Sieben Fragen an Emmanuel Tenenbaum

Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Emmanuel Tenenbaum konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Free Fall“, der u.a. auf den 55. Internationalen Hofer Filmtagen lief und der sich für die Oscars 2022 qualifiziert hat, erfahren, warum er sich entschied eine Geschichte des niederländischen Autors Joris Luyendijk zu verfilmen, wie sie in die vergangene Zeit eintauchten und wie beängstigend es sein kann ohne vorhergehenden Proben zu drehen. 

The original english language interview is also available.

Wie bist Du auf die Geschichte von Luyendijk aufmerksam geworden und warum hattest Du Lust daraus einen Film zu machen?

Seit einigen Jahren arbeite ich mit einem Drehbuchautor aus Québec, Guillaume Fournier, zusammen. Aufgrund meines Hintergrunds in der Unternehmenswelt habe ich ein großes Interesse an Geschichten aus Unternehmen, insbesondere zum Thema Habgier, wie du in unseren beiden früheren Kurzfilmen [Anm. d. Red.: „Sans plomb“ (2015) und „Deux dollars“ (2017)] sehen kannst. Das waren Komödien, und wir waren auf der Suche nach einer dritten Geschichte, die wir erzählen wollten, und ich las das außergewöhnliche Buch von Joris Luyendijk, als ich die Geschichte fand, die mich wirklich fesselte.

Abraham Lewis

Nach der Krise von 2008 interviewte Joris Luyendijk zwei Jahre lang Banker in London und veröffentlichte für den Guardian einen Blog. Er sammelte außergewöhnliche, oft surreale Aussagen (unter der Bedingung, dass seine Insider anonym bleiben würden). Die Geschichte, auf die ich mich beziehe, ist die eines Händlers in einer Top-Bank, der vor allen anderen herausfand, dass das erste Flugzeug im World Trade Center ein Terroranschlag war, und wie er eine enorme Menge Geld für seine Bank verdiente. 

Erst am Ende des Tages wurde ihm klar, dass er Freunde in den Türmen hatte. Er gibt zu, den ganzen Tag über keine einzige Sekunde an sie gedacht zu haben. Er war so vertieft in das Spiel mit dem Geld, dass er sie völlig vergaß.

Wie hast Du selber diese Tage um den 11. September erlebt?

Meine Geschichte ist nichts Besonderes, aber wie alle anderen kann ich mich genau daran erinnern, wo ich war und was ich gemacht habe. Ich war in meinem ersten Studienjahr in Frankreich und lernte in der Bibliothek. Mein Vater rief mich an, ich nahm ab und fragte das übliche „Was ist los, Papa, wie geht es dir?“, und da sagte er diese Worte, die ich nie vergessen werde: „Hast du es noch nicht gehört? Es ist die Apokalypse in New York.“ Ich rannte nach Hause und verbrachte die Nacht vor dem Fernseher.

Kannst Du mir mehr zum Rahmen erzählen, in dem Du Deinen Film realisieren konntest? Wie lange und wo habt ihr gedreht?

Wir haben den Film in Bordeaux gedreht, in einem ehemaligen, verlassenen Firmengebäude. Wir hatten ein sehr begrenztes Budget angesichts des Films, den wir machen wollten, und wir fanden es günstig, die Schauspieler in Bordeaux einfliegen zu lassen, anstatt im unerschwinglichen London zu drehen. Wir hatten insgesamt viereinhalb Drehtage. Es war ein bisschen komisch, weil wir den Drehort dank der Großzügigkeit des Eigentümers kostenlos zur Verfügung hatten, aber es gab ein Alarmsystem, dessen Umstellung teuer war, so dass wir das Gebäude nur um 8.15 Uhr betreten und um Punkt 17.00 Uhr verlassen konnten. Das sind nicht die üblichen Zeiten für einen Kurzfilm, also musste alles sehr, sehr schnell gedreht werden. Der erfahrene Kameramann Antoine Roch entwarf eine 360°-Ausleuchtung und arbeitete die meiste Zeit mit einem Gimbal, was es uns ermöglichte, mit einer guten Geschwindigkeit zu drehen (fünf Minuten Film pro Tag). Das Casting war absolut großartig, wir bekamen die großzügige Hilfe von Sophie Holland Casting in London, sonst hätten wir niemals Schauspieler von solcher Qualität am Set gehabt. Viele Leute denken, dass wir viel Geld für den Kurzfilm hatten, aber wir waren etwas unter dem Durchschnitt eines ‚gut produzierten Kurzfilms‘, wie man ihn in Deutschland oder Frankreich haben kann.

