Vier Fragen an Kevin T. Landry

Interview: Im Gespräch mit dem kanadischen Filmemacher Kevin T. Landry konnte ich mehr über die Entstehung seines Kurzfilms „Flip“ (OT: „Couche“), gesehen auf dem ‚Open Air‘ des Filmfest Dresdens 2020, erfahren, in welchem Rahmen er entstand und wie wichtig es ist, auch mal seine Wut herauszulassen.  

The original english language interview is also available.

Wie kam es zu der Entstehung Deines Kurzfilms „Coche“? 

“Coche” wurde im Frühjahr 2019 während des Montreal International Kino Kabaret gedreht. Es ist eine Art Filmemacher-Marathon, der jährlich von der Kino-Bewegung organisiert wird, einer unabhängigen Filmemacher-Organisation, welche die Menschen ermutigt, mit wenig mehr zu machen, aber es einfach zu tun, Punkt. Jedes Jahr versammeln sich Menschen aus der ganzen Welt in Montreal, um in einer Zeitspanne von 72 Stunden Filme zu drehen (Schreiben, Drehen, Schneiden, Vorführen). 

Die Situationen sind wie aus dem Leben gegriffen – wie viel reale Hintergründe oder Alltagsbeobachtungen gibt es zu den unterschiedlichen Episoden?

Marie-Sophie Roy und Antoni Castonguay-Harvey

Die Idee stammt aus einem Gespräch, das ich auf der Veranstaltung mit einem französischen Komponisten geführt habe. Wir haben verglichen, wie Franzosen und Quebecer entgegengesetzte Arten haben, Ärger auszudrücken. Während die Franzosen sehr offen und lautstark darüber sprechen, neigen die Quebecer dazu, den Ärger zu verdichten, und manchmal explodiert er auf sehr unangenehme Weise. Vor diesem Hintergrund begann ich mit dem Casting des Films, indem ich verschiedene am Kabarett anwesende Schauspieler nach ähnlichen Erfahrungen mit Wut befragte, was auch zum Drehbuch beitrug (vier der sechs Ideen – die schwangere Frau, der genervte Schauspieler, die korpulente Polizistin und der Vermieter – basieren auf den tatsächlichen Erfahrungen der SchauspielerInnen aus dem wirklichen Leben). Alles, vom Schreiben über das Casting bis hin zum eigentlichen Dreh, wurde also in einer sehr guerilla-ähnlichen Art und Weise durchgeführt.

 Der Film wurde in nur 12 Stunden (2 Stunden pro Szene) an einem einzigen Tag gedreht. Das war an sich schon ein riesiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass wir in sehr kurzer Zeit sechs verschiedene Sets abdecken mussten. Zum Glück hatte ich ein Team, das an solch chaotische Drehbedingungen gewöhnt war, und SchauspielerInnen, die mehr als bereit waren, sich mit uns in dieses verrückte Projekt zu stürzen. Die Band im Film komponierte tatsächlich den Soundtrack des Films, während wir die Aufnahme vorbereiteten, was eine ziemlich unglaubliche Leistung war. 

Du baust eine wunderbare Bandbreite an Situationen auf, in denen Menschen die Nerven verlieren. Lag Dir dabei vor allem das Humoristische am Herzen? Und Du erinnerst dabei auch an „Wild Tales“ von Damián Szifron. Welche Botschaft willst Du den ZuschauerInnen mit auf den Weg geben?

Myriam Côté, Charles Savoie und Nicolas Paquin

Es war mir von Anfang an klar, dass es eine Komödie werden musste (da fühle ich mich als Autor am wohlsten), und natürlich war Wild Tales eine große Inspiration. Ich habe es absolut geliebt, wie Szifron mit dunklem Humor mit diesen sehr dramatischen Szenen umgegangen ist, aber auch, wie er die Absurdität der Situationen nie auf eine “clowneske” Ebene treibt. Man hat das Gefühl, dass jeder Augenblick realistisch ist, und man lacht trotz des Tonfalls und nicht wegen des Tonfalls. Das ist genau die Art von Humor, die ich für COCHE wollte. 

Filme, die mit trockenem und dunklem Humor sehr dramatische Themen behandeln, wie Todd Solondz’ “Happiness”, Yorgos Lanthimos’ “The Lobster” oder alle Filme von Roy Andersson (von dem wir auch den visuellen Aspekt des Films entlehnt haben), waren weitere große Inspirationen für mich. Ich wollte, dass die Reaktionen meiner Figuren sowohl lächerlich als auch nachvollziehbar sind. Wir alle haben solche Situationen durchlebt, in denen wir unverhältnismäßig schnell zu kleinen Ärgernissen ausflippen. Auf diese Momente blickt man gewöhnlich mit einem gewissen Humor zurück, aber es ist ziemlich peinlich, sie zu durchleben. Aber, so seltsam es auch klingen mag, sie können auch sehr förderlich für unsere psychische Gesundheit oder unser persönliches Wachstum sein. Wenn es aus diesem Film eine Botschaft zum Mitnehmen gibt, dann ist es diese. Um Himmels willen, flippe ab und zu mal aus. Es ist nicht gut, seine Wut zu unterdrücken! 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr über Dich erzählen? Sind bereits neue Projekte geplant?

