Sieben Fragen an Christian Zipfel

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher Christian Zipfel konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Das Leben ist sonnig und schön“, gesehen auf dem 31. Bamberger Kurzfilmtagen erfahren, wie eigene Erfahrungen von Alison Kuhn („The Case You“) als Drehbuch umgesetzt wurden, wie wichtig die richtige Wahl der SchauspielerInnen ist und wie man eine Komödie auch visuell am besten umsetzt.

Kannst Du mir zum Ursprung der Geschichte und der Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Alison Kuhn erzählen?

Der Ursprung dieser Geschichte ist biografisch. Die Figur Tobias hat einige Parallelen zu mir. Mir war es jedoch wichtig, die erzählte Geschichte dahingehend zu distanzieren, dass es ein persönlicher und kein privater Film wird. Die beschriebenen Familienkonflikte und der übergeordnete Konflikt Stadtleben/Landleben sind mir durchaus bekannt. Der Film beschreibt einen einprägsamen Tag der Hauptfigur Tobias, der so in einer artverwandten Form auch mir widerfahren ist. Die Autorin Alison Kuhn hat mich an diesem Tag beobachtet und zunächst eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Sonnentanz, Hundeplazenta und eine Abhandlung über Mais“ geschrieben. Die Kurzgeschichte gewann einen Belletristik-Preis, hat demnach bereits in Schriftform ohne filmische Adaptation gut funktioniert. 2018 hat der rbb Kurzfilme ausgeschrieben, die sogenannten rbb-movies. Ich hatte schon lange vor, die Kurzgeschichte zu adaptieren und diese Chance war optimal dafür. Alison Kuhn hat daraufhin eine erste Drehbuchfassung geschrieben, die zusammen mit meinem Regiestatement die Redaktion des rbb überzeugte.     

Ich finde Du hältst wunderbar die Waage zwischen cineastischem Erzählen und authentischen Themen. Wie wichtig war Dir Realitätsnähe?

Anton Spieker

Ich bin schon großer Fan von ausdrucksstarker visueller Gestaltung sowie intensiver Tongestaltung. Dies zieht sich durch mein gesamtes filmisches Werk. Mir reicht es nicht aus, eine tolle Geschichte in einer filmisch-standardisierten Form zu erzählen. Meiner Auffassung nach distanziert ein starker Gestaltungswille auch nicht von einer authentischen Erzählung. Im Gegenteil, die filmischen Mittel offenbaren visuelle und auditive Wahrheiten, die in den Charakteren verborgen liegen. Diese filmisch formal generierte Wahrheit ist stets im Dialog mit dem Schauspiel. 

Wie viel Zeit hattet ihr für den Dreh und wo habt ihr gedreht?

Alexander Hörbe und Anton Spieker

Die Redaktion gab uns glücklicherweise eine sehr große gestalterische und auch zeitliche Freiheit. Natürlich ist es immer eine Herausforderung, aus einem überschaubaren Budget einen Film zu realisieren, dem man dieses nicht ansieht. Die meiste Zeit investierten wir in das Casting. Das Casting fand noch vor der Corona-Krise statt und streckte sich über neun Monate, weil wir in diesem Bereich sehr kompromisslos waren. Zu der Zeit wurden viele große Serien gedreht, die eine Vielzahl von Ausnahmetalenten im Schauspielbereich für sich vereinnahmt haben. Letztendlich haben wir gewartet, bis die Schauspieler*innen Zeit hatten, in dieses kleine Projekt zu investieren. Der Film wurde gänzlich in Berlin und Brandenburg gedreht. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Anton Spieker

Mir war es wichtig, dass der Film an jeder Stelle jeweils die Ästhetik bekommt, die die jeweilige Szene am besten unterstützt. Das klingt ein wenig wie eine Binsenweisheit, aber dieser Ansatz kann schnell verloren gehen, wenn man einer strikten Formalästhetik folgt. Jede formale Stringenz lebt von der Reduktion der filmischen Mittel, wir jedoch wollten uns eine größere Freiheit erlauben. Der Film mischt Handkamera mit stilisierten Stativaufnahmen und zitiert an der ein oder anderen Stelle sogar ästhetische Elemente aus dem Film „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick. Der Film fällt formal nicht auseinander, weil er emotional konsequent aus der Sichtweise der Hauptfigur Tobias erzählt wird. Demnach wird bei den „Clockwork Orange“ Szenen vor allem visuell sichtbar gemachte, unterdrückte Wut zitiert und weniger die Ästhetik an sich. 

