Interview mit Duc Ngo Ngoc

Am 19. April startet mit “Farewell Halong” der erste Langfilm des jungen Filmemachers Duc Ngo Ngoc, der bisher vor allem mit seinem Kurzfilm “Obst & Gemüse” viele Zuschauer begeistern konnte. Kurz vor Start des neuen Films hatte die Testkammer die Möglichkeit, sich mit dem Filmemacher zu unterhalten.

Hallo Duc, ich konnte in diesem Jahr bereits zwei Filme von Dir sichten. Den Kurzfilm “Obst & Gemüse” sah ich auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen 2018 und in der Pressevorführung deine Dokumentation “Farewell Halong”. Aber zunächst einmal erzähl mir etwas von Deinem Kurzfilm “Obst & Gemüse”, für den Du auf dem 18. Landshuter Kurzfilmfestival 2017 zwei Preise erhalten hast. Er ist ja autobiographisch inspiriert von Deinem Vater und seinem Ladenhelfer. Wie haben die beiden auf den Film reagiert?

Duc Ngo Ngoc

Duc Ngo Ngoc © Nguyen Tien Dat

Ich war sehr nervös bei der Premiere, als ich den Film zum ersten Mal meinem Vater gezeigt habe, da die Figuren ja auch sehr zugespitzt sind. Da der Film zwar autobiographisch inspiriert ist, aber nicht autobiographisch ist, reagierte er positiv. Die Figuren wurden sehr auf die Schauspieler angepasst. So ist Long in Wirklichkeit Professor für Gitarre. Tutty macht wirklich Fitness, und so haben wir uns ein gutes Stück von den Originalfiguren entfernt. Einige Settings haben wir aber übernommen. Zumal wir an zwei Wochenenden auch im Laden meiner Eltern gedreht haben. Mein Vater hat sehr amüsiert darauf reagiert, hat viel gelacht und meinte, er würde mich auch weiter bei meinen Filmprojekten unterstützen. Bei Ronny weiß ich nicht, ob er den Film schon gesehen hat. Er ist noch so ein altes Relikt aus Prenzlauer Berg. Ich habe ihn zwar immer eingeladen zu den Screenings, aber irgendwie war er dafür ein bisschen zu zurückhaltend. Er arbeitet auch nicht mehr im Laden. Ich hab ihm den Film auch nicht zugesendet, da ich ihn mit ihm zusammen sehen möchte. Vielleicht hat er ihn auch schon im Fernsehen gesehen.

Gibt es den Laden noch? In einem anderen Interview hieß es, es wäre schwierig ihn zu halten.

Wahrscheinlich nur noch bis März 2019. Sie haben auch schon die Kündigung bekommen. Der Laden wird renoviert werden und neu vermietet an jemanden, der mehr Miete zahlen kann.Es ist also tatsächlich im Film so, wie im Leben auch.

Das ist wirklich schade. Dein Alter Ego wird von Tutti Tran gespielt. Wie bist Du auf den YouTube-Star aufmerksam geworden oder gab es ein Casting? Hast Du überlegt die Rolle selbst zu spielen?

Standbild aus dem Kurzfilm "Obst & Gemüse"

„Obst & Gemüse“

Selbst zu spielen habe ich schon von vornherein irgendwie ausgeschlossen. Denn Regie und Spielen ist eine Doppelbelastung, die ich vorher nie gemacht habe und die ich mir auch nicht zutraue. Man will ja auch gerne während des Drehs auf den Bildschirm schauen und gucken, wie es war. Tutti habe ich im Netz gefunden. Er ist in der vietnamesischen Community durch ein Video, in dem er seinen Vater imitiert, recht bekannt. Ich fand ihn immer sehr witzig und habe viele Parallelen erkannt. Im Film war er einfach er selbst, einfach sehr witzig.

Hast du vor, noch eine Fortsetzung zu drehen oder eine Langfilmvariante daraus zu machen? Oder ist das Thema für Dich abgeschlossen?

Also abgeschlossen ist es nicht. Es würde mich schon sehr reizen, die Figuren nochmal aufzugreifen und eine Fortsetzung zu machen. Ich war ja lange Zeit in Vietnam und dachte mir: “Ach wie lustig wäre das denn, wenn Harry, Nguyen und Tutty da irgendwie nach Vietnam reisen und dort ihre Geschichte weitererzählt wird?”
Momentan bin ich gerade mit einem anderen, vorrangigen Stoff beschäftigt. Aber das ganze Team hat da schon irgendwie Lust drauf und das Publikum, für das der Film teilweise schnell vorbei war, hat Interesse an einer Fortsetzung.