Maxime Cormier, Joanie Poirier, Tristan Clouâtre und Camille Brasseur

Was meine anderen Projekte anbelangt, so drehe ich nächste Woche meinen nächsten Kurzfilm, ein Drama zum mutterlosen Aufwachsen, an dem ich seit drei Jahren arbeite (also das genaue Gegenteil von “Coche”). Vor kurzem konnte ich auch die Finanzierung meines ersten abendfüllenden Spielfilms „Jour de merde“ (wörtliche Übersetzung: „Scheißtag“) abschließen, den ich nächstes Jahr drehen werde. Es wird eine dunkle Komödie sein, die sich innerhalb von 24 Stunden abspielt und sich mit den psychologischen Schäden befasst, die mit einer sozialen Entwurzelung einhergehen. Was den Tonfall betrifft, so wird sie viel näher an “Coche” sein und Elemente von Tarantino und den Coen-Brüdern entlehnen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Flip“


Interview: In conversation with the Canadian filmmaker Kevin T. Landry I was able to learn more about the making of his short film “Flip” (OT: “Couche”), seen at the ‘Open Air’ of the 32nd Dresden Film Festival 2020, in which context it was created and how important it is to let out your anger.  

How did your short film “Coche” come about? 

“Coche” was shot in the spring of 2019 during the Montreal International Kino Kabaret. It’s sort of a filmmaking marathon organized annually by the Kino movement, an independent filmmakers organization that encourages people to do more with less, but to do it period. Each year, people from all around the world gather in Montreal to create films in the span of 72h (writing, shooting, editing, screening). 

The situations are as if taken from real life – how much real background or everyday observations are there in the different episodes?

The idea originated from a conversation I had with a French composer at the event. We were comparing how French people and Quebecers have opposite ways of expressing anger. While French people are very open and vocal about it, Quebecers tend to bottle it up and it sometimes explodes in very awkward ways. With this in mind, I began cating the movie by asking different actors present at the kabaret about similar experiences with anger, which also helped fuel the screenplay (four of the six ideas – the pregnant woman, the fed-up actor, the bulky cop and the landlord – are based on the actors’ actual real-life experiences). So everything, from the writing, to the casting and eventually the actual shoot, was done in a very guerrilla-like manner.

The movie was shot in only 12h (2h hours per scene) in the span of a single day. In itself, this was a huge undertaking seeing how we had 6 different sets to cover in very little time. Thankfully, I had a team who were used to such chaotic shooting conditions and actors who were more than willing to jump into this crazy project with us. The band in the movie actually composed the movie’s soundtrack, while we were setting up the shot, which is a pretty incredible feat. 

You build up a wonderful range of situations in which people lose their nerves. Was the humorous aspect especially important to you? You are also reminiscent of “Wild Tales” by Damián Szifron. What message do you want to convey to the audience?

From the get go, it was clear to me that this had to be a comedy (it’s where I’m most comfortable as a writer) and, of course, WIld Tales was a huge inspiration. I absolutely loved how Szifron used dark humor to deal with these very dramatic scenes, but also how he never pushes the absurdity of the situations to “clownesque” levels. You feel that every moment is realistic and you laugh in spite of the tone and not because of it. That’s exactly the type of humor I wanted for “Coche”. Films that use dry and dark humor to deal with very dramatic subjects such as Todd Solondz’ “Happiness”, Yorgos Lanthimos’ “The Lobster” or any film by Roy Andersson (from whom we also borrowed the visual aspect of the film) were other big inspirations for me. I wanted the reactions of my characters to be both ridiculous and relatable. We all lived through such situations where we flip out disproportionately to small annoyances. These moments are usually looked back on with certain humor, but they’re pretty embarrassing to live through. But, as strange as it may sound, they can also be very beneficial for our mental health or personal growth. If there’s a message to takeaway from this movie, it’s this one. For the love of god, flip out once in a while. It’s not good to bottle up your rage! :P 

Can you tell me a little more about yourself at the end? Are there already new projects planned?

As far as my other projects go, I’m actually shooting my next short next week, a dramatic take on being raised motherless on which I’ve been working on for 3 years now (so the polar opposite of “Coche” :P). I’ve also recently managed to complete funding on my first full-length feature, “Jour de merde” (literal translation: “Shit Day”) which I’ll be shooting next year. It will be a dark comedy taking place in the span of 24 hours tackling the psychological damages that come with a social uprooting. In terms of tone, it’ll be way closer to “Coche”, borrowing elements from Tarantino and the Coen Brothers.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Flip“

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