55. Internationale Hofer Filmtage 2021

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26.-30.10.2021 (online bis 7.11.2021) / Central Kino Hof, Scala Filmtheater Hof, Online

Festivalbericht: Das bayerische Filmfestival ‚Internationale Hofer Filmtage‘ gilt als eines der wichtigsten Festivals für den deutschen Film. Auch in der 55. Ausgabe, welche vom 26.10. bis 7.11.2021 hybrid stattfand, machte seinem Ruf große Ehre und präsentierte insgesamt 51 Kurz- und 67 Langfilme. Neben den deutschsprachigen Produktionen gab es zusätzlich einige internationale Independent-Filme zu entdecken und zudem wurde das Festival mit zwei Sonderprogramme, den Classics und einer Hommage für den Schauspieler Joachim Krol, bereichert.

Andreas Rau

Gewinner des Hofer Goldpreis 2021: Alisa Kolosova & Lukas Röder

Das Herzstück der Hofer Filmtage ist von Beginn an der deutschsprachige Film. Hier tummelten sich zum Groteil Langfilme, aber auch zahlreiche Kurzfilme, beinahe doppelt so viele Spielfilme wie Dokumentarfilme. Die meisten Preise in Hof werden dabei auf nationaler Ebene verliehen. So wurde u.a. der Opener „Das schwarze Quadrat“ von Peter Meister mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino als bester Film und auch mit dem Hofer Kritikerpreis ausgezeichnet. Der ebenfalls auch an den Schweizer Film „The Saint of Impossible“, welcher zu gleichen Teilen Einwanderungsgeschichte und Coming-of-Age-Story ist, verliehen wurde. Der wohl auffälligste Preis, den Hof seit vier Jahren vergibt, ist der Hofer Goldpreis, ein Goldbarren im Wert von 35.000€, der in diesem Jahr gleich an zwei RegisseurInnen verliehen wurde. So erhielten ihn zu gleichen Teilen die Regisseurin Alisa Kolosova für ihren Spielfilm „Charly“ sowie Lukas Röder, der in seinem Film „Gehirntattoo“ die seelischen Abgründe eines jungen Mannes nur durch Videochat-Gespräche ergründet. Der deutsche Film „Trümmermädchen“, der eine außergewöhnliche Geschichte aus den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg erzählt, wurde mit dem Bild-Kunst-Förderpreis für das beste Kostüm- und Szenenbild ausgezeichnet.  Unter den deutschsprachigen Beiträgen hatte man die Möglichkeit noch mehr zu entdecken wie den Genrefilm „Hyperland“ von Mario Sixtus oder die selbstreferentielle Komödie „Sargnagel – Der Film“.   

Thomas Neumann

Auch im deutschen Kurzfilmsektor konnte man viele interessante Beiträge sehen. Hier waren gelungene Coming-of-Age-Geschichten („Im Universum geht keiner verloren“) genauso vertreten wie Genrefilme („Supernova“ und der beeindruckende „Der Kopf der Katze“). Auch Animationsfilme waren vertreten. Besonders zum Schmunzeln brachte einen der Film „Sven nicht jetzt, wann dann…?“. Auch lief hier den neusten Film von Jürgen Heimüller („Die letzten fünf Minuten der Welt“) zu sehen: „Better Half“ spielt mit der Zukunftsvision, dass weltweit die Menschheit auf die Hälfte reduziert werden muss und was Deutschland dazu zu sagen hat. Zudem konnte man das Regiedebüt der Schauspielerin Anke Sevenich („Tatort“) sehen: „Klabautermann“ ist eine warmherzige Dramödie aus der Welt der Pflege. Stark war auch der Spielfilm „Mona & Parviz“ von Kevin Biele, der ein Gefühl dafür vermittelt, wie die Ausländerbehörde arbeitet und wie es sich für die Menschen anfühlt unter Generalverdacht zu stehen.

Thomas Neumann

Scala Filmtheater

Auch die dokumentarischen Kurzfilme waren in Hof gut aufgestellt. So konnte man den neuesten Film von Jan Soldat („Zumindest bin ich draußen gewesen“) sehen und Sophie Linnenbaums Arbeit „Normal Stuff that People do“, bei dem sie einen ambitionierten Koch aus Island begleitet, der am wichtigsten Kochwettbewerb der Welt, dem ‚Bocuse d‘Or‘, teilnimmt. Andreas Arnstedt trifft in seinem 51-minütigen Dokumentarfilm „Schattenkind“ auf Familien, bei denen ein Geschwisterkind behindert ist und unterhält sich vor allem mit dem anderen Kind der Familie, das oft im Schatten steht. Besonders bewegend war der Film „Frauenfragmente: Gini und Resi“, der sich einigen universellen Themen aus einem sehr persönlichen Standpunkt nähert. Auf amüsante Weise spricht auch der Kurzfilm „Civilization“ von Christoph Schwarz, der im Lockdown einer kleinen Spielsucht verfiel, die ZuschauerInnen an, die sich an der ein oder andere Stelle bestimmt wieder erkannt haben. Den Kurzfilmpreis der Stadt Hof gewann die Doku „Erwachsen oder sowas“, die Jugendliche in Berlin in ihrem Alltag zwischen Schule und Herumhängen begleitete und sich so ein Stück der heutigen Generationen annähert.  