“Obst & Gemüse” sollte ursprünglich eine Dokumentation werden. Nun hast du mit “Farewell Halong” deine erste Dokumentation in Spielfilmlänge verwirklicht. Ist das Dokumentarfilmemachen Deine Spezialisierung?

Ich studiere an der Filmuniversität Babelsberg “Regie für Dokumentarfilm”. Aber man hat an der Uni immer verschiedene Optionen sich zu bewerben. Der RBB [Anm. d. Red.: Der RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) hat die Dreharbeiten finanziert] hat speziell eine Spielfilmausschreibung herausgeben. Obwohl ich beides sehr gerne mache, ist mein Schwerpunkt Dokumentarfilm. Ich versuche immer meine Stoffe zuerst dokumentarisch zu verwirklichen und wenn das nicht geht, dann wähle ich eine andere Form, die dann meistens fiktiv ist. Bei “Obst & Gemüse” wollte ich eigentlich einen Dok-Film machen, aber der deutsche Mitarbeiter war sehr kamerascheu und dann hat er auch nicht mehr im Laden gearbeitet. Da legte ich das Projekt erstmal auf Eis. Es sind aber so witzige Momente, die mein Vater und der deutsche Mitarbeiter miteinander hatten, dass wir den Stoff einfach als fiktive Geschichte aufschrieben.

Kannst Du uns etwas mehr erzählen zur Entstehung von “Farewell Halong”? Wie kam es zu der Idee? Kanntest du die Familie vorher?

Standbild aus dem Dokumentarfilm "Farewell Halong"

„Farewell Halong“ © Pham Ngoc Lan

Ich bin 2012 zum ersten Mal für eine längere Zeit, circa dreieinhalb Monate, in Vietnam gewesen. In der Zeit haben mich ganz viele Freunde besucht und alle wollten immer nach Halong. Und Halong ist von Hanoi, der Hauptstadt, nicht so weit entfernt. So habe ich viele Kanutouren mitgemacht und war immer sehr fasziniert von den Häusern, die da so nebeneinander stehen und so aussahen wie ein Dorf. Die besaßen eine eigene Infrastruktur, mit eigener Schule und Bank. Alles, was es auf dem Festland auch gab, existierte dort. Dort begegnete mir eine Oma, die mir erzählte, dass sie irgendwie nur dreimal in ihrem Leben auf dem Festland war, immer dann wenn sie ins Krankenhaus musste. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass man ein ganzes Leben auf dem Wasser leben kann.
Dann habe ich mir die Nummer geben lassen von der Familie und hab sie sozusagen gecastet. Kurze Zeit später begann dann schon der Dreh. Ein paar Monate später erst habe ich erfahren, dass sie umgesiedelt werden.

Das war sozusagen zufällig.

Ja, das war tatsächlich zufällig.

Die Portraitierten haben auch schwere Schicksalsschläge erlebt. Wusstest du von diesen vorher oder hat sich das beim Dreh erst herausgestellt?

Standbild aus dem Dokumentarfilm "Farewell Halong"

„Farewell Halong“ © Clemens Beier

Nein, ich habe mit vielen Familien gesprochen, wodurch ich noch mal eine Auswahl hatte, mit wem ich drehen könnte. Ich wollte unbedingt eine Familie haben, die das Wasser als Fluch und gleichzeitig Segen erlebt hat. Ich hatte mit den beiden [Anm. d. Red.: Luu & Nguyen Van Cuong] gesprochen. Da gab es gleich so eine Nähe zu den beiden, wo ich gemerkt hatte, das könnte funktionieren, mit den beiden könnte ich eine längere Weile drehen. Fünf Jahre – drei Jahre Dreh und zwei Jahre Schnitt – hat es schlussendlich gedauert, bis der Film fertig wurde.

Wow, das ist eine lange Produktionszeit.

Wir hatten ja bereits 2012, 2013 angefangen zu drehen. Damals wollte ich eigentlich nur einen Kurzfilm über das Leben auf dem Wasser machen, als Abschlussfilm für meinen Bachelor in Weimar [Anm. d. Red.: Studiengang Mediengestaltung und Medienkunst an der Bauhaus-Universität Weimar], wo ich vorher studiert habe. Als dann aber die Förderung rein kam, konnte ich in größeren Schritten denken.

