Sieben Fragen an Hilke Rönnfeldt

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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Hilke Rönnfeldt konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Silence of the Fish“ (OT: „Þögn Silungsins“) erfahren, den wir im ‚Nationalen Wettbewerb‘ des 33. Filmfest Dresden gesehen haben, wie schwierig die Suche nach der perfekten Location war und was der Filmemacherin bei der Besetzung am Herzen lag.

The original english language interview is also available.

Wie kam es zu der Geschichte von „Silence of the Fish“?

Die Idee zu „Silence of the Fish“ entstand, als ich nach Island aufs Land zog, nachdem ich eine Zeit lang ein geschäftiges Stadtleben geführt hatte, in dem ich studierte, arbeitete und von vielen Menschen umgeben war. In gewisser Weise fühlte ich mich regelrecht isoliert, erinnerte mich aber auch daran, wie schwierig es sich für mich anfühlte, in einer kleinen Gemeinde auf dem Land aufzuwachsen.

Ich lernte meine Produzentin Anna Sæunn Ólafsdóttir durch gemeinsame Freunde kennen. Sie ist ebenfalls weit weg von der Hauptstadt im Norden Islands aufgewachsen, und wir kamen sofort ins Gespräch, und die Chemie zwischen uns stimmte.

Helena Heðinsdóttir

Ich wollte schon immer einen Film über eine Mutter-Tochter-Beziehung machen. Generell bin ich von der Dynamik zwischen Frauen sehr fasziniert, also habe ich angefangen, das Drehbuch zu schreiben. Normalerweise fange ich an, eine Geschichte aus Bildern und Gefühlen heraus zu entwickeln, nicht so sehr aus der Perspektive einer bestimmten Handlung. Ich schreibe nicht viel in Dialogen, sondern konzentriere mich auf das Unausgesprochene zwischen den Menschen und alles, was hinter den Worten und manchmal auch unter den Worten liegt. Um das auszudrücken, hilft mir die Natur, die mich umgibt, sehr. Sie ruft starke Gefühle hervor, die mit inneren Emotionen zu tun haben, und deshalb finden sie ihren Ausdruck in der Natur, was meine Erzählungen sehr inspiriert.

In welchem Rahmen konntest Du Deinen Film realisieren – wieviel Zeit stand Dir zu Verfügung?

Helena Heðinsdóttir

Wir begannen mit der Finanzierung und dem Casting und Anna und ich arbeiteten an dem Programm, das später Screen Talent Europe werden sollte. Wir hatten eine Finanzierung durch den Filmworkshop in Kiel/Deutschland, den Filmworkshop Kopenhagen und ein Stipendium von Erasmus+ in Island. Für einen Kurzfilm hatten wir einen ziemlich ehrgeizigen Finanzierungsplan, der zwar kompliziert war, aber es uns auch ermöglichte, mit einer großartigen internationalen Crew zu arbeiten und zu erfahren, wie Koproduktion funktioniert. Ich würde es immer wieder machen, auch wenn es ein bisschen Zeit kostet und man nicht einfach rausgehen und drehen kann. Insgesamt haben wir, glaube ich, mehr als zwei Jahre für die Realisierung des Films gebraucht.

Die Location ist mitbestimmend für die Stimmung des Films. Erzähl mir bitte mehr zum Drehort und den Drehbedingungen vor Ort?

Es war gar nicht so einfach, den richtigen Standort zu finden. Fischfarmen unterliegen einer Menge hygienischer Vorschriften und außerdem wollten wir keine sehr industrielle Großfarm und waren auf der Suche nach einer kleineren Fischfarm. Und dann war es sehr isländisch, sprich kleinstädtisch, die Tante meines Produzenten kannte jemanden, der jemanden kannte, der jemanden kannte, und plötzlich bekamen wir eine wunderschöne Drohnenaufnahme von “unserer” Fischfarm und der Besitzer war sehr offen und hilfsbereit und erlaubte uns, dort zu drehen, und es passte perfekt. Wir drehten an der Südküste Islands, in der Nähe von Vík. Ich muss sagen, dass ich immer noch erstaunt bin, wie perfekt der Drehort war, und alles wurde rund um die Fischfarm gedreht. Wir verlegten also die gesamte Crew dorthin und drehten fünf Tage in der Gegend. Wir hatten absolutes Glück mit dem Wetter, das in Island manchmal schwierig sein kann, da es sich sogar stündlich ändert.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Helena Heðinsdóttir

Mein Kameramann Nicholas Bluff kommt aus Kopenhagen, und wir kannten uns über einen gemeinsamen Freund. Ich habe einige Filme gesehen, die er gedreht hat, und mochte seinen Stil sehr. Er ist ein sehr ruhiger und fokussierter Mensch und es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten, also war das eine professionelle und persönliche Übereinstimmung. Wir schickten uns Moodboards hin und her und diskutierten über Filme, die uns gefielen und die zu diesem Projekt passen könnten. 

