Acht Fragen an Alexandra Ramirez

Marta Belo

Interview: Im Gespräch mit der portugiesischen Regisseurin Alexandra Ramirez konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Tie“ (OT: „Elo“), der im Internationalen Wettbewerb des 33. Filmfest Dresden und auf dem 28. Internationalen Trickfilm Festival lief, erfahren, mit welchem Stil sie die Bilder schuf und welche optischen Aspekte ihr dabei wichtig waren.

The original english language interview is also available.

Mit welcher Idee hat alles angefangen?

Beim Lesen eines Buches fand ich einige Figuren, die meine Aufmerksamkeit erregten. Es waren Menschen mit sehr großen Körpern und sehr kleinen Köpfen. Um ihre Schwäche zu verbergen, trugen sie Masken. Sie gewannen alle Kriege, wenn auch nur, weil sie nicht die Intelligenz hatten, die Niederlage zu erkennen. 

Diese Beschreibung hat mich fasziniert und neugierig gemacht. Einerseits spiegelt sie viele Probleme in unserer Gesellschaft wider, andererseits mag ich es nicht, wenn man körperliche Merkmale mit der Persönlichkeit der Figuren in Verbindung bringt, denn es ist schwer, dies ohne Stereotypisierung zu tun. Also dachte ich, ich werde versuchen, eine andere Geschichte zu schreiben, und da kam „Tie“ ins Spiel.

Kannst Du mir mehr über Rahmen erzählen, in welchem Du Deinem Film umsetzen konntest? Und wie viel Zeit Du gebraucht hast, um das Projekt zu beenden?

Ich habe etwa zwei Jahre dafür gebraucht. In unserem Studio sind wir mehrere Regisseure, einige von uns kennen sich und arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren zusammen.  Während der Produktion des Films „Tie“ haben wir uns als Genossenschaft formiert. Wir versuchen, wann immer möglich an den Filmen der anderen mitzuarbeiten, weil wir an die Kraft der Zusammenarbeit glauben. Animation kann ein einsamer Prozess sein, aber in unserem Fall versuchen wir, dem entgegenzuwirken. Meiner Meinung nach wächst der Film mit, wenn wir die ständige Auseinandersetzung mit dem Team suchen, und diese Arbeitsweise spiegelt sich schließlich in den Filmen wider.

Dein Film ist recht düster und arbeitet viel mit dem Tod. Würdest Du Deinen Film selbst im Genre verordnen?

Aus meiner Sicht ist es nicht nötig, den Film zu klassifizieren. Aber es stört mich auch nicht, wenn du ihn als Genrefilm siehst.

Kannst Du mir mehr zur Technik selbst erzählen?

Die Technik dieses Films entstand aus einer starken Verbindung, die ich zur Gravur habe. Der vorherige Film „Drop by Drop“ (OT: „Água Mole“), bei dem ich zusammen mit Laura Gonçalves Regie führte, basierte auf einer Gravurtechnik namens ponta-seca. In diesem neuen Film „Tie“ (OT: „Elo“) beschloss ich, einer Denkweise der Zeichnung Kontinuität zu verleihen, die eng mit der Gravur verbunden ist. Zu der Zeit, als sich die Geschichte in meinem Kopf zu entwickeln begann, fertigte ich Skelettzeichnungen an, bei denen eine weiße Linie auf schwarzem Hintergrund verwendet wurde. Das war ein Prozess, der die Optik des Films sehr stark geprägt hat. 

Obwohl es sich nicht gerade um eine Gravur handelt, wird bei den „Tie“-Filmzeichnungen das Licht anstelle des Schattens gezeichnet, ähnlich wie bei Techniken wie dem Holzschnitt. Es gibt ein Spiel der Inversion, des Arbeitens im Negativ, das dafür sorgt, dass man während des Prozesses das Endergebnis nicht sieht. Es ist, als ob wir als Referenznegativ das Ergebnis haben, das wir wirklich wollen. Ein Beispiel: Wenn wir ein Auge zeichnen, lassen wir eine Lücke in der Iris und kratzen alles, was weiß ist, aus dem Auge heraus, oder wenn wir ein Lächeln zeichnen, sind die Zähne schwarz und die Innenseite des Mundes bleibt mit dem Weiß des Blattes. Dies war eine der größten technischen Herausforderungen bei diesem Film.

Die Verwendung von Graphitpulver, wenn es invertiert wird, suggeriert einige Nebel, die der Zeichnung eine surreale Umgebung verleihen, sowie ein magisches Licht, das in einigen alten Filmen auf Schwarz-Weiß-Film verwendet wird. Trotz alledem war ich der Meinung, dass diese Ästhetik zum surrealistischen Ton der Geschichte passte, die wir uns ausgedacht hatten.

Was war dir visuell wichtig? 

Für mich ist es wichtig, dass auch das Bildmaterial auf seine eigene Weise kommuniziert. Die gewählten Grafiken haben genug Persönlichkeit, um die Geschichte und den Ton des Films zu definieren.

Im Fall des Films „Tie“ denke ich, dass die Geschichte jegliches Interesse verlieren würde, wenn die Bilder bunt und flauschig wären. Das Happy End dieser Geschichte wäre erwartbar und ohne das Geheimnis und die Verführung, die der Film meiner Meinung nach haben sollte.

Welche KünstlerInnen oder FilmemacherInnen inspirieren Dich?

