Acht Fragen an Catherine Lepage

Interview: Im Gespräch mit der französischen Animationskünstlerin und Filmemacherin Catherine Lepage konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „The Great Malaise“ (2019) erfahren, der u.a. zu sehen war auf dem ITFS 2021 und der Berlinale 2021, welchen Ursprung der Film hat, warum sie sich für eine fragmentarische Erzählweise entschied und was ihr bei den Animationen wichtig war.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir etwas zum Ursprung Deines Animationsfilms erzählen?

Mein Film basiert auf drei Büchern, die ich geschrieben und illustriert habe. Das erste wurde 2007 veröffentlicht und handelte von den Stimmungen und Gefühlen von jemandem, der eine Depression durchmacht. Ich wollte schon früher einen Animationsfilm machen, aber dieser Wunsch hat sich zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllt. Im Laufe der Jahre war ich weiterhin fasziniert von den Emotionen, die in den dunkleren Tiefen unserer Psyche lauern, und von ihren möglichen Ursprüngen, und ich teilte meine Überlegungen in den beiden anderen Büchern. Angesichts der Tatsache, dass Stress und Angst in der Gesellschaft immer mehr zunehmen, kam die Idee, aus den drei Büchern einen Film zu machen, ganz stark zurück.

Warum hast Du Dich für Vignetten als Sinnbilder für die Attribute entschieden – statt sagen wir mal einen narrativen, visuellen Stil zu wählen? 

Das ist die gleiche Art, wie ich die Bücher geschrieben habe. Ich wollte etwas an der Grenze zum Experimentellen machen, mir erlauben, von einer Seite zur anderen den Stil zu wechseln. Ich habe auch viele Jahre in der Werbung gearbeitet, und meine Art zu konzipieren kommt von dort: Ich versuche, eine Idee oder ein Gefühl in Bildern auf überraschende, plakative Weise zu vermitteln, mit einer Portion Humor. Ich möchte visuelle Metaphern schaffen, die man mit einem Blick erfassen kann. Ich finde, das ist eine der großen Stärken der Animation: Man kann sich von der Realität entfernen und Wege entwickeln, Geschichten zu erzählen, die man sonst nicht erzählen könnte.

Kannst Du mir zur handwerklichen Umsetzung erzählen?

Für mich spielt sich dieser Film im Kopf des Erzählers ab. Die eklektische Ästhetik verstärkt die Tatsache, dass unsere Ideen manchmal ohne jede Logik aneinandergereiht sind und in alle Richtungen gehen. Also habe ich alle möglichen verschiedenen Animationstechniken verwendet. Einige wurden traditionell auf einem Zeichentisch gezeichnet, andere waren Papierausschnitte unter der Kamera, einige Bilder wurden gemalt, andere fotokopiert – im Grunde wollte ich eine Fülle von Bildern schaffen.

Würdest Du sagen der Animationsfilm ist ein Abbild Deines persönlichen Stils – was lag Dir visuell dabei am Herzen?

Ja! Ich liebe Illustration und ich liebe abgenutzte Texturen, alte Bücher. Ich versuche nicht, kleine Fehler oder Unvollkommenheiten zu beheben. Sie fügen Leben hinzu; sie zeigen, dass trotz unserer Bemühungen Perfektion unerreichbar ist, weil wir keine Maschinen sind.

Hast Du Vorbilder, auf die Du referenzierst?

Ich habe keinen Animations- oder Filmhintergrund. Stattdessen sind meine visuellen Referenzen in alten Kinderbüchern zu finden, in denen die Bildsprache trotz der Grenzen der damals verfügbaren Drucktechniken unglaublich reichhaltig war. Dieser Einfallsreichtum ist für mich sehr inspirierend! Ich folge ein paar Instagram-Accounts, auf denen Vintage-Illustrationen gepostet werden (unter anderem @designfortoday), und ich habe eine eigene Sammlung alter Bücher, die ich seit Jahren erweitere.

Ich würde auch noch gern etwas mehr über Deine Musikauswahl erfahren.

Ich wollte disruptive Klänge haben, die nicht unbedingt die sind, die wir erwarten würden. Mir ging es nicht darum, den realistischen Aspekt der Bilder zu reflektieren: Ich wollte, dass es offensichtlich ist, dass wir uns in einer imaginären Welt befinden, in etwas Immateriellem. Da der Erzähler einen emotional intensiven, achterbahnartigen Moment durchlebt, hielt ich es für wichtig, dies zu verstärken. Vor dem Zusammenbruch gibt es die aus der Verzweiflung geborene Energie, die einen letzten Versuch schafft, den Sturz zu verhindern. Ich schloss mit dem großartigen Song von Owen Pallett, „E is for Estranged“, der eine Aufforderung ist, endlich loszulassen und zu akzeptieren, was passiert. 

