„Gretel & Hänsel“ (2020)

Filmkritik: Märchenstoffe eignen sich immer wieder wunderbar als zeitloses Filmmaterial und wird so auch in vielen Genres aufgearbeitet. Zuletzt diente die Erzählung „Hänsel und Gretel“ (1812) der Gebrüder Grimm als Grundlage für das Fantasiespektakel „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (2013). Der Regisseur Osgood Perkins macht nun daraus eine düstere Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mädchens und dreht dafür auch gleich den Titel um: „Gretel & Hänsel“ ( OT: „Gretel & Hansel“, USA, 2020).

Da ihre Mutter (Fiona O’Shaughnessy) Gretel (Sophia Lillis) und Hänsel (Sammy Leakey) nicht mehr ernähren kann, weil Gretel einem wohlhabenden Mann keine sexuellen Gefälligkeiten erweisen wollte, schickt sie sie in den Wald. Mit der alten Legende über ein bösartiges, vertriebenes Mädchen im Kopf streunen sie um her. Durch einen Jäger (Charles Babalola) bekommen sie eine Orientierung, doch trotzdem verlieren sie ihr Ziel aus den Augen, als sie auf ein Haus mitten im Wald stoßen. Ein reich gedeckter Tisch lockt die beiden hungrigen Geschwister an. Bewohnt wird das Haus von einer alten Frau (Alice Krige), welche großes Interesse an Gretel entwickelt. Doch während ihr Bruder sich nur den Magen vollschlägt, wird sie von Visionen heimgesucht und möchte schnellstmöglich diesen Ort wieder verlassen.

Allerlei Märchen lassen sich wunderbar verwenden für viele subtile Botschaften und Interpretationen. In den Originalgeschichten selbst steckt schon genug Potential drin. So konnte man in dem Animations-Kurzfilm „My little Goat“ (2018) das Märchen über die sieben Geißlein als eine Geschichte über Kindesmissbrauch sehen, Rotkäppchen wird u.a. in „Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond“ (2011) oft als Erwachen der weiblichen Sexualität verstanden und auch Musicaladaptionen wie „Into the Woods“ (2014) können aus diesen Stoffen entstehen. Nach einem Drehbuch von Rob Hayes schuf der Regisseur Osgood Perkins (*1974), der Sohn des bekannten „Psycho“-Darsteller Anthony Perkins, eine düstere Geschichte über das Erwachsenwerden, speziell für eine junge Frau. Alles in dieser Welt ist mit Schlechtheit durchzogen. Die Aussichten auf ein schönes oder zumindest lebenswertes Leben scheinen nicht vorhanden. Da sich die junge Gretel weigert, sich sexuell versklaven zu lassen, wird sie von ihrer eigenen Mutter verstoßen. Zudem muss sie sich immer um ihren kleinen Bruder Hänsel kümmern, der nicht von ihrer Seite weicht. Hier werden schon in den ersten Filmminuten klassische (Abhängigkeits-)Verhältnisse aufgezeichnet. So bietet sich das Märchen wahrlich an, als Coming-of-Age-Geschichte inszeniert zu werden, die sich mit Mädchen und Frauen in der Gesellschaft beschäftigt. Die willensstarke Gretel ist dafür bestens geeignet. Aber leider weiß der Film diese gute Anfangsidee nicht auszubauen. Die Geschichte und ihre Inszenierung wirken zu zerfasert, unstet und schaffen es nicht ein richtiges Interesse für die Figuren aufzubauen, welche kaum Einblick in ihre Gedanken, trotz Gretels Voiceover, zulassen. 

Sophia Lillis

Hinzu kommt eine Inszenierung zwischen Drama, Horror und übertrieben gewollter Modernisierung des Märchenstoffes. Dabei kombiniert der Filmemacher die Elemente zu einem düsteren Cocktail, welcher aber gar nicht in diesem Maße (es kommen dabei auch ein paar ekligen Szenen vor) notwendig gewesen wäre. Alles ist hier dunkel, kalt, feucht und die Orte, welche Wärme ausstrahlen sollten, sind unangenehm gelblich ausgeleuchtet. Dazu kommen moderne Symbole und eine Ausgestaltungen (mit eher mittelmäßigen SFX-Effekten), welche überhaupt nicht dazu passen. Hier wurde zu viel Drumherum erzeugt, um ja eine abgrundtiefe Stimmung hinzubekommen. Das ist auch das Hauptanliegen des Musikansatzes, welcher unnachgiebig Schrecken verbreiten will, wo keiner ist. Obwohl der Film als Horror deklariert wurde, birgt er keinerlei Grusel. Aber als düstere Neuinterpretation des Stoffes mit Fokussierung auf Gretel funktioniert er leider ebenfalls nicht. Obwohl sie für die Besetzung die denkbar beste Darstellerin ausgewählt haben. Lillis, zuerst bei „Es“ (2017) und dann Hauptdarstellerin der Netflix-Serie „I Am Not Okay with This“ (2020) ist der große Gewinn des Films und der Grund, weswegen man länger an der Geschichte festhält, als eigentlich nötig. Doch die nicht nachvollziehbaren Entwicklungen in ihrem Charakter machen es dann doch unmöglich, dem Film genügend abzugewinnen und so beweist „Gretel & Hänsel“ leider nur, dass nicht jeder Genre-Mix funktionieren muss.

Sophia Lillis

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Gretel & Hänsel“ bedient sich des alten Märchens, ordnet die Strukturen neu und macht daraus eine dunkle Coming-of-Age-Geschichte angereichert mit vielen Horrorelementen. Doch trotz seiner großartigen Darstellerin Sophia Lillis, die im Zentrum der Geschichte steht, funktioniert die Erzählung so nicht. Zu offensichtlich sollte hier Düsterkeit erzeugt werden, zu achtlos wurde dafür die Geschichte ausgefeilt und die Inszenierung setzt falsche Prioritäten. Zwischen Neo-Noir-Bildern, seltsamen zu modernen Elementen und dröhnender Musik bleibt kein Platz für eine gelungene Plotentwicklung, so dass der Film nicht einmal als purer Schocker funktioniert. Trotz einer guten Anfangsidee krankt der Film so nur an seinen Idealen.

Bewertung: 5,5/10

Kinostart: 9. Juli 2020 / DVD-Start: 13. November 2020

Trailer zum Film „Gretel & Hänsel“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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