„1917“ (2019)

Filmkritik: Das Kriegsdrama „1917“ (OT: „1917“, Großbritannien, USA, 2019) war auf der 92. Oscarverleihung einer der großen Favoriten, vor allem ahnte man, dass Sam Mendes für dieses Werk seinen zweiten Oscar als Regisseur erhalten würde. Dem war nicht so, ausgezeichnet wurde Bong Joon-ho von „Parasite“, aber trotzdem erhielt der Spielfilm von seinen zehn Nominierungen die drei Trophäen für die ‚Beste Kamera‘, den ‚Besten Ton‘ und die ‚Besten visuellen Effekte‘.

Erster Weltkrieg, Frühjahr 1917: An der Westfront im britischen Sektor im Norden Frankreichs erfährt man, dass der geplante Angriff des II. Bataillon des Devonshire Regiments geradewegs in eine Falle läuft. Der Angriff muss unbedingt abgebrochen werden. Dazu werden die beiden britischen Soldaten Will Schofield (George MacKay) und Tom Blake (Dean-Charles Chapman) losgeschickt. In kürzester Zeit müssen sie das Niemandsland durchqueren und hinter die feindlichen Linien bis zum Bataillon vorstoßen. Obwohl die Deutschen abgezogen sind, birgt das Vorankommen viele Gefahren und so beginnt ihr Wettlauf gegen die Zeit, um viele Menschenleben zu retten.

George MacKay und Dean-Charles Chapman

Der amerikanisch-britische Spielfilm basiert auf den Erzählungen von Alfred H. Mendes, Großvater des Regisseurs, der als 17-jähriger Meldeläufer im ersten Weltkrieg im Einsatz war und danach seine Erlebnisse in einigen Büchern niederschrieb. Sein Enkel, der bekannte britische Regisseur Sam Mendes, der bereits den Kriegsfilm „Jarhead – Willkommen im Dreck“ (2005) inszeniert hat, griff die Erzählungen seines Großvaters auf und schrieb zusammen mit Krysty Wilson-Cairns (ihre zweite gemeinsame Arbeit nach „Voyeur’s Motel“ (2017)) sein allererstes Drehbuch. Er erzählt in den 119 Filmminuten die Geschichte zweier Meldeläufer, die auf eine scheinbar unmögliche Mission geschickt werden. Dabei pickt sich Mendes nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus den Kriegsgeschehnissen heraus, sondern fängt den Krieg in vielerlei Facetten ein. Mit den beiden Lance Corporals lernen wir die Schützengräben, das Niemandsland, die feindlichen Linien und das scheinbar unberührte Land mittendrin kennen. Schnell voranschreitend kommen die beiden voran und treffen dabei auf Freund und Feind und immer wieder wird das Unmenschliche des Krieges in all seinen Facetten ausgelotet. Obwohl der Film keine  Erklärungen zu den Kriegsereignissen gibt, wird der Schrecken des Krieges auf andere Weise spürbar. Hier rückt eine fast ausschließlich emotionale Schilderung in den Vordergrund und das funktioniert dank vieler Faktoren hervorragend und beweist, dass man mit starken Bildern ebenso eine Geschichte erzählen kann, denn das Gesagte ist hier selten von Bedeutung oder bleibt ungehört.

Alle drei Oscars, die der Film erhalten hat, beziehen sich auf seine Inszenierung und das völlig zu recht. Denn Sam Mendes entschied sich die Geschichte wie aus einem Guss zu erzählen. Dabei inszeniert er es wie einen Onetaker, also ein Film, der ohne Schnitt auskommt, aber das ist er natürlich nicht. Denn hier werden an bestimmten Stellen die Zeiten gekürzt und auch längere Distanzen schneller überwunden. Doch was Mendes damit bezweckt, funktioniert trotz des Wissens, dass es unsichtbare Schnitte und den einen oder anderen Kniff gibt. Denn zusammen mit der starken Kameraarbeit von Roger Deakins bringt die Kamera, welche scheinbar wie die beiden Protagonisten nie still zu stehen scheint, die Zuschauer direkt in das Geschehen. Der Krieg wird hier auf eine sehr nahe, emotionsgeladene Weise spürbar und man hat das Gefühl kaum Luft holen zu können. Die Ereignisse überschlagen sich und wie auch seine zwei Helden kann man schnell den Überblick verlieren. Das Gefühl, dass die Zeit davon rennt, war selten so greifbar. Dies verdankt der Film dem Oneshot-Element, der starken Kameraarbeit, aber auch dem hervorragenden Musikeinsatz, komponiert von Thomas Newman. Doch die Geschichte würde genauso wenig funktionieren, wenn Mendes nicht zwei perfekte Jungdarsteller gefunden hätte. George MacKay (gesehen bei „Captain Fantastic“ (2016)) und Dean-Charles Chapman (gesehen in „Game of Thrones“ (2013-2016)) wirken so authentisch und auf ihre Art entschlossen und gleichzeitig verloren, dass man ihnen gerne zur Seite steht und ihn den unbedingten Erfolg ihrer Mission wünscht. Auch die Dynamik zwischen den beiden funktioniert sehr gut. Abgerundet wird der Cast von vielen kurzen Auftritten bekannter Darsteller wie Colin Firth („A Single Man“ (2009), „The King’s Speech“ (2010)), Benedikt Cumberbatch („Sherlock“ (2010-2017), „Avengers: Infinity War“ (2018)) und Mark Strong („Dame, König, As, Spion“ (2011), „Kingsman: The Secret Service“ (2014)). Im Gesamten geht hier alles Formale, wie die Effekte, die Kameraarbeit, die Musik wunderbar Hand in Hand mit der schauspielerischen Leistung, so dass „1917“ ein Kriegsfilm anderer Art geworden ist, der sich zwar eines Kniffes bedient, aber dadurch die Zuschauer wunderbar, vor allem emotional, an seine Geschichte bindet.

George MacKay und Dean-Charles Chapman

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „1917“ erzählt eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg und findet dafür eine andere, sehr gefühlsgeladene Herangehensweise. Dafür inszeniert der Regisseur und Drehbuchautor Sam Mendes einen scheinbaren Onetaker und lässt die Zuschauer zusammen mit den beiden Protagonisten auf eine schwierige Mission aufbrechen. Dabei sind die Kriegsschilderungen und Bilder authentisch und mit einem schnellen Rhythmus und einer enormen Spannung folgt man den Figuren bis zum Ende. Sam Mendes’ Kriegsdrama „1917“ erfindet das Genre nicht neu, aber er macht sich ein andere Erzählweise zu Nutze und so kann er die Zuschauer unmittelbar berühren.    

Bewertung: 8,5/10

Kinostart: 30. Januar 2020 / DVD-Start: 28. Mai 2020

Trailer zum Film „1917“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „1917
  • Anke Sterneborg, ‚Kritik zu 1917‘, epd-film.de, 2019 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.