Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls

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©Hanser Literaturverlage

Kinderbuchkritik: „100 außergewöhnliche Frauen“ lautet der Untertitel, der dann doch noch darauf hinweist, dass es sich um die deutsche Übersetzung handelt. Auf den ersten Blick sieht man den aber nicht, was nicht nur bei mir für Verwirrung sorgt. „Aber Tante Katrin, das kann ich doch nicht lesen, das ist auf Englisch!“, wehrte meine neunjährige Nichte ab. Einen Lockversuch unternahm ich noch.

 

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Elena Favilli © Karsten Lemm

Die Idee der beiden Autorinnen Francesca Cavallo und Elena Favilli ist ambitioniert. All den Erzählungen über große Männer wollen sie eine Sammlung von Frauen gegenüberstellen, die Erstaunliches oder Wegweisendes geleistet haben. Aus allen Epochen, von allen Kontinenten trugen sie 100 herausragende Persönlichkeiten zusammen. Jede bekommt im Buch eine Doppelseite. Davon ist eine Seite Text, auf der anderen Seite befindet sich das von einer Künstlerin angefertigte Porträt der besprochenen Dame. Das ist zwar ein nettes Konzept, offenbart aber da einen Schwachpunkt, wo es um Künstlerinnen geht. Von denen hätte man schließlich gern ein eigenes Werk gesehen. Doch die größte Achillesferse des Buches ist die andere Seite, die mit den Texten.

 

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Francesca Cavallo © Karsten Lemm

Sonderlich spannend sind die Einträge nämlich leider nicht. Da geht es um Politikerinnen und Piratinnen, um Forscherinnen und Künstlerinnen, doch all das ist zu lexikonartig einerseits. Andererseits ermüdet beim Am-Stück-Lesen (gut, so war es auch nicht gedacht) die nur leicht variierte Einleitung „Es war einmal ein Mädchen, das…“. Wo die Autoren mit leichter Märchensprache anfangen, ist schnell die Rede von Politik oder gar Biodiversität – oft ohne gute Erläuterung, was das sein soll. Das ist auf einer Seite, die durch große Überschrift, ein Zitat der porträtierten Frau und deren Lebensdaten nicht sehr viel Platz bietet, auch kaum anders zu machen. Die Altersempfehlung liegt auch deshalb bei 12 bis 15 Jahren, auch weil das Wissen um Themenkomplexe wie Holocaust oder Apartheid vorausgesetzt wird. Lesern in dem Alter dürften die Einleitungen dann aber schon zu kindisch sein.

Die Ideale der beiden Autorinnen waren bei ihrem Projekt hoch gesteckt, das vermittelt schon die Einleitung. „Good Night Stories for Rebel Girls“ ist eines der erfolgreichsten Crowdfundingkprojekte (ebenso wie das Kartenspiel „Exploding Kittens“). Marketingmäßig haben die beiden Autorinnen eines auf dem Kasten. Doch das Schreiben, gerade für Kinder, fordert mehr, als ihre Talente hergeben. Vor allem fehlt die Fühlung für die Zielgruppe, was schon Spiegel-Rezensentin Yalda Franzen bemerkt. Noch ein Schwachpunkt ist bei allem Bemühen um Internationalität, dass der Fokus stark auf der westlichen Welt liegt: Wenn man bedenkt, dass die Crowdfundingkampagne ihren Erfolg einem Video verdankt, in dem ein Mädchen einem Biblkiothekar sagt „I want to go to Mars“, ist unklar, warum zum Teufel die erste Astronautin im All, Walentina Tereschkowa, fehlt. Möglich, dass solche Lücken im zweiten Band geschlossen werden, aber mir hat der erste schon gereicht.

Ich las meiner Nichte einen Eintrag über eine Piratin vor. Hübsch illustriert, und hey, eine echte Piratin von anno dazumal, das ist doch super! Meine Nichte fand das nicht so toll, und ich heiterte sie auf mit „Der Wind in den Weiden“ (wunderschön in der Version vom Kein & Aber Verlag). Sämtliche Protagonisten sind männlich, aber Fantasie, Spannung  und schöne Sprache sind manchmal alles, was Leserinnen brauchen.

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Nett anzusehen und empowernd, wenn nicht ermüdend. © Hanser Literaturverlage

Fazit: „Good Night Stories for Rebel Girls“ legt einen Grundstein in Sachen literarischer Frauenporträts für Kinder. Die Optik ist ansprechend, an der übersichtlichen Gliederung der Doppelseiten kann sich manches Medium ein Beispiel nehmen. Die Geschichten laden dazu ein, mehr über die Frauen zu erfahren – jedenfalls den erwachsenen Leser. Für Kinder fehlt die spannende Geschichte, gibt es niemanden zum Mitfiebern. Ich erinnere mich an das Buch “Entdecker und Eroberer“ aus meiner Kindheit. So etwas mit Frauen, das wäre toll.

Bewertung: 3/5

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen:

Good Night Stories for Rebel Girls, Bd. 1, übersetzt von Birgitt Kollmann, Hanser

Yalda Franzen: Gute Nacht, Genderklischees!, Spiegel Online

Fotos von Hanser Literaturverlage, Seite zu „Good Night Stories for Rebel Girls“

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