Sechs Fragen an Kim Lêa Sakkal

Doreen Kaltenecker
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Soravit Lertiphat

Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Kim Lêa Sakkal konnten wir mehr über ihren neuesten Kurzfilm „Immaculata“, der im Programm der 58. Hofer Filmtage 2024 und dem 40. interfilm Berlin 2024 lief, erfahren. Sie erzählt von der Inspiration durch eine biblische Geschichte, dem Einsatz von Genre-Elemente und wie da Sounddesign und Setdesign eine große Rolle gespielt haben.

Wie ist die Idee zu „Immaculata“ entstanden?

Die Idee zu „Immaculata“ entstand aus einer Überlegung: Wie würde die Geschichte der Heiligen Maria heute erzählt werden, in unserem modernen Kontext? Wie würden wir auf ein solches „Wunder“ blicken? Ich wollte die Erzählung aus ihrer Perspektive gestalten, aus der Sicht einer Frau, die ihren Körper für ein höheres Gut hingibt. Doch was bedeutet das in einer Welt, in der Macht, Kontrolle und gesellschaftliche Strukturen so viel bestimmen? Im Verlauf meiner Recherche bin ich auch auf die Geschichte von Rahel und Jakob aus der Bibel gestoßen. Sie ließ ihre Magd Bilha Kinder für sich austragen, da sie selbst keine bekommen konnte. Dieses Motiv der Fremdbestimmung über den weiblichen Körper hat mich fasziniert – es zeigt, wie diese Geschichten, ob göttlich oder profan, oft miteinander verwoben sind. In „Immaculata“ wird Deryas Körper ebenso zur Projektionsfläche, ob für ein Wunder oder für den unerfüllten Kinderwunsch eines Paares.

Du hast hier nach „Intermezzo“ das Genre gewechselt – kannst Du sagen, ob Du Dich in dem oder einem anderen Genre mehr zu Hause fühlst?

Devrim Lingnau

Ich liebe es, visuell zu erzählen, und das erlaubt mir das Genre-Kino in besonderer Weise. Es gibt mir die Möglichkeit, Gefühle und Stimmungen über Bilder, Räume und Sounddesign zu transportieren, statt alles über Dialoge oder Erklärungen zu lösen – show, don’t tell ist ein Prinzip, das ich sehr schätze. Gleichzeitig begeistert mich die Arbeit mit Schauspieler*innen, ihre Energie und die Möglichkeit, emotionale Wahrhaftigkeit zu erzeugen. Daher möchte ich mich nicht vollständig dem Genre verschreiben, das oft technisch getrieben ist. Mein Ziel ist es, einen Mittelweg zu finden: Filme zu machen, die visuell und auditiv eindringlich sind, aber dennoch den menschlichen Kern durch die Figuren lebendig machen.

Man muss bei Deinem Film unweigerlich an eine vergangene Horrorfilm-Epoche denken. Welche Filme oder Motive haben Dich inspiriert?

„Rosemaries Baby“ hat mich visuell und thematisch inspiriert, aber ich wollte mich bewusst davon abgrenzen. Polanskis Film beantwortet am Ende alle Fragen und löst das Mysterium auf. Ich fand es spannender, einen Film zu schaffen, der vor allem Fragen aufwirft und zur Diskussion anregt. Mich hat auch interessiert, wie man die psychologische Zerrissenheit einer Figur inszenieren kann – Deryas innere Unsicherheit spiegelt sich in den Räumen und Stimmungen wider, die wir geschaffen haben. Dieses Wechselspiel zwischen Psyche und Raum war ein großes Thema für mich.

Auch visuell wirkt Dein Film nicht modern. Was lag Dir visuell am Herzen? Und hast Du auf Film gedreht?

Devrim Lingnau

Ich lege großen Wert auf Haptik und Struktur in meinen Filmen. Für mich geht es nicht um Realismus, sondern darum, eine eigene Welt zu erschaffen. Gemeinsam mit meinem DoP Paul Faltz sowie Mayte Hellenthal und Hella Vohrmann im Setdesign haben wir eine Ästhetik entwickelt, die sich an einer zeitlosen Qualität orientiert. Die Räume sollten Deryas innere Gefühlswelt reflektieren – enge, labyrinthische Strukturen, die Isolation und Orientierungslosigkeit spürbar machen. Deshalb drehe ich immer auf 16mm-Film. Film lebt, hat eine Textur, die digital nicht erreicht werden kann. Es geht um die spürbare Oberfläche, die eine sinnliche Tiefe erzeugt.

Besonders eindringlich fand ich auch Dein Sounddesign – kannst Du mir mehr dazu erzählen?

Henning Hein, der für das Sounddesign verantwortlich war, und ich wollten richtig Genre machen. Für uns bedeutete das, die subjektive Wahrnehmung von Derya hörbar und spürbar zu machen. Es ging nicht um Realismus, sondern darum, das Publikum direkt in ihre Gefühle und Wahrnehmungen hineinzuziehen. Geräusche und Klänge werden in „Immaculata“ oft übersteigert oder abstrahiert, um ihre innere Zerrissenheit zu spiegeln. Das Wunderbare am Film ist, dass man Wahrnehmung steuern kann – hineinzoomen in Geräusche, Gefühle und Bilder, um so die emotionale Welt der Figur erlebbar zu machen.

Sind schon neue Projekte geplant?

Ja, aktuell arbeite ich an meinem Debütfilm „A Paradise Lost“, der im Libanon gedreht werden soll. Es ist die Geschichte einer deutschen Erbin, die mit ihren Angestellten in einem großen Anwesen in den Bergen lebt. Plötzlich leidet sie an unerklärlichen gesundheitlichen Problemen, bis eine junge Krankenschwester kommt, um sie zu pflegen – auf eine sehr unorthodoxe Art. Der Film behandelt Themen wie Machtmissbrauch, Hierarchien und Abhängigkeiten. Mich interessiert, wie Macht in zwischenmenschlichen Beziehungen funktioniert, wie sie subtil ausgeübt wird und welche Abgründe sie offenlegen kann.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Immaculata

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