Dein Film lebt auch von seinem großartigen Cast. Wie hast Du die Besetzung zusammengestellt? Worauf hast Du dabei Wert gelegt? 

Anton Spieker

Casting ist mitunter der wichtigste Faktor in jedem Film. Das gilt für Fiktionen, aber auch für Dokumentarfilme, nur wird es dort Protagonist*innenrecherche genannt. Viel Arbeit floss demnach in unsere detaillierte Suche. Man spart sich zudem viel Arbeit am Set, wenn man einen wunderbaren Cast hat, in dessen Fähigkeiten man vertrauen kann. Für mich war es von vorne herein klar, dass ich die Figuren mit geistiger Behinderung auch mit Schauspieler*innen besetze, die selbst mit einem Handicap leben. Bei der Besetzung habe ich viele tolle und engagierte Vereine, Unternehmen und Agenturen getroffen wie z.B. das Inklusionstheater „Meine Damen und Herren“ oder die Agentur „Rollenfang“, die sich seit Jahren bemühen, Menschen mit Handicap in der deutschen Film- und Theaterbranche sichtbarer zu machen. Meine Erfahrungen waren in diesem Bereich sehr positiv, weil ich viele unentdeckte, talentierte Schauspieler*innen wie Friederike Jaglitz kennenlernen durfte, mit denen ich auch gerne in Zukunft weiterarbeiten möchte. Am Set werden alle Schauspieler*innen gleich behandelt, ganz egal wo sie herkommen, welche Erfahrung sie haben oder ob sie nun mal ein Handicap haben oder nicht.       

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Anton Spieker

Ich arbeite seit meinem Bachelorfilmstudium an der internationalen Filmschule Köln mit gleichem Enthusiasmus an Spielfilmen, Dokumentarfilmen und Experimentalfilmen. Im Masterstudium an der Filmuniversität Babelsberg ist der Bereich der immersiven Medien wie 360°-Filme und Virtual Reality dazugekommen. Seit ich das Studium beendet habe, arbeite ich auch für Onlineformate und Dokufiktionen wie „Terra X“. Ich folge dem Ansatz, dass die filmische Form sich der Geschichte anpassen sollte. Ich habe den Film „Das Leben ist sonnig und schön“ als komödiantischen Spielfilm erzählt, wie ich dies für die geeignetste Form für diese Narration gehalten habe. Der verfilmte Tag passierte mehr oder weniger dokumentarisch in meinem eigenen Leben. Dieses Ereignis lässt sich nur in einer Fiktion erneut zum Leben erwecken. Zudem habe ich es sehr genossen, neben meinen vorherigen schweren Dramen und politischen Dokumentarfilmen mal einen Film zu drehen, der den Zuschauer*innen Lebensfreude schenkt und auch gerne gesehen wird. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Frederike Jaglitz und Anton Spieker

2020 habe ich das Wim Wenders Stipendium erhalten. Ich nutze diese finanzielle Unterstützung, um an meinem Debüt-Langfilm „Pestizid“ (Arbeitstitel) zu schreiben. Bereits bei „Das Leben ist sonnig und schön“ habe ich mit Schauspieler*innen mit geistiger Behinderung gearbeitet und diese Arbeit möchte ich in meinem Debütfilm gerne fortsetzen. In dem geplanten Spielfilm geht es um die Liebesgeschichte von Ansgar und Jule. Die Figur Jule lebt in der Geschichte mit einem Handicap. Die Dramaturgie des Films ist angelehnt an Shakespeares Romeo und Julia und kreist explizit nicht um die geistige Einschränkung der Hauptdarstellerin. Mir ist es ein besonderes Anliegen, Geschichten von Menschen zu erzählen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Da ich selbst mit Menschen mit Behinderung aufgewachsen bin, ist es mir sehr wichtig, ihre Gefühle und Probleme ernst zu nehmen und sie nicht auf das Anderssein zu reduzieren. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Das Leben ist sonnig und schön

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