Sieben Fragen an Joaquín León

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem spanischen Regisseur Joaquín León konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „The Blood“ (OT: „La Sangre“) erfahren, der im Internationalen Wettbewerb des 41. interfilm Berlin 2025 zu sehen war. Er erzählt, welchen Einfluss Religion, Bach und das Leben in dem kleinen Dorf und dessen Traditionen Einfluss auf seinen Film genommen haben und wie er einen gewissen hyperrealistischen Ton in seinem Film anstrebt. 

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu deinem Kurzfilm entstanden? 

Ich mag es, wenn Ideen und Bilder auftauchen, ohne dass ich genau weiß, woher sie kommen. Selbst wenn ich ihre Herkunft kenne, tue ich manchmal so, als wüsste ich es nicht, nur um das Gefühl zu haben, dass der kreative Prozess freier und spielerischer ist.

Luka Albarrán und Esther Luna

Als ich „The Blood“ schrieb, pflegte ich eine meiner geliebten Katzen, die unheilbar krank war. Während dieser Zeit musste ich ihr viele Spritzen geben, und ich bin extrem zimperlich, was Nadeln und Blut angeht. Außerdem hatte sie sich angewöhnt, ihr medizinisches Futter nur aus meiner Hand zu fressen. Die Pflege war sehr anstrengend, und meine Arbeit als Kreativdirektor in einer Werbeagentur machte alles noch komplizierter.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie die Geschichte entstanden ist, aber sie hängt eindeutig mit all dem und mit meiner Begeisterung für Bachs Musik zusammen.

Welchen Stellenwert hat Religion in deinem Leben?

Luka Albarrán

Diese Frage wurde mir schon mehrmals gestellt, und sie überrascht mich jedes Mal ein wenig. Ich glaube, ich bin etwas naiv an dieses Thema herangegangen und habe ihm vielleicht mehr Bedeutung beigemessen, als ich eigentlich wollte. Für mich steht der religiöse Aspekt des Films nicht im Mittelpunkt. Er dient eher als Ergänzung, die den sozialen Kontext der Figuren untermauert.

Wir sind alle von Religion umgeben – das ist unvermeidlich – und je nachdem, wo man lebt, dominiert die eine oder andere Form. Ob wir nun gläubig sind oder nicht, Religion ist Teil unserer Kultur, unserer Traditionen, unserer Kunst und sogar unserer Politik. Ich komme aus einem katholischen Umfeld, bin aber nicht gläubig. Ich mag religiöse Institutionen nicht, aber ich kann mich ihrer Ästhetik und ihrem künstlerischen Wert nicht entziehen.

Über welchen Zeitraum und wo genau habt ihr euren Film realisiert?

The Blood“ wurde in einem kleinen Dorf im Süden Spaniens mit weniger als 300 Einwohnern gedreht. Ich habe dort zehn Jahre lang gelebt und war immer fasziniert von der Musik und den Tänzen, die jedes Jahr zu Ehren der Jungfrau aufgeführt wurden.

Luka Albarrán

Ich habe dieses Ritual so gefilmt, wie es wirklich stattfindet, denn es ist für die Tänzer sehr wichtig und sie wollten es nicht für einen Film nachstellen. Sie erlaubten mir jedoch, es aufzunehmen, da sie wussten, dass es Teil eines fiktionalen Kurzfilms werden würde. Ich nutzte auch die Gelegenheit, um Szenen vom Dorffest bei Nacht mit seinen kleinen Fahrgeschäften zu drehen.

Der fiktionale Teil der Dreharbeiten fand über drei Tage statt. Der Film ist selbst finanziert und wurde auf 16mm gedreht, daher war das Budget sehr begrenzt und alles musste sorgfältig geplant werden, um so schnell wie möglich zu drehen. Die meisten Aufnahmen sind Einzelaufnahmen.

Ursprünglich wollten wir an einem Wochenende im Oktober drehen, aber am ersten Tag mussten wir wegen COVID absagen und alles auf Januar, die Olivenerntezeit, verschieben. Ich änderte ein Detail im Drehbuch: Was ursprünglich als Gemüseanbau gedacht war, wurde zur Olivenernte. Jesus Christus wurde in einem Olivenhain gefangen genommen, und sein Kreuz wurde aus Olivenholz gefertigt. In gewisser Weise verstärkte dieses Bild die visuelle Symbolik der Geschichte, die in jeder Einstellung voller versteckter Easter Eggs steckt.

