Haus aufgebahrt ist, um Abschied zu nehmen, weil das, als meine Großeltern gestorben sind, für mich als Jugendliche sehr prägend war. Dass es dann zu einer Geschichte über den Abschied von der Kindheit geworden ist, das ist im Schreibprozess entstanden. 

Was Dir wunderbar gelingt, ist diese Stimmung einzufangen, wie es sich anfühlt in der Kindheit seine Ferien bei Verwandten zu verbringen. Das entsteht vor allem durch eine gewisse Zeitlosigkeit – man kann den Film schwer einordnen. Ich denke das war beabsichtigt, oder?

Ich wollte, dass sich diese Großmutter-Welt etwas aus der Zeit gefallen anfühlt, losgelöst von dem was vielleicht drum herum in der Welt geschieht. Ein Ort, an dem Lea die Zeit anhalten möchte. Die campenden Teenager bringen dann wieder die Realität und das Jahr 2019 in das Haus und zeigen, dass es nicht für immer so weitergehen kann.

Zu der Stimmung trägt viel die Szenerie und Ausstattung bei. Wo genau habt ihr gedreht und wie habt ihr diesen Ort gefunden?

Mit Hilfe meiner beiden großartigen Szenenbildnerinnen Luisa Rauschert und Lena Müller haben wir ein Haus in der Umgebung um München gefunden, das leer stand. Ursprünglich dachten wir, wir finden ein Haus über Makler, aber im Endeffekt haben wir uns ins Auto gesetzt, sind durch Bayern gefahren und haben bei jedem Haus geklingelt, das passend aussah. Mit sehr viel fleißigem Suchen, mehreren Fundi und Hausauflösungen haben die beiden dann das Haus gefüllt und zu unsere Großmutter-Welt gemacht. 

Die Kameraarbeit dazu ist hervorragend. Kannst Du mir mehr zur visuellen Umsetzung erzählen?

Danke! Da steckt sehr viel Arbeit von meinem tollen Kameramann Felix Pflieger und seinem Team mit drin. Wir haben in der Vorbereitung gemerkt, dass wir als Inspiration viele alte Fotos hatten, zum Beispiel Polaroids von Tarkowski aus dem Buch „Instant Light“. Das hat uns auf das enge Format 4:3 gebracht. Außerdem befindet sich die Hauptfigur Lea in der Geschichte „zwischen den Welten“ von Kind und Erwachsensein, deswegen sehen wir sie oder gemeinsam mit ihr oft durch etwas hindurch: durch Büsche, durch einen Türspalt etc. Und wir haben uns dazu entschieden, ihr Aufgewühlt-Sein durch „innere Bilder“ auszudrücken. Also Details, die zeigen, wie die Welt um sie herum aus den Fugen geraten ist. 

Wie lange habt ihr insgesamt für die Realisierung des Film benötigt?

Wir haben ca. ein halbes Jahr während des Studiums mit der Stoffentwicklung und dem Drehbuch schreiben verbracht. Dann drei Monate Vorbereitung und 10 Tage Drehen. Die Postproduktion hat sich fast nochmal über ein ganzes Jahr gezogen, bis der Film 2019 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis Premiere gefeiert hat.

Wie hast Du Deine beiden hervorragenden Jungdarsteller gefunden? Wie war es mit den beiden zu drehen? Waren sie emotional auch involviert, gerade bei den Szenen mit der toten Oma?

Beide Kinder waren bereits in Agenturen. Für Lea war es das erste Mal vor der Kamera, aber als ich sie getroffen habe, wusste ich sofort, dass ich mit ihr drehen möchte. Sie ist extrem feinfühlig und emotional intelligent, was es ihr leicht macht, in Rollen zu schlüpfen. Aber sie hat auch selbst dieses „Zwischen den Welten Sein“ ausgestrahlt, durch ihr zartes Gesicht und gleichzeitig so viel Reife. Manchmal haben wir am Set vergessen, wie jung sie eigentlich ist und gar nicht mehr als „Kinderdarsteller“ wahrgenommen. Gemeinsam mit ihr haben wir dann ihren Bruder gecastet. Natürlich war es wichtig am Set in die Emotionen der Szenen einzutauchen, aber gerade weil es ein sehr trauriges Thema war, musste nach den Takes auch wieder gelacht und Quatsch gemacht werden dürfen.

Kannst Du mir zum Schluss noch etwas zu Dir erzählen – Du bist schon etwas länger im Filmgeschäft, richtig?

Ich habe sehr früh angefangen mit Freunden und auch meiner Familie zusammen Filme zu machen, natürlich damals noch komplett unprofessionell, aber voller Begeisterung für das Geschichtenerzählen mit diesem Medium. Und seit 2014 studiere ich jetzt an der Hochschule für Film und Fernsehen München Spielfilmregie. „Die letzten Kinder im Paradies“ war mein Drittjahres-Film dort.

 

Stehen bereits neue Projekte an?

Ja ich plane gerade einen weiteren Kurzfilm, den ich wieder zusammen mit meinem Kameramann im April drehen werde. Er handelt von einem Moment der Selbstjustiz einer sehr jungen Mutter, deren Tochter gemobbt wird. Und außerdem bin in der Finanzierungsphase für meinen Abschlussfilm an der HFF München.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Die letzten Kinder im Paradies

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