Wir entschieden uns für eine Handkamera und natürliches Licht, da wir nicht zu sehr von langen Lichtaufbauten abhängig sein wollten. Es war uns wichtig, dass wir nah an den Figuren sein und ihre Stimmungen sowie die Bewegungen der Natur und der Tiere verfolgen konnten. Wir wollten etwas Organisches, das auch einen Kontrast zu den dramatischeren Gefühlen des Films bilden konnte.

Die Wahl deiner DarstellerInnen ist hervorragend – hast Du sie klassische über ein Casting gefunden? Was war Dir bei der Besetzung wichtig?

Für die Rolle der Hildur, der Mutter, hatte ich von Anfang an Halldóra Geirharðsdóttir im Kopf. Sie ist eine großartige Schauspielerin und ich wollte unbedingt mit ihr arbeiten. Ich glaube, wir hatten Glück, denn „Gegen den Strom“ (OT: „Woman at War“,2018,  Regie: Benedikt Erlingsson) war noch nicht in den Kinos, und als ich sie anrief, war sie noch verfügbar, und nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie Ja zu unserem Projekt, und es war eine tolle Erfahrung, mit ihr zu arbeiten. Sie war so großzügig und freundlich und hatte am Set eine Menge Spaß. 

Es war ein längerer Prozess, die Rolle der Tochter Saga zu finden. Wir hatten einen Casting-Aufruf mit etwa 20 Schauspielerinnen, aber es gab nicht wirklich eine passende Besetzung, obwohl wir viele großartige, talentierte junge Schauspielerinnen gesehen haben. Dann habe ich den färöischen Spielfilm „Dreams by the Sea“ (2017, Regie: Sakaris Stóra) gesehen, in dem Helena Heðinsdóttir (Saga) mitspielte, und sie hat mich einfach umgehauen mit der Art und Weise, wie sie mit einem einzigen Blick Emotionen vermitteln konnte. Und dann war es reines Schicksal, dass sie zur Premiere von Dreams by the Sea nach Island kam. Wir trafen uns und es war für mich definitiv Liebe auf den ersten Blick. Helena ist supertalentiert, es ist toll, mit ihr zu arbeiten, und sie hat keine Angst vor irgendetwas und geht aufs Ganze. So hat sie zu Hause auf den Färöern mit Pferden trainiert, für ihre Rolle Isländisch geübt und ist dann zu den Dreharbeiten nach Island gekommen. Ich fühle mich wirklich gesegnet, die beiden gefunden zu haben, und die Chemie zwischen ihnen war großartig. Die Leute fragten sogar, ob sie im wirklichen Leben Mutter und Tochter seien, da sie sich sogar ein bisschen ähnlich sehen. 

Ich glaube, das Wichtigste für mich im Castingprozess ist, dass die Chemie zwischen den Schauspielern und mir stimmt. Es ist eine so enge Zusammenarbeit, und wenn die Verbindung nicht da ist, wird es sehr schwierig und macht nicht viel Spaß, sich wirklich in die Psychologie der Figuren hineinzudenken und wirklich miteinander zu kommunizieren, wie weit die Schauspielerin und ich zusammen gehen können, ohne Grenzen zu verletzen oder unsicher zu werden. 

Kannst Du mir etwas mehr über Dich erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Helena Heðinsdóttir

Ich bin an der Ostseeküste in Norddeutschland aufgewachsen und kam durch meine Arbeit als Festivalprogrammierer beim Reykjavík International Film Festival zum Film. In Island begann ich, Kurzfilme zu drehen, und beschloss, mein Wissen zu vertiefen und Film zu studieren, also machte ich eine Drehbuchausbildung bei Alma Manusutbildning in Schweden. Und dann wurde ich Teil des unabhängigen Filmkollektivs Super16 in Kopenhagen als Regisseur.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Mein Team und ich haben gerade unseren neuen Kurzfilm „Fence“ veröffentlicht, der auf dem Odense International Film Festival in Dänemark uraufgeführt wurde und im Oktober auf dem Warschauer Filmfestival seine internationale Premiere haben wird. Wir freuen uns sehr darauf, ihn auf einer großen Leinwand einem internationalen Publikum zu zeigen. Es ist ein eher experimenteller Kurzfilm, der unsere menschlichen Grenzen und unseren ewigen Kampf zwischen dem Wunsch, ein Individuum zu sein, und dem Wunsch, mit jemandem in einer Beziehung zu verschmelzen, erforscht.

Beim Kollektiv Super16 befinden wir uns derzeit in der Postproduktion eines musikalischen Kurzfilms, und ich schreibe auch an meinem ersten Spielfilmprojekt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Silence of the Fish


Interview: In our conversation with director Hilke Rönnfeldt, we were able to learn more about her short film “Silence of the Fish” (OT: “Þögn Silungsins”), which we saw in the ‘National Competition’ of the 33rd Filmfest Dresden, how difficult the search for the perfect location was and what the filmmaker had at heart when casting.

How did the story of “Silence of the Fish” come about?