Zwischen Oktober und Januar starb meine Katze, also beschloss ich, ihr den Film im Abspann zu widmen, und ihr Gesicht erscheint auf dem letzten T-Shirt, das der Protagonist trägt.

Dein Film ist auf visueller Ebene anfänglich sehr realitätsnah eingefangen und auch das Wunder passiert, bleibt es bei der Art der Inszenierung. Kannst Du mir zum visuellen Ansatz Deines Films erzählen?

Esther Luna

Ich schätze diese Beobachtung, und wir wissen auch nicht wirklich, ob es sich um ein Wunder handelt oder nicht. Beide Interpretationen sind möglich. Es gibt mehrere Elemente im Film, die immer als gegensätzliche Kräfte dargestellt werden. Die Struktur der Geschichte funktioniert wie Bachs Krebskanon [„Musikalisches Opfer“, 1747]: ein Kontrapunkt aus zwei gleichzeitig gespielten Melodien, wobei die zweite identisch mit der ersten ist, aber umgekehrt, als würde sie rückwärts gespielt. Ich habe hart daran gearbeitet, den Realismus, den ich darstellen wollte, mit einer Stilisierung von Bild und Ton in Einklang zu bringen. 

Jede Einstellung musste wie ein Gemälde funktionieren, mit geometrischen Bildausschnitten und Symmetrien, die einen kritischen und spirituellen Ton hervorrufen, die beiden psychologischen Dimensionen, mit denen die Geschichte spielt. Wie in Bachs Musik war ich daran interessiert, das Organische und Emotionale in Harmonie mit dem Geometrischen und Strukturierten koexistieren zu lassen.

Deine Darsteller:innen spielen sehr authentisch – wie und nach Kriterien hast Du sie ausgesucht?

Luka Albarrán

Keiner der Darsteller hatte zuvor jemals geschauspielert. Ich habe sie ausgewählt, damit sie vor der Kamera sie selbst sein konnten, und wir haben sechs Monate lang geprobt, damit sie ihre eigene Freiheit innerhalb der Geschichte finden konnten. Das Ziel war es, durch sie den hyperrealistischen Ton zu erreichen, den der Film anstrebte.

Kannst Du mir von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Als Kind habe ich es geliebt, mit der Videokamera zu spielen, die wir zu Hause hatten, und seit meiner Teenagerzeit mache ich Musik. Ich habe damit begonnen, Musikvideos für meine eigenen Musikprojekte zu drehen, und später habe ich angefangen, Videos für andere Bands zu drehen. Beruflich habe ich immer im Bereich Kreativität und Grafikdesign gearbeitet, und manchmal wurde ich auch gebeten, Werbespots zu drehen.

Eines Tages ermutigte mich der Kameramann eines Musikvideos, das ich drehen wollte, einen Kurzfilm zu schreiben, damit die Kamera und die Beleuchtungsausrüstung nicht ein ganzes Wochenende lang ungenutzt blieben. Bei der Produktion dieses Films hatte ich das Gefühl, dass alle Disziplinen, die ich liebte, auf natürliche Weise im Kino zusammenflossen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Wenn alles gut läuft, werde ich 2026 zwei Kurzfilme drehen. Einer davon wird außerhalb der Branche entstehen, da er in gewisser Weise eine Kritik an der Branche selbst ist. Der andere konzentriert sich auf soziale Klassen, wobei auch Religion eine wichtige ästhetische Rolle spielt. Außerdem schreibe ich gerade an meinem ersten Spielfilm, einer Adaption eines Buches von Elisa Victoria.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Blood


Interview: In our conversation with Spanish director Joaquín León, we learned more about his short film „The Blood“ (original title: „La Sangre“), which was screened in the International Competition at the 41st interfilm Berlin 2025. He talks about the influence of religion, Bach, and life in the small village and its traditions on his film, and how he strives to achieve a certain hyperrealistic tone in his film. 

How did the idea for your short film come about? 

