Fünf Fragen an Elisabeth Kratzer

Interview: Im Interview erzählt uns die Regisseurin Elisabeth Kratzer wie ihr Film „hundert Jahre leben“ an der HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film München) realisiert wurde und unter welche Bedingungen. Zudem erzählt uns mehr zum Casting, zur visuellen Ausgestaltung und warum sie dem Dokumentarfilm treu bleiben wird.

Wie hast Du Idee für Deinen Dokumentar-Kurzfilm „hundert Jahre leben” entwickelt? Ist er im Rahmen deines Studiums entstanden?

Im Februar 2017 feierte meine Oma ihren 80. Geburtstag und meine kleine Schwester wurde bald darauf 14 Jahre alt. Ich fand es spannend, wie beide mit ihrem Älterwerden umgingen, welche Gedanken sie sich zu ihrem neuen Lebensalter machten und vor allem wie und mit wem sie ihren Geburtstag verbringen wollten.

hundert Jahre leben“ ist mein erster Film, den ich an der Hochschule für Fernsehen und Film in München gemacht habe. Der sogenannte Film 01 unterliegt bestimmten Vorgaben, die zur Konzentration aufs Wesentliche, Reduktion und auf Themen fokussieren dienen sollen:

  1. der fertige Dokumentarfilm darf nicht länger als 10 Minuten sein
  2. Ausspielung in Schwarz/Weiß
  3. jeder Student hat nur drei Drehtage im Februar/März zur Verfügung
  4. 400 Euro Budget
  5. der Drehraum ist auf den S-Bahnbereich München beschränkt
  6. Nur ca. 30 Minuten Rohmaterial dürfen in den Schnitt eingespielt werden

Welche Schwerpunkte hast Du auf der narrativen Ebene gesetzt? Wünschst Du Dir, dass das Publikum mit einem bestimmten Gefühl aus dem Film herausgeht?

Besonders interessierten mich die runden Geburtstage, die nochmal etwas ‘Besonderes’ zu sein scheinen. Die Idee von 100 rückwärts auf 0 zu zählen, war mir bereits bei der ersten Konzeptausarbeitung klar. Mit dem neugeborenen Lukas zu enden, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, erschien mir als ein optimistisches Filmende. Wir sollten nicht leben um dann irgendwann zu sterben, sondern wir sollten leben, um zu leben!

Ich stelle mir den Casting-Prozess recht schwierig vor. Kannst Du mir mehr davon erzählen und wie Du Deine Geburtstagskinder gefunden hast?

Ich kannte niemanden meiner Protagonisten. Viele Geburtstagskinder fand ich über Aushänge im öffentlichen Raum, mit einem Aufruf „Geburtstagskinder gesucht“ und Abreißzettel – Sie fanden also mich.

Einen der Drehtage habe ich mir komplett für den kleinen Lukas aufgehoben – Zum Glück! Denn Lukas kam drei Tage „zu spät“, also drei Tage nach errechneten Geburtstermin zur Welt. Das war etwas schwierig zu disponieren, hat aber trotzdem alles gut funktioniert und das Warten hat sich definitiv gelohnt.

Hans Müller ist am 17. März 2018 im Alter von 100 Jahren verstorben. Im Jahre 1917 geboren, war er ein Mensch, der mich auch nach dem Dreh noch lange beschäftigt hat und ich bin froh, ihn kennengelernt zu haben. Als mir seine 75-jährige Tochter mitteilte, dass ihr Vater verstorben sei, meinte sie: „Das Leben findet seinen Anfang und sein Ende, wie Ihr Film schön zeigt, ist es wichtig die Zeit dazwischen mit den Menschen zu genießen, die einem im Herzen nahe sind.“

Kannst Du mir etwas mehr zum visuellen Konzept erzählen?

Visuell erzählt sich der Film in drei Szenen, die sich fünfmal wiederholen. Bei jedem Geburtstag sieht der Zuschauer zuerst eine brennende Zahlenkerze, dann eine Nahaufnahme des Protagonisten und eine kurze beobachtende Alltagsszene. Die Geburtstagskerzen auf einem Kuchen verraten sofort, um was es geht. Jeder der die Kerzen sieht, hat sofort Bilder im Kopf. Vielleicht die von dem eigenen Geburtstag oder von dem, der noch kommt oder schon war. Als Zuschauer sortiert man sich automatisch in den Film ein, hört was die Protagonisten sagen und kommt zum Nachdenken über den eigenen Lebensabschnitt. Auf metaphorischer Ebene sollen die Kerzen das Licht des Lebens wiederspiegeln. Bei dem kleinen Lukas wird die Flamme entzündet, bei dem 100-jährigen Hans ist das Abbrennen der Kerzen schon weiter fortgeschritten. Die Portraitaufnahmen der Jubilare geben Zeit, das Alter aus den Gesichtern zu lesen und die Alltagsszenen geben einen kurzen Einblick in das Agieren der Menschen an ihrem Geburtstag: Julia fährt nach Hause, Momo möchte lieber allein sein und Jakob schmeißt eine große Feier. Insgesamt war es sehr spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Gedanken sind, wenn man ein bestimmtes Lebensalter erreicht und welche Gemeinsamkeiten sich dennoch finden. So spielen bei allen Geburtstagskindern die Familie und die Freunde eine große und wichtige Rolle.

Wie wird es weitergehen? Du bleibst bestimmt dem Dokumentarfilm treu. Stehen schon weitere Projekte in Aussicht?

Elisabeth Kratzer (Mitte) auf dem 19. Landshuter Kurzfilmfestival

Aktuell befinde ich mich in der Fertigstellung meines zweiten Hochschulfilms. Dabei handelt es sich um ein dokumentarisches Filmportrait über eine Parkinson-Patientin, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Meerenge zwischen Sizilien nach Italien zu durchschwimmen. Der Film feiert im Oktober 2018 Premiere und ich kann definitiv sagen, dass ich auch weiterhin dem Dokumentarfilm treu bleiben werde. Das Schöne am Dokumentarfilm ist, dass man sich immer neu entdecken kann. Auch die nächsten zwei Jahre an der Filmhochschule in München werden bestimmt nicht langweilig und ich freue mich auf alle Projekte die kommen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Die Rezension des Kurzfilms „hundert Jahre leben“ gibt es ebenfalls auf der Testkammer

 

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