„Napoleon“ (2023)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Mehr als 300 Spielfilme haben sich an der historischen Persönlichkeit bereits abgearbeitet. Der mittlerweile 86-jährige Ridley Scott, bekannt für Filme wie „Blade Runner“ (1982), „Königreich der Himmel“ (2005) und „House of Gucci“ (2021) nahm sich nun in seinem beinah drei-Stunden-Film „Napoleon“ (OT: „Napoleon“, USA, 2023) der Figur an und besetzt die Hauptrolle mit Joaquin Phoenix, was das Publikum im Vorfeld neugierig machte, da dieser gerne ambivalente Figuren einfängt und ihnen Tiefe gibt.

In der Zeit der Besatzung Frankreichs durch die Briten wurde der junge Hauptmann Napoleon Bonaparte als strategischer Heerführer hinzugezogen, um die Stadt Toulon zu befreien.

Rupert Everett und Joaquin Phoenix

Mit einem geschickten strategischen Händchen und einer Portion Glück gelingt ihm das, so dass er danach immer wieder für die schwierigen Einsätze ausgewählt wird. Dadurch erklimmt er die Karriereleiter und kann sich auch oben halten, egal welche Krisen Frankreich erneut erschüttern. In dieser Zeit lernt er auch Josephine (Vanessa Kirby) kennen und ehelicht sie. Doch sie ist ihm nicht so ergeben, wie er hofft, und so kommt es immer wieder zu Krisen in der Ehe. Doch trotzdem beschreitet er zusammen mit ihr den Weg bis zur eigenen Krönung, um sich danach weiter als König in militärische Schlachten zu stürzen.

Vanessa Kirby und Joaquin Phoenix

Man ist gewillt, bei der Masse von Napoleon-Filmen zu sagen, schon wieder ein Napoleon-Film. Doch seit langem war kein Film über den französischen General und König mehr in den Kinos. Die 158-minütige Kinoversion von Ridley Scott spannt nach einem Drehbuch von David Scarpa einen weiten Bogen vom jungen General 1789 bis hin zu seiner letzten Verbannung durch den britischen General Wellington im Jahr 1814. Die vierstündige Lieblings-Fassung von Scott, welche nun auf Apple TV Plus zu sehen ist, gibt dem Leben und vor allem dem Liebesleiden von Napoleon noch mehr Raum. Doch die dreistündige Fassung ist bereits wahrlich lang genug und vor allem langatmig. Auch wenn man Ridley Scott nicht absprechen kann, ein Händchen für Schlachtenszenen zu haben, sind diese selten spannend. Aber noch enervierender sind die vielen ‚Liebesszenen‘ und das ungesunde Verhältnis zwischen Napoleon und Josephine. So funktioniert der Film weder als groß angelegte Liebesgeschichte, noch als Psychogramm, da der Film bei der Figur nicht in die Tiefe geht. Das Publikum lernt Napoleon (beruflich und privat) als reinen machtgierigen Mann kennen und auch der Einfluss, den Josephine angeblich auf ihn hatte, wird nicht spürbar. Aber auch als großes, historisches Kriegs-Drama mag der Film nicht überzeugen, da die Schlachten zu zahlreich sind, die Intrigen zu verworren und die anderen Figuren zu bedeutungslos erscheinen.

Joaquin Phoenix

Wie man es bei einem Ridley-Scott-Film nicht anders erwarten würde, sieht der Film natürlich nach etwas aus. Mit viel Liebe zu den Details wurden hier Kostüme, Ausstattung und Settings ausgewählt und inszeniert. Auch das Colorgrading sagt dem Publikum stets, dass alles nur noch schlimmer wird. Selten werden hier warme Farben verwendet, alles hüllt sich dagegen in Blau- und Grautönen. Fans der kriegerischen Historienfilme werden hier bestimmt ihre Freude haben, denn auch dafür lässt sich der Film Zeit: die Schlachten zu inszenieren inklusive der Wartezeit davor und den Konsequenzen und Leichenbergen danach. Dabei wirken manche Schlachten sogar größer, als sie vermutlich in der Realität waren. So schmiegt sich die Inszenierung der Geschichte an und gibt dem Film ein eindrucksvolles, aber nicht unbedingt spannendes Gewand. Auch die Riege bekannter Darsteller:innen wie Vanessa Kirby („The Crown“ (2016-2022), „Pieces of a Woman“ (2020)), Rupert Everett („Ernst sein ist Alles“ (2002)) und Ludivine Sagnier („Swimming Pool“ (2003)) können die starren Rollen nicht zum Leben erwecken. Gerade von Kirby und Joaquin Phoenix, der uns immer wieder mit vielfältigen Rollen, wie in „8mm“ (1999), „A Beautiful Day“ (2018), „Joker“ (2019) oder „Beau is Afraid“ (2023), überrascht, hatte man mehr erwartet. So passt in Ridley Scotts neuestem Historienfilm zwar alles zusammen, aber kann wahrlich nicht begeistern. Trotzdem wurde der Film für drei Oscars in den Kategorien Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign und Beste visuelle Effekte nominiert.

Joaquin Phoenix

Fazit: „Napoleon“ ist ein 158-minütiger Historienfilm über den französischen Herrscher. Der Regisseur Ridley Scott spannt dabei einen weiten Bogen von dessen ersten militärischen Erfolgen hin zu seiner mehrmaligen Verbannung. Mit Joaquin Phoenix hoffte man auf ein starkes Portrait einer sehr bekannten Persönlichkeit, bekam aber nur eine wenig Tiefe besitzende Figur sowie viele Minuten wenig spannende Militäraktionen. Man muss schon ein großer Freund dieses Genres sein, um sich hier nicht zu langweilen, denn Neues oder Erfrischendes bekommt die Erzählung rund um Napoleon nicht verpasst.

Bewertung: 4/10

Kinostart: 23. November 2023 / Streaming: Apple TV+

Trailer zum Film „Napoleon“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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