The idea for “Silence of the Fish” started when I had moved to Iceland into the countryside after having spent some time living a busy city life, studying, working and being surrounded by many people. In a way I felt positively isolated but also remembered how difficult it felt to me, growing up in a small community in the countryside.

I met my producer Anna Sæunn Ólafsdóttir through mutual friends. She also grew up far from the capital in the North of Iceland and we just started bubbling about things and the chemistry was good between us.

I always wanted to make a film about a mother-daughter relationship. In general I am very fascinated by the dynamics between females, so I started writing the script. I usually start developing a story from images and feelings, not so much from the perspective of a certain plot. I don’t write a lot in dialogue, I am quite focused on the unsaid between humans and everything that lies underneath expressions, sometimes words. In order to express that, nature that surrounds me helps a lot. It evokes strong feelings that relate to inner emotions and because of that it finds their expression in nature which inspires my storytelling a lot.

In what context were you able to realize your film – how much time did you have?

We started financing and the casting process and Anna and I worked on the scheme that would later become Screen Talent Europe. We had financing from the Filmworkshop in Kiel/Germany, the Filmworkshop Copenhagen and a grant from Erasmus+ in Iceland. For a short film we had quite an ambitious financing plan, which was complicated, but also made it possible to work with a great international crew and also to give us an experience of how co-producing works. I would always do it again even if it takes a bit of time and it means that you can’t just go out and shoot. Overall I think we spent more than 2 years realizing the film.

The location is a determining factor for the mood of the film. Please tell me more about the location and the shooting conditions on location?

It was not that easy to find the right location. Fish farms underlie a lot of hygienic rules and also we didn’t want a very industrial big farm and were on the lookout for a smaller fish farm. And then it was very Icelandic, speak small townish, my producer’s aunt knew someone who knew someone who knew someone and suddenly we ended up receiving a beautiful drone shot of “our” fish farm and the owner was very open and helpful and allowed us to shoot there and it was the perfect fit. We shot on the South Coast of Iceland, close to Vík. I have to say that I am still amazed how perfect the location was and everything was shot around the fish farm. So we moved the entire crew there and spent five days shooting in the area. We were absolutely lucky with the weather which can be tricky in Iceland at times as it changes a lot even on an hourly basis.

What was visually important to you?

My DoP Nicholas Bluff is from Copenhagen and we knew each other through a mutual friend and I saw some of the films he shot and really liked his style. He is a very calm and focused person and fun to work with, so that was a professional and personal match. We sent moodboards back and forth and discussed films we liked and which had something that could fit this project. 

We decided to use a handheld camera and natural light as we didn’t want to be too dependent on long light set-ups. It was important to us that we could be close to the characters and follow their moods as well as the movements of nature and the animals. We wanted something organic which could also contrast towards the more dramatic feelings of the film.

Your choice of actors is excellent – did you find them classically through casting? What was important to you in casting?

For the character of Hildur, the mother, I had from the very beginning Halldóra Geirharðsdóttir in mind. She is such a great actress and I really wanted to work with her. I think we were lucky, because “Woman at War” (2018, director Benedikt Erlingsson) had not yet been released, so when I called her, she was still free and after reading the script she said yes to our project and it was an amazing experience working with her. So generous and friendly and a lot of fun on set. For finding the character of Saga, the daughter, it was a longer process. We had a casting call with around 20 actresses, but there wasn’t really a match, although we saw a lot of great talented young actresses. Then I saw the Faroese feature film “Dreams by the Sea” (2017, director Sakaris Stóra) and Helena Heðinsdóttir (Saga) was in it and she just blew me away with just the way she could convey emotion in a single glance. And then it was pure fate as she came to Iceland for the premiere of Dreams by the Sea. We met and it was definitely love at first sight for me. Helena is super talented and great to work with and is not afraid of anything and goes all in. So she trained with horses at home in the Faroe Islands, practised Icelandic for her role and then joined us for the shooting in Iceland. I feel really blessed to have found both of them and their chemistry was great, actually people really asked if they were mother and daughter in real life as they even look a bit similar. 

I think the most important for me in the casting process, is that the chemistry between the actors and me is right, it is such a close collaboration and if the connection is not there, it becomes very difficult and not a lot of fun to really work into the psychology of the characters and really communicate with each other how far the actress and me can go together without hurting boundaries or become insecure. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to film?

I grew up on the Baltic Sea coast in Northern Germany and came to film through my work as a festival programmer at the Reykjavík International Film Festival. In Iceland I started to make short films and decided that I want to deepen my knowledge and study film, so I took a screenwriting education at Alma Manusutbildning in Sweden. And then I became part of the independent film collective Super16 in Copenhagen as a director.

Are there already new projects planned?

My team and I have just released our new short film “Fende” that premiered at the Odense International Film Festival in Denmark and will have its international premiere at Warsaw Film festival in October. We are really excited to show it on a big screen to an international audience. It’s a short film that is more experimental and explores our human boundaries and our eternal fight of wanting to be an individual, and our desire to merge with someone in a relationship.

At the collective Super16, we are currently in post-production with a musical short film and I am writing as well on my first feature project.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Silence of the Fish”

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