Die Aufnahmen wirken so, als ob du gar nicht da seist. Die meisten Menschen verhalten sich nicht so natürlich, wenn die Kamera auf sie gerichtet ist. Hast du mit ihnen vorher viel Zeit verbracht? Und wie hast du selbst während der Dreharbeiten gelebt? Hast Du vor Ort übernachtet und bist Du stets zum Festland zurückgekehrt?

Making Of des Dokumentarfilms "Farewell Halong"

Making Of des Dokumentarfilms „Farewell Halong“

Ich habe ziemlich viel Zeit auch ohne Kamera mit der Familie verbracht, schon während der Recherchebesuche. Und jedes Mal, wenn ich Equipment und mein Team dabei hatte, haben wir erst mal zusammen gegessen und getrunken. Vor allem getrunken. Diese Nähe erreicht man nur, wenn man wie ein Teil dazugehört. Und es ist irgendwie Kultur in Vietnam, dass man dazu mit den Gastgebern trinken muss. Das haben wir dann immer wieder getan, vor allem wenn jemand Neues in der Crew dabei war. Meist waren wir zu dritt, Regisseur, Tonmann und Kameramann. So bekommt man ein Gefühl für die Personen und kriegt eine gewisse Lockerheit rein. Dann kommt das einfach von selbst, dass man Vertrauen aufbaut und von sich viel erzählt. Man wird dann irgendwann ein Teil dieser Gemeinschaft und lebt mit ihnen zusammen. Wegen der recht langen Rückfahrt zum Festland von zwei Stunden und der Benzinkosten, habe ich immer am Stück mit der Familie zusammen dort gelebt. Die haben mir auf dem Boden so eine Matratze hingelegt und ich habe dort geschlafen. Es war wirklich so, dass ich ein Teil der Familie geworden bin und ich es jetzt tatsächlich immer noch bin. Wir haben immer noch engen Kontakt zueinander, haben uns getroffen und sie haben den Film gesehen. Sie haben emotional auf den Film und Sachen reagiert, die sie so gar nicht mehr so in Erinnerung hatten, weil das jetzt schon eine Weile her ist. Dieses Leben auf dem Wasser, das kennen sie zwar jetzt noch, weil sie ja auf ihrem Boot leben, aber nicht mehr in ihrem alten Haus, wo es noch diese tolle Stimmung gab im Dorf.

Wie leben sie jetzt? Die Familie verbringt jetzt ihr ganzes Leben auf dem Boot? Ist es denn ein großes Boot?

Das Boot, was am Ende des Films sieht, wo die drei auf dem Meer waren, ist jetzt der Ort, wo sie essen, kochen, schlafen und arbeiten. Sie haben zwar noch ihr Haus auf dem Festland, aber dort kommen sie nur zu wichtigen Ereignissen hin, wie dem Neujahrsfest oder dem monatlichen Anzünden von Räucherstäbchen für die Ahnen. Aber es ist sehr selten, dass sie dort noch leben. Ihr Leben spielt sich jetzt wieder auf dem Wasser ab.

Bewegt sich dieses Leben auf dem Wasser schon in der Illegalität?

Das bewegt sich nicht in der Illegalität, weil es ja nicht verboten ist auf dem Wasser zu arbeiten. Falls die Regierung kommt und fragt, sagen sie einfach: “Wir arbeiten hier nur. Wir haben einen festen Wohnsitz auf dem Festland.” Gegen Boote kann die Regierung im Gegensatz zu den Flößen nichts sagen. Dadurch hat sich das ganze Problem mit der Umweltverschmutzung in dieser Gegend eigentlich gar nicht reduziert, weil die Hälfte aller Bewohner wieder zurückgegangen ist aufs Wasser. Die ganze Generation in der Mitte, die arbeitsfähig ist, hat auf dem Festland keine Perspektive gefunden und ist deshalb zurück aufs Meer. Auf dem Festland leben die alten und jungen Menschen, die noch zur Schule gehen.

Du hast vorhin gesagt, du hast viel mit der Familie getrunken und gegessen. War die Ernährung ungewohnt?

Das Essen war super. Ich habe noch nie so guten Fisch gegessen, da er ja direkt frisch gefangen wurde. Ich habe die Angel sogar selbst mal in die Hand genommen. Das Einzige, was irgendwie schwierig war, war Duschen und die Sanitäranlagen. Man hat nur drei Liter gehabt, die in dem Tank waren, und damit hat man dann auch geduscht. Das war für mich eine krasse Umgewöhnung. Aber das Essen habe ich gut vertragen.