Ich glaube, ich habe mehr Referenzen aus anderen Kunstformen als aus dem Kino selbst. Diejenigen, die ich aufzählen werde, waren die wichtigsten für diesen Film: Sally Mann (Fotografie), José Guadalupe Posada (Illustration und Druckgrafik), Käthe Kollwitz (Zeichnung und Druckgrafik), Svakmajer (Animationsregisseur), Laura Gonçalves, David Doutel & Vasco Sá, Vitor Hugo Rocha (Regisseure, mit denen ich zusammenarbeite) und andere.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Animationsfilm gekommen bist?

Ich belegte einen Malkurs an der Universität von Lissabon, und der erste Job, bei dem ich zeichnen konnte, war in einem Animationsstudio. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Überschneidungen zwischen kreativen Bereichen wie Schreiben, Film und Zeichnen im Animationsfilm zu finden sind. Bei der Arbeit an mehreren Filmen von verschiedenen Regisseuren, mit Teams, die an eine kollektive Arbeit glaubten, erkannte ich das Potenzial dieser Ausdrucksform, und es war unvermeidlich, dass ich mich auch auf diese schöne Art und Weise ausdrücken wollte, die das Zeichnen in Bewegung ist.

Sind schon neue Projekte geplant?

Ja, ein animierter Dokumentarfilm, bei dem ich zusammen mit Laura Gonçalves Regie führe, über den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ein Gebiet in Portugal, das vom Tourismus geprägt ist.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Tie


Interview: In our conversation with Portuguese director Alexandra Ramirez, we were able to learn more about her short film “Tie” (OT: “Elo”), which screened in the International Competition of the 33rd Filmfest Dresden and at the 28th International Animated Film Festival, the style she used to create the images and the visual aspects that were important to her. 

With which idea did everything start?

Consulting a book I found some characters that caught my attention. They were people with very big bodies and very small heads. As such they had very little intelligence and to disguise their fragility they wore masks, they won all wars, if only because they didn’t have the intelligence to realize the defeat. 

This description fascinated and intrigued me. On one hand it reflects a lot of issues in our society and on the other hand I don’t like it when you associate physical characteristics with the personality of the characters, it’s hard to do it without stereotyping. So I thought, I will try create a different story and “Tie” came up

Can you tell me about the context in which you were able to realize your film? And how much time did you need to finish the project?

It took me about 2 years. In our studio we are several directors, some of us know each other and have been working for more than 10 years.  During the production of the film “Tie we formalized ourselves as a cooperative. We try to work on each other’s films whenever possible because we believe in the power of collaboration.  Animation can be a solitary process, but in our case we try to counteract this. In my opinion, when we seek a constant debate with the team, the film grows with it, and this way of working ends up being reflected in the films.

Your film is quite dark and works a lot with death. Would you classify your film as a genre film?

From my point of view I don’t feel the need to classify it. But it also doesn’t bother me if you see it as a genre film

Can you tell me more about the technique itself?

The technique of this film arose from a strong connection I have with engraving. The previous film “Drop by Drop” (OT: “Água Mole”) that I co-directed with Laura Gonçalves was based on an engraving technique called ponta-seca. In this new film “Tie” I decided to give continuity to a way of thinking the drawing that is very connected to engraving. At the time I started to have the story developing in my head, I was making skeleton drawings where a white line was used on the black background. This was a process that marked the visuals of the film very much. 

Although it is not exactly engraving, in the “Tie” film drawings the light is drawn instead of the shadow, similar to techniques such as woodcut. There is a game of inversion, of working in negative, that makes that during the process the final result is not seen. It’s like having as a reference negative the result that we really want. For example: when we draw an eye, we leave a void in the iris and scratch everything that is white part of the eye, or when we draw a smile the teeth are black and the inside of the mouth is left with the white of the leaf. This was one of the greatest technical challenges of this film.

The use of graphite powder when inverted suggests some fogs that gave oneiric and surreal environments to the drawing, as well as a magical light used in some old films to black and white film. For all this, I believed that this aesthetic fit the surrealist tone of the story that was being created

What was important to you visually? 

For me it is important that the visuals also communicate in their own way. The chosen graphics have enough personality to help define the story and the tone of the film.

In the case of the film “Tie” if the visuals were colourful and fluffy, I think this story would lose all interest. The happy ending of this story would become expectable and without the mystery and seduction that I felt the film should have.

Which artists or filmmakers inspire you?

I think I have more references from other art forms than cinema itself. The ones I will list were the main ones for this film:  Sally Mann ( photography ) José Guadalupe Posada (Illustration and Printmaking) Kathe Kollwitz ( Drawing and Printmaking ), Svakmajer (Animation director), Laura Gonçalves, David Doutel & Vasco Sá, Vitor Hugo Rocha (Directors that I work with), among others.

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you got into animation?

I took a painting course at the University of Lisbon, and the first job I got where I could draw was in an animation studio. At that moment I realized that the intersection of creative areas such as writing, film, drawing were all present in animation film. Working on several films from various directors, with teams that believed in a collective work, I realized the potential of this form of expression and it was inevitable that I also wanted to express myself in this beautiful way that is drawing in motion.

Are there any new projects already planned?

Yes, an animated documentary I am co-directing with Laura Gonçalves about the place where I grew up, an area of Portugal where tourism has shaped its growth.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Tie

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