I like it when ideas and images appear without knowing exactly where they come from. Even when I do know their origin, I sometimes pretend I don’t, just to feel that the creative process is more free and playful.

When I wrote „The Blood„, I was taking care of a very beloved cat of mine who was terminally ill. During that time I had to give him many injections, and I’m extremely squeamish about needles and blood. He also developed the habit of eating his medicated food only from my hand. Caring for him was very demanding, and my job as a creative director at an advertising agency made everything even more complicated.

I don’t remember the exact seed of the story, but it is clearly connected to all of this and to my obsession with Bach’s music.

How important is religion in your life?

I’ve been asked this question several times, and it always catches me a bit off guard. I think I may have been somewhat naïve in how I approached this subject and perhaps gave it more prominence than I intended. For me, the religious aspect of the film is not central; it works more as an accessory that feeds into the social context of the characters.

We are all surrounded by religion — it’s unavoidable — and depending on where you live, one form or another dominates. Whether we are believers or not, religion is part of our culture, our traditions, our art, and even our politics. I come from a Catholic background but I am not devout. I dislike religious institutions but I can’t help being fascinated by their aesthetics and artistic value.

Over what period of time and where exactly did you make your film?

The Blood“ was shot in a small village in the south of Spain with fewer than 300 inhabitants. I lived there for ten years, and I was always captivated by the music and dances performed every year for the Virgin.

I filmed this ritual as it really happens, because it is very important to the dancers and they didn’t want to reenact it for a movie. They did, however, allow me to record it knowing it would become part of a fictional short film. I also took the opportunity to shoot scenes of the village fair at night, with its small amusement rides.

The fictional part of the shoot took place over three days. The film is self-financed and shot on 16mm, so the budget was very limited and everything had to be carefully planned to shoot as fast as possible. Most of the shots are single takes.

Originally, we were going to shoot one weekend in October, but on the first day we had to cancel because of COVID and postpone everything until January, during the olive harvest season. I changed a detail in the script: what was originally meant to be vegetable planting became olive harvesting. Jesus Christ was captured in an olive grove, and his cross was made of olive wood. In a way, this image strengthened the visual symbolism of the story, which is full of hidden Easter eggs in every shot.

Between October and January, my cat passed away so I decided to dedicate the film to him in the end credits, and his face appears on the last T-shirt the protagonist wears.

Your film is initially captured very realistically on a visual level. Even after the miracle happens that approach remains. Can you tell me about the visual approach of your film?

I appreciate this observation, and also we don’t really know if it is a miracle or not. Both interpretations are possible. There are several elements in the film that are always presented as opposing forces. The structure of the story works like Bach’s „Crab Canon“: a counterpoint of two melodies played at the same time, where the second is identical to the first but inverted, as if played in reverse. I worked hard to balance the realism I wanted to portray with a stylization of image and sound. 

Each shot had to function like a painting, with geometric framing and symmetries that would evoke a critical and spiritual tone, the two psychological dimensions the story plays with. As in Bach’s music, I was interested in making the organic and emotional coexist in harmony with the geometric and the structured.

Your actors are very authentic – how and according to what criteria did you choose them?

None of the actors had ever performed before. I chose them to be themselves in front of the camera, and we rehearsed for six months so they could find their own freedom within the story. The goal was to achieve, through them, the hyperrealistic tone the film was aiming for.

Can you tell me about yourself and how you came to filmmaking?

When I was a kid, I loved playing with the video camera we had at home, and I’ve been making music since I was a teenager. I started by shooting music videos for my own musical projects, and later I began directing videos for other bands. Professionally, I’ve always worked in creativity and graphic design, and sometimes I was also asked to direct commercials.

One day, the cinematographer of a music video I was about to shoot encouraged me to write a short film so the camera and lighting equipment wouldn’t go unused for an entire weekend. Making that film I felt that all the disciplines I loved naturally converged in cinema.

Are there any new projects planned?

If all goes well, in 2026 I will shoot two short films. One of them will be made outside the industry, as it is, in a way, a critique of the industry itself. The other focuses on social class, with religion also playing an important aesthetic role. I am also writing what will be my first feature film, an adaptation of a book by Elisa Victoria.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „The Blood

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