Andreas Rau

Eröffnung der 55. Internationalen Hofer Filmtage: DAS SCHWARZE QUADRAT – Regie: PETER MEISTER

Auf dem internationalen Sektor konnte man viele Independent-Produktionen entdecken, wie den stark verschwurbelten „Zeros and Ones“ mit Ethan Hawke in der Hauptrolle oder den bitterbösen, französischen Film „Bloody Oranges“. Desweiteren fanden sich auch sanfte Dramen wie „Mon Légionnaire“ von Rachel Lang unter den Beiträgen wieder. Aber auch der Kurzfilmsektor hatte hier einiges zu bieten: So überzeugte der Pandemie-Film „Bracha“ mit seiner innewohnende Kraft und Offenheit. Der Kurzfilm „Aysha“, der davon berichtet, wie eine Mutter versucht ihren Sohn zu beschützen, gewann den Publikums-Kurzfilmpreis der Stadt Hof. Der französische Kurzfilm „Free Fall“ von Emmanuel Tenenbaum gehörte zu den besten, internationalen Beiträgen und erzählt von den Anschlägen des 11. Septembers aus einem anderen, unbekannten Blickwinkel. 

Andreas Rau

Filmpreis der Stadt Hof

Im Dokumentarfilmsektor konnte man bei den internationalen Produktionen auch sehr starke Filme entdecken. Neben der Doku „Luchadoras“, welche von drei Wrestling-Kämpferinnen in Mexiko erzählt und mit dem Hofer Dokumentarfilmpreis Granit ausgezeichnet wurde, stach der einfühlsame „Jane par Charlotte“ hervor, in dem sich die Schauspielerin und hier zum ersten Mal Regisseurin Charlotte Gainsbourg mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Jane Birkin, über das Leben und die Vergangenheit austauscht. Unter den Dokumentarfilmen fiel auch der Kompilationsfilm „Isolation“ der fünf RegisseurInnen u.a. auch Michael Winterbottom auf, in dem sich jeder Kurzfilm auf seine Weise mit der Corona-Pandemie auseinandersetzte. Julia von Heinz, welche den deutschen Beitrag beisteuert und darin eine Geschichte über ihr beiden Väter – den leiblichen und den filmischen – erzählt, gewann dafür den Filmpreis der Stadt Hof

Fazit: Auf der 55. Ausgabe der Hofer Filmtage, welche in diesem Jahr hybrid stattfanden, gab es viel zu entdecken. Vor allem deutsche Filme, Spiel- wie Dokumentarfilme, haben hier ihre Bühne bekommen und zeigen, wie vielsprechend die deutschsprachigen Produktionen sind, von denen es hoffentlich viele in die Kinos schaffen werden. Zudem wurden neun Filme mit renommierten Preisen ausgezeichnet und richten so gleichzeitig das Augenmerk auf Produktionen aus Deutschland. 

Trailer der 55. Internationalen Hofer Filmtage 2021

geschrieben von Doreen Matthei

Wir wünschen alle LeserInnen schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Start ins neue Jahr. 

Alle im Bericht erwähnten Filme

  • „Better Half“ (Deutschland, 2021, Regie: Jürgen Heimüller)
  • „Bloody Oranges“ (Frankreich, 2021, Regie: Jean-Christophe Meurisse)
  • „Bracha“ (Israel, 2020, Regie: Aaron Geva, Mickey Triest)
  • Civilization“ (Österreich, 2021, Regie: Christoph Schwarz)
  • Der Kopf der Katze“ (Deutschland, 2021, Regie: Harriet Maria und Peter Meining)
  • „Erwachsen oder sowas“ (Deutschland, 2021, Regie: Marlena Molitor)
  • „Frauenfragmente: Gini und Resi“ (Deutschland, 2020, Regie: Sophie Gmeiner)
  • „Free Fall“ (Frankreich, 2021, Regie: Emmanuel Tenenbaum)
  • „Girl who cried Wolf“ (Deutschland, 2021, Regie: Kevin Koch, Emma Holzapfel)
  • „Hyperland“ (Deutschland, 2021, Regie: Mario Sixtus)
  • „Im Universum geht keiner verloren“ (Deutschland/Österreich, 2021, Regie: Franziska Pflaum)
  • „Isolation“ (Italien/Deutschland/Belgien/Schweden/UK, 2021, Regie: Michele Placido, Julia von Heinz, Michael Winterbottom, Jaco Van Dormael, Olivier Guerpillon)
  • „Jane par Charlotte“ (Frankreich, 2021, Regie: Charlotte Gainsbourg)
  • „Klabautermann“ (Deutschland, 2021, Regie: Anke Sevenich)
  • „Luchadoras“ (Deutschland/Mexiko, 2021, Regie: Paola Calvo, Patrick Jasim)
  • „Mon Légionnaire“ (Frankreich/Belgien, 2021, Regie: Rachel Lang)
  • Mona & Parviz“ (Deutschland, 2021, Regie: Kevin Biele)
  • „Normal Stuff that People do“ (Deutschland, 2021, Regie: Sophie Linnenbaum)
  • „Sargnagel – Der Film“ (Österreich, 2021, Regie: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl)
  • „Schattenkind“ (Deutschland, 2021, Regie: Andreas Arnstedt)
  • „Supernova“ (Deutschland, 2021, Regie: Steve Bache)
  • „Sven nicht jetzt, wann dann…?“ (Deutschland, 2021, Regie: Jens Rosemann)
  • „The Saint of the Impossible“ (Schweiz, 2021, Regie: Marc Wilkins)
  • „Trümmermädchen“ (Deutschland, 2021, Regie: Oliver Kracht)
  • „Zumindest bin ich draußen gewesen“ (Deutschland, 2021, Regie: Jan Soldat)

Rezensionen zu Filmen, die auf dem 55. Internationale Hofer Filmtage 2021 gelaufen sind

Quellen:

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