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe Grafikdesign studiert und interessiere mich sehr für Illustration. Ich habe einige Jahre lang redaktionelle Illustration gemacht, aber jetzt möchte ich das erzählerische Potenzial von Illustration erforschen, sei es in Graphic Novels, Buchillustrationen oder beim Filmemachen. Im Grunde genommen – auch wenn ich lange gebraucht habe, um das herauszufinden – interessiert es mich, Geschichten in Bildern zu erzählen, egal ob still oder in Bewegung!

Sind weitere filmische Projekte geplant?

Im Moment steht noch nichts fest, aber ich habe eine Menge Ideen im Kopf. Ich habe bei der Produktion von „The Great Malaise“ so viel gelernt, und ich möchte weiter erkunden und auf diesen Erkenntnissen aufbauen, die mir so viele neue Wege eröffnet haben.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Great Malaise


Interview: In a conversation with French animation artist and filmmaker Catherine Lepage, we were able to learn more about her short film “The Great Malaise” (2019), which was screened at ITFS 2021 and Berlinale 2021, among others, what the film’s origins are, why she decided to use a fragmentary narrative, and what was important to her in the animations.

Can you tell me about the origin of your animated film?

My film is based on the three books I wrote and illustrated. The first was published in 2007 and was about the moods and feelings of someone going through depression. I’d wanted to make an animation film in the past, but that desire didn’t materialize at that particular time. Over the years, I continued to be intrigued by the emotions that lurk in the darker depths of our minds and their possible origins, and I shared my reflections in the two other books. With stress and anxiety only becoming more prevalent in society, the idea of making a film out of the three books came back very strongly.

Why did you choose vignettes to symbolize the attributes—instead of, say, a narrative, visual style?

It’s the same way I wrote the books. I wanted to do something on the verge of the experimental, to allow myself to change styles from one page to another. I’d also worked in advertising for many years, and my way of conceptualizing comes from that: I try to convey an idea or an emotion in images in a surprising, striking way, with a measure of humour. I want to create visual metaphors that can be grasped at a single glance. I find that’s one of animation’s great strengths: you can get away from reality and develop ways of telling stories that couldn’t be told otherwise.

Can you tell me about the craft of the execution?

For me, this film happens inside the narrator’s head. The eclectic aesthetic reinforces the fact that our ideas are sometimes strung together without any logic, heading off in all directions. So I used all kinds of different animation techniques. Some were drawn traditionally on a drafting table; some were paper cut-outs under the camera; some images were painted, others photocopied—basically, I wanted to create a profusion of visuals.

Would you say the animated film is a reflection of your personal style—what was visually close to your heart?

Yes! I love illustration and I love worn textures, old books. I don’t try to fix minor defects or imperfections. They add life; they show that despite our efforts, perfection is unattainable because we’re not machines.

Do you have any inspiration that you reference?

I don’t come from an animation or film background. Instead, my visual references are in old children’s books, where the imagery was incredibly rich despite the limits of the printing techniques available at the time. That resourcefulness is inspiring to me! I follow a few Instagram accounts where vintage illustrations are posted (@designfortoday, among others), and I have my own collection of old books that I’ve been adding to for years.

I also would like to know a bit more about your choice of music.

I wanted to have disruptive sounds that aren’t necessarily the ones we’d expect. I wasn’t looking to reflect the realistic aspect of the imagery: I wanted it to be obvious that we’re in an imaginary realm, in something immaterial. Because the narrator is going through an emotionally intense, roller-coaster moment, I thought it was important to reinforce that. Before the collapse, there’s the energy born of desperation that creates one last attempt to prevent the fall. I concluded with the magnificent song by Owen Pallett, “E is for Estranged,” which is an invitation to finally let go and accept what’s happening. 

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you got into film?

I studied graphic design and I’m really keen on illustration. I did editorial illustration for quite a few years, but now I want to explore the narrative potential of illustration, whether it’s in graphic novels, book illustrations or filmmaking. Basically—though it took me a long time to figure it out—what interests me is telling stories in pictures, whether still or moving!

Are there any other film projects planned?

There’s nothing firmed up for the moment, but I have a lot of ideas in mind. I learned so much making “The Great Malaise“, and I want to keep on exploring, building on those insights, which have opened up so many new avenues.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „The Great Malaise

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