Wie war es im Zeitkolorit des Anfang des Jahrtausends zu drehen? Worauf musstet ihr achten?

Bally Gill

Das war wirklich fantastisch, weil wir uns an all diese Details von vor 20 Jahren erinnern mussten. Es war ein großartiges Erinnerungs-Erlebnis und ab einem gewissen Punkt auch ein bisschen wie eine “Madeleine de Proust” [französische Redewendung: Referenz zu den allerschönsten Kindheitserinnerungen]. Zum Beispiel waren alle begeistert, ein funktionierendes Nokia 3310 zu sehen (es gibt viele davon auf Ebay). Ein Problem, das wir hatten, waren die Flachbildschirme, die zu dieser Zeit sehr selten waren. Man musste wirklich erstklassige Geräte haben. Aber vom Budget her konnten wir es uns nur leisten, diese zu kaufen (wir fanden 30 Bildschirme für 100 € bei einer Gemeinde), also haben wir das einfach akzeptiert.

Eine Sache, die wirklich schön war, ist, dass die Händler damals noch mit ihren Brokern per Telefon kommunizierten. Das ist sehr kinematografisch. Heute wäre es viel weniger visuell ansprechend, da sie den ganzen Tag nur klicken würden!

Wie und nach welchen Aspekten hast Du Deinen Cast zusammengestellt?

Packy Lee und Sebastian Armesto

Wie bereits erwähnt, hatten wir die unglaubliche und unerwartete Hilfe von Sophie Holland und Faye Timby. Sie haben uns geholfen, weil sie das Drehbuch mochten. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Casting-Direktor zusammengearbeitet habe, und es war ein wunderbarer Prozess. Das heißt aber nicht, dass es einfach war, denn einige dieser Schauspieler waren zu bekannt für einen Kurzfilm, so dass wir, wenn wir ein Angebot machen wollten, dies ohne Vorsprechen tun mussten. Das war ein bisschen beängstigend für mich (ich bin ein bisschen auf der Seite von Hanneke, wenn er sagt, dass das Casting alles ist). Wenn ich mich recht erinnere, begannen wir mit der Auswahl von Abraham Lewis und versuchten dann, um ihn herum eine Reihe unterschiedlicher Persönlichkeiten aufzubauen. Packy Lee war sehr großzügig und enthusiastisch, und er meldete sich am ersten Tag freiwillig, was ich bis heute nicht glauben kann.

Eine Unannehmlichkeit für mich war, dass die Schauspieler und ich uns am Abend vor den Dreharbeiten trafen. Normalerweise bin ich ein bisschen besessen vom Proben, und es gab buchstäblich keine. Aber ich entdeckte, dass großartige Schauspieler das gar nicht brauchen. Sie kamen bereitwillig, und schließlich harmonierten sie fast auf Anhieb.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Bally Gill, Packy Lee und Abraham Lewis

Ich bin ein ehemaliger Biomedizintechniker bei Philips Healthcare. Ich habe in der Abteilung gearbeitet, die Kernspintomographen für die Krankenhäuser herstellt. Während meines Studiums hatte ich eine Abendfilmschule in Spanien besucht, die zwar nur ein Hobby war, aber ich lernte die Grundlagen. 2011 habe ich meinen Job gekündigt, weil ich beschlossen hatte, Filme zu machen. Es waren einige Jahre des Lernens, aber jeder Kurzfilm fühlte sich besser an als der vorherige und ich habe auf Festivals (Festivals sind wichtig!) wirklich tolle, hilfreiche Freunde und Produzenten kennengelernt. Ich habe Zangro, den Produzenten von „Free Fall“, auf einem schönen französischen Festival in Contis kennen gelernt. Die Begegnung mit Guillaume war sehr prägend, und wir planen, gemeinsam einen Spielfilm zu drehen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium des Drehbuchs für einen Spielfilm. Wie bei den Kurzfilmen wird es um das Thema Unternehmensgier gehen. Ich wünschte, ich könnte mehr dazu sagen, aber wir sind noch ganz am Anfang und recherchieren noch. Bleibt also noch ein paar Jahre dran, haha.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Free Fall


Interview: In a conversation with director Emmanuel Tenenbaum, we were able to learn more about his short film “Free Fall,” which screened at the 55th International Hof Film Festival and qualified for the 2022 Oscars, among others, why he decided to film a story by Dutch author Joris Luyendijk, how they immersed themselves in the bygone era, and how scary it can be to shoot without prior rehearsals. 

How did you become aware of the story of Luyendijk and why did you want to make a film out of it?

