„Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ (2024)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der Spielfilm „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ (OT: „Treasure“, Deutschland/Frankreich, 2024) der Regisseurin Julia von Heinz, der auf der 74. Berlinale 2024 seine Weltpremiere in der Sektion ‚Berlinale Special Gala‘ feierte, ist der Abschluss einer Aufarbeitungs-Trilogie und gleichzeitig ein Drama und eine warmherzige Komödie mit einem fantastischen Darsteller:innen-Gespann in den Hauptrollen.

Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, überredet die amerikanische Musikjournalistin Ruth (Lena Dunham) ihren Vater Edek (Stephen Fry) dazu, eine Reise in seine Heimat Polen zu unternehmen, damit sie ihre Wurzeln kennenlernen kann. Edek hat den Holocaust überlebt und ist wenig erpicht darauf an die Orte, die auch große Schmerzen bergen, zurückzukehren und versucht auf seine Weise das Beste aus der Reise mit seiner Tochter zu machen. Ihr Weg führt sie nach Warschau, Łódź, Krakau und ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dabei zanken sie sich oft auch, aber finden auch immer bessere Wege, über das Unsagbare zu sprechen. 

Lena Dunham

Der mittlerweile neunte Spielfilm der deutschen Regisseurin Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg“ (2015)) schließt mit diesem Film eine Aufarbeitungs-Trilogie nach den beiden Filmen „Hannas Reise“ (2013) und „Und morgen die ganze Welt“ (2020) ab. Der Film basiert auf der 700-seitigen Romanvorlage „Zu viele Männer“ (2002) der australisch-amerikanischen Schriftstellerin Lily Brett. Sie wandelte es nach einem eigenen Drehbuch, das sie zusammen mit ihrem Ehemann John Queste schrieb, in einen 112-minütigen Spielfilm um und schafft es mit viel Herz, aber auch Humor sowie fantastischen Charakteren die Geschichte cineastisch zum Leben zu erwecken. Sie beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Holocaust-Traumata aus den Perspektiven zweier Menschen, welche auf ganz unterschiedliche Weise damit in Berührung gekommen sind. Der Vater hat es am eigenen Leib erleben müssen und dann seine Erfahrungen stillschweigend von seinem neuen Leben in den USA getrennt. Die Tochter litt darunter und will mit dieser Reise den Gefühlen auf den Grund gehen. Darüber hinaus geht es um die Annäherung zweier Menschen, die einen Graben überwinden müssen und einen neuen Weg zu kommunizieren. Dabei geht es um viele weitere Themen, die von Heinz mühelos in das Skript eingebaut wurden. Trotzdem verliert der Film nie seinen Humor, der immer wieder – vor allem in den Dialogen – zu Tage trifft. So besitzt das Drama, das auch zu Tränen rühren kann, eine leichtfüßigen Grundton, der vielen Zuschauer:innen den Zugang zu dem Stoff erleichtern wird.

Stephen Fry, Lena Dunham und Zbigniew Zamachowski

Bei ihren ersten großen internationalen Produktion machte Julia von Heinz auch beim Look, der Wahl der Darsteller:innen und dem Authentizitätsanspruch alles richtig. Sie schafft es, einen realen Eindruck von Polen in den 90er Jahren zu kreieren. Auch wenn sie – wie bei den Auschwitz-Szenen – aufs Sets zurückgreifen musste, funktioniert der Film genauso gut, so dass man beinahe einen dokumentarischen Eindruck von dem Land bekommt. So echt wie die Umgebung fühlen sich auch die Figuren an. Sie wählte Lena Dunham („Girls“ (2012-2017)) und Stephen Fry („Die Poesie des Unendlichen“ (2015), „Oscar Wilde“ (1997)) als Tochter-Vater-Gespann aus. Diese greifen wie auch die Regisseurin auf ihre eigenen jüdischen Wurzeln und damit einhergehende Erfahrungen zurück. Das sieht man den Figuren an. Diese sind zu keinem Zeitpunkt eindimensional gezeichnet, sondern lebendig, voller Probleme und Sorgen. Hinzu kommt die besondere Vater-Tochter-Dynamik, der man anmerkt, dass sie sich lieben, sich aber leider vor langer Zeit verloren haben. Ihre Kommunikation ist schwierig. So steht ihnen eine Reise im doppelten Sinne bevor und am Ende rührt es umso mehr, wenn sie wieder zueinander finden. 

Stephen Fry

Fazit: „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ ist ein berührender Spielfilm, der sich mit einem sympathischen Tochter-Vater-Gespann des schwierigen Themas der Aufarbeitung des Holocaust-Traumas annimmt. Dabei gelingt der Regisseurin Julia von Heinz ein authentischer Look, eine großartige zwischenmenschliche Dynamik und eine Leichtfüßigkeit, die man bei dem Thema nicht erwartet hätte.

Bewertung: 9/10

Kinostart: 12.09.2024

Trailer zum Film „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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