Neun Fragen an Alison Kuhn

Kasia Borek

Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin und Schauspielerin Alison Kuhn, konnten wir mehr über ihre bewegende Dokumentation „The Case You“, die auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls Preis ihre Deutschlandpremiere feierte und einen Preis für die ‚Beste Musik in einem Dokumentarfilm‘ gewinnen konnte, erfahren. Sie erzählt, warum sie sich entschied, ihre eigene Geschichte und die vieler weitere Frauen zu erzählen, was ihr bei der Inszenierung wichtig war und wie es war hinter der Kamera zu stehen. 

Dein Dokumentarfilm erzählt eine sehr persönliche Geschichte. Wie kam es dazu, dass Du Dich dafür entschieden hast dieses Trauma filmisch zu reflektieren?

Dazu entschieden habe ich mich, als ich in Babelsberg zum Regiestudium angenommen wurde. Ich spürte die Verantwortung, diese neue Position hinter der Kamera zu nutzen, um jene Geschichte zu erzählen, die mir und den anderen Frauen so am Herzen liegt.

Wie ging es nach der Ursprungsidee weiter – wie hast Du die anderen Frauen gefunden?

Zuerst habe ich ein wunderbares Team aus Kommiliton*innen zusammengestellt, die dieses Projekt gemeinsam mit mir realisieren wollten. Das hat mir von Beginn an sehr den Rücken gestärkt. Parallel habe ich ein klares, filmisches Konzept für die Umsetzung erarbeitet. Die Frauen habe ich schließlich durch eine Vernetzungsplattform für die Filmbranche gefunden, die helfen wollte, den Fall aufzuklären.

Sie sind sehr offen in dem Film, mit dem was passiert ist – wie lange hat es gedauert, dafür das richtige Vertrauensverhältnis aufzubauen?

Ich habe mit allen fünf Protagonistinnen im Vorfeld Einzelgespräche geführt, die wichtig waren, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dies geschah jedoch auf sehr natürliche Art, da wir uns von Beginn an sympathisch waren und das Gefühl hatten, einander vertrauen zu können. Ich bin sehr dankbar für die Offenheit, die alle fünf meinem Team und mir geschenkt haben. Sie ist die Grundlage für die Entstehung dieses Films. Dass wir zum Beispiel das erste persönliche Zusammentreffen der Frauen auf unserer Theaterbühne erzählen durften, war ein großartiges Geschenk. Diese Situation war ganz magisch, da sofort eine tiefe Verbundenheit zwischen allen spürbar war.

Wie verlief der Dreh, wie oft habt ihr euch getroffen? Wie weit habt ihr das Gefilmte vorbereitet oder entstand alles spontan?

Wir haben den gesamten Film an fünf zusammenhängenden Tagen im April 2019 gedreht, da es natürlich schwer war, ein Zeitfenster zu finden, in dem alle Protagonistinnen aus teils verschiedenen Ländern anreisen konnten. Da ich generell sehr strukturiert arbeite und im Vorfeld recht genau wusste, wie der Film aussehen sollte, konnten wir mit diesem Konzept einen Drehplan erarbeiten. An jedem Tag drehten wir einen anderen Teil, wie die Interview-Ebene oder die rekonstruktive Ebene. Innerhalb dieser Parts waren wir aber sehr frei und es gab Raum für die Entstehung spontaner Momente.

Dein Film setzt sich aus Interviewaufnahmen, Aufarbeitungen und Zwischenszenen zusammen. Kannst Du mir noch ein bisschen mehr zu dem visuellen Konzept erzählen?

Ich wollte den Film auf eine sehr konzentrierte und essayistische Art erzählen, weshalb ich mich dazu entschieden habe, die gesamten Dreharbeiten in einem Theatersaal stattfinden zu lassen. Diesen Raum, der natürlich auch narrativ eine Brücke zu der Castingsituation schlägt, wollten wir uns filmisch zu eigen machen. Die eben erwähnten „Ebenen“ sind nicht nur formal-ästhetische Entscheidungen, sondern meiner Meinung nach Notwendigkeiten, um die Komplexität jenes Falles auszudrücken.

Du bewahrst im gesamten Film die Anonymität des Regisseurs – warum hast Du Dich dafür entschieden?

Das hat natürlich einerseits rechtliche Gründe, andererseits wollten wir jenen Menschen gar nicht erst eine Plattform bieten. Der Film sollte ein Fallbeispiel für ein größeres, gesellschaftliches Problem sein, in dem sich möglichst viele Zuschauende wiederfinden können.

 Haben die Portraitierten den Film schon gesehen und wie geht es ihnen jetzt, nachdem sie jetzt offen darüber geredet haben?

Ja, bereits mehrmals. Wir sind in ganz engem Austausch miteinander. Normalerweise würden wir jetzt auch gemeinsam auf Festivaltour gehen, was durch die aktuelle Situation leider nur virtuell möglich ist. Aber es geht allen Fünf gut und sie hatten das Gefühl, dass die Dreharbeiten sie in ihrem emotionalen Prozess ein Stück voran gebracht haben.

Du bist Schauspielerin und Regisseurin. Wie fühlt es sich an einmal vor und einmal hinter der Kamera zu stehen?

Ich würde sagen, als Schauspielerin muss ich vertrauen und als Regisseurin Vertrauen schaffen. Natürlich muss es auch umgekehrt der Fall sein, aber in erster Linie nehme ich es so wahr. In beiden Positionen liegt eine große Erfüllung. Ich merke immer wieder, dass sich meine Erfahrungen vor und hinter der Kamera gegenseitig bereichern, da sie meinen Horizont öffnen und es mir leichter fällt, mich in das jeweils andere Gewerk hineinzuversetzen und Verständnis zu haben.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, momentan stecke ich in der Fertigstellung meines fiktionalen Kurzfilms „Fluffy Tales“, der auch ein klein wenig durch „The Case You“ inspiriert ist. Es geht darin um Grenzüberschreitung und das Frauenbild in der Werbung. Und wenn alles gut läuft, werde ich im Sommer meinen Bachelor-Abschlussfilm drehen, worauf ich mich schon sehr freue.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Case You

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