For a number of years, I’ve been collaborating with a scriptwriter from Québec, Guillaume Fournier. Because of my background in the corporate world, I’ve had a keen interest for corporate tales, most specifically around greed, as you can see in our two former shorts. Those were comedies and we were looking for a third story to tell, and I was reading the extraordinary book of Joris Luyendijk when I found that story that really caught my attention.

After the 2008 crisis, Joris spent two years interviewing bankers in London, and published a blog for the Guardian. He collected extraordinary, often surreal testimonies (on the condition his insiders would stay anonymous). The story I refer to is the one by a trader in a top bank who found out before anyone else that the first plane in the World Trade Center was a terrorist attack, and how he made an enormous amount of money for his bank. 

It was only at the end of the day that he realized he had friends in the towers. During the whole day, he admits not having thought about them a single second… He was so absorbed in the money game, that he totally forgot about them.

How did you yourself experience those days around September 11?

My story is not particularly special, but as everyone else, I remember precisely where I was and what I was doing. I was in my first year of college in France, and I was studying at the library. I got a call from my father, I picked up and asked the normal “What’s up Dad, how are you?”, and that’s when he said those words I will never forget: “Haven’t you heard? It’s the apocalypse in New York.” I ran home and spent the night watching TV…

Can you tell me more about the framework in which you were able to realize your film? How long and where did you film?

We shot the film in Bordeaux, in a former, abandoned corporate building. We had a very limited budget given the film we wanted to make, and we found it economical to fly the actors in Bordeaux rather than shooting in the unaffordable London. We had in total 4 and 1/2 days of shoot. It was a little bit funny because we had the location for free, thanks to the generosity of the owner, but there was an alarm system that was expensive to change and therefore we could only enter the building at 8.15 AM and leave at 5PM sharp. Not the usual hours for a short film… so everything had to be shot very very fast. The veteran DoP Antoine Roch designed a 360 lightning and worked most of the time with a gimbal, which allowed us to shoot at a good speed (5 minutes of film per day). The casting was absolutely marvelous, we got the generous help of Sophie Holland Casting in London, otherwise we’d never have had actors of such quality on set. A lot of people think we had a lot of money for the short, but we were slightly below average of a “well-produced short” as you can have in Germany or France.

What was it like to film against the background of the beginning of the millennium? What did you have to pay attention to?

That was actually fantastic because we had to remember all those details from 20 years ago. It was a great memory experience, and a bit of a “Madeleine de Proust” at some point. For example, everybody was excited to see a functioning Nokia 3310 (there are many available on ebay). One issue we had were the flat screens, which were highly uncommon at the time. You really had to have top-notch equipment. But budget wise, we could only afford to scoop those (we found 30 screens for 100€ at a municipality), so we just accepted it.

One thing that was really nice though, is that at the time the traders were still communicating to their brokers on the phone. It is very cinematographic. Today, it would be a lot less visually appealing, as they would be simply clicking all day long!

How and according to which aspects did you assemble your cast?

As mentioned earlier, we’ve had the incredible and unexpected help from Sophie Holland & Faye Timby. They helped us because they liked the script. It was the first time I was working with a casting director, and it was a wonderful process. It doesn’t mean it was easy though, because a number of those actors were too high profile for a short film, so if we decided to make an offer, we had to do it without an audition. It was a little scary for me (I’m a bit on Hanneke’s side when he says that casting is everything). If I remember well, we started with the pick of Abraham Lewis, and then we tried to build a cast of distinct personalities around him. Packy Lee was very generous and enthusiastic, and he volunteered on day 1, up to this day I cannot believe it.

There was one discomfort for me, is that the actors and I met… the night before the shoot. Normally I’m a bit obsessed with rehearsing, and there was literally none. But I discovered that great actors don’t really need any. They came ready, and eventually they blended almost right away.

In the end, can you tell me a bit more about yourself and how you came to film?

I’m a former biomedical engineer at Philips Healthcare. I was working in the department that builds MRI scanners for the hospitals. During my studies, I had done an evening film school in Spain, which was still a hobby but I learned the basics. In 2011 I quit my job, having decided to make films. There were some years of learning… but each short felt nicer than the previous one and I made really great, helpful friends and producers in festivals (festivals matter!). I met Zangro, the producer of “Free Fall, at a nice French festival in Contis. Meeting Guillaume was very defining, and we’re planning to make a feature together.

Are there already new projects planned?

We are in the very early stage of writing a feature film. Like the shorts, it will be around the notion of corporate greed. I wished I could tell more but we’re really early and still researching… Stay tuned for a couple of years, haha.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Free Fall

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