Wie war es denn überhaupt in Vietnam zu drehen?

Standbild aus dem Dokumentarfilm "Farewell Halong"

„Farewell Halong“ © Clemens Beier

Drehen in der Halong Bucht ist natürlich wunderschön. Die Bedingungen einen Film zu realisieren sind allerdings nicht so wie in Deutschland, da es eine Staatliche Überwachung gibt. Die künstlerische Freiheit muss sich dem anpassen. Subtiles erzählen und unterschiedliche Interpretationsformen schaffen, sind natürlich erlaubt. Der Film fordert die Meinungsbildung am Ende vom Zuschauer selbst.

Was denkst du, wird er freigegeben oder nicht?

Ich denke viele Sachen sind gar kein Problem, weil sie ja auch schon oft in den Nachrichten vorkamen. Das vietnamesische Kulturministerium muss über die Freigabe entscheiden. Ich bin aber optimistisch. Schließlich ist der Film ein wichtiges Zeitdokument für Vietnam, das die Lebenskultur auf dem Meer anhand einer Familiengeschichte aufzeigt.

Wie viel Budget hattet ihr zur Verfügung?

Wir hatten insgesamt, glaube ich, ca. 60.000 €. Der größte Teil mit Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung. Im Vergleich zu anderen Filmen ist das eine wirkliche Low-Budget-Produktion, die von der Hallenser Filmproduktion 42film GmbH erfolgreich gestemmt wurde.
Wir haben angefangen mit einer 550D [Anm. d. Red.: Canon EOS 550D] zu drehen und mit einem Aufnahmegerät H4n [Anm. d. Red.: Zoom H4n Pro]. Beide sind kompakte Kameras und Tonaufnahmesysteme, die sehr günstig sind. Als kleine Studenten haben wir damit angefangen und irgendwann sind wir auf die Canon 5D [Anm. d. Red.: Canon EOS 5D] umgestiegen und haben das dann weitergeführt, damit der Look gleich bleibt. Heutzutage würde ich keinen Dokumentarfilm mehr mit einer Spiegelreflexkamera drehen. Doch besseres Equipment konnten wir uns damals leider nicht leisten.

Das sieht man dem Film aber nicht an.

Das hat die Postproduktion dann gemacht. Wir haben dann noch Geld für die Postproduktion bekommen und da konnten wir noch sehr viel entrauschen und richtig graden. Das hat das Bild der Spiegelreflexkamera auf jeden Fall verbessert. Die Hälfte des Geldes ging so in die Postproduktion. Die Schnittphase war dann auch noch sehr anstrengend. Die hat zwei Jahre gedauert. Ich hatte auch noch einen Cutterwechsel. Anfangs hatte ich einen Vietnamesen [Anm. d. Red.: Tien Dat Nguyen] gehabt, der das geschnitten hat, da kamen wir aber nicht mehr weiter. Die Gudrun [Anm. d. Red.: Gudrun Steinbrück], die sehr erfahren war, hat sich dann an den Film gesetzt und den auf jeden Fall nochmal hochgepusht im Schnitt. Denn von 48 Drehtagen musste man sich dann über zwei Wochen lang Rohmaterial anschauen, wo man irgendwann gar nicht mehr weiß, welche Szenen man aneinanderreihen könnte, damit das eine Geschichte ergibt.

Du hast gesagt, du hast ein neues Projekt am Start. Erzählst Du uns etwas darüber?

Also dieses neue Projekt, mein Abschlussfilm an der HFF (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf), ist wieder eins, wo ich keinen Dokfilm realisieren konnte, sondern fiktiv arbeite. Er handelt von der Tatsache, dass es an der Nordgrenze von Vietnam zu China häufig zu Entführungen von Frauen und Mädchen kommt. Die Ein-Kind-Politik in China hat auch Auswirkungen auf die Nachbarländer. Es gibt über 35 Millionen Männer, die in der Überzahl sind und so kommt es zu Zwangsverheiratungen und ähnlichem. Das ist dann die Thematik meines nächsten Kurzfilms.

Man kann also gespannt sein. Duc, ich danke für das Gespräch.

Die Filmrezensionen samt Trailer zu den beiden Filmen gibt es ebenfalls auf der Testkammer:

“Obst & Gemüse”

“Farewell Halong”

Das Interview führte Doreen Matthei am 13.3.2018

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