Fünf Fragen an Anne Thorens

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin und Schauspielerin Anne Thorens erfuhren wir mehr über ihren ersten Kurzfilm „Diagonale“, gesehen auf den 30. Bamberger Kurzfilmtagen, was dahinter steckt und wie Schauspieler und Zuschauer mit dem Thema umgehen. 

The original English language interview is also available.

Erzähl mir bitte mehr zu der Entstehung deines Kurzfilms „Diagonale“. Die Geschichte wirkt schockierend echt.

Diagonale“ ist eine Erzählung. Aber ich habe diese Art von Erfahrungen persönlich erlebt, wie jede Frau, mit der ich darüber sprach, wo ich einen starken Druck von meinem Partner stand und den Eindruck hatte, dass der andere immer wieder nicht auf das hört, was ich sage. Selbst Monate danach geschah es, als mein Partner sich völlig überrascht darüber fühlte, wie ich mich in einer solchen Nacht fühlte, und erinnerte sich nicht an meine Ablehnung, selbst wenn diese unerbittlich war. Am schlimmsten war, dass mir gesagt wurde, es sei meine Schuld, weil ich es lauter hätte sagen sollen, oder noch einmal, oder ich hätte weinen oder mich wehren sollen, aber nicht, dass es vielleicht auch seine Nichtbeachtung über meine verbale und sehr klare Ablehnung war. 

Kannst Du mir mehr zu den Dreharbeiten erzählen u.a. wie lange hattet ihr Zeit den Film umzusetzen? Wie hast Du deine beiden Hauptdarsteller gefunden? Wie war es für die beiden so etwas Intimes und Intensives zu spielen?

Ich habe diesen Film in einer Nacht gedreht. Ich habe vor diesem Abend mit meinen beiden Schauspielern viel Arbeit geleistet, um sicher zu sein, dass für sie alles in Ordnung sein wird. Sie kannten sich nicht, ich habe sie über eine Schauspieler-Website gecastet, die wir in der Schweiz haben. Ich traf sie getrennt, um mit ihnen über das Projekt zu sprechen, und dann zusammen, um sicher zu sein, dass sie zusammen gut aussehen werden und um sicher zu sein, dass es für beide in Ordnung wäre, zusammen zu arbeiten. Wir haben zusammen etwas gelesen und einen langen Tag am Set geprobt. Ich habe ihnen genau die Bewegung gezeigt, die ich von ihnen für die einzelnen Aufnahmen erwarte, und dann habe ich ihnen etwas Raum gelassen, um selbst zu definieren, was sie tun dürfen. Als sie bereit waren, arbeiteten wir alle zusammen, um es abzustimmen. Sie arbeiteten mit einer doppelten Schicht Unterwäsche, damit sie sich auf die Arbeit konzentrieren konnten und nicht auf die Nacktheit. 

Das war für alle einfacher, denn sie wussten bereits genau, was sie tun mussten, und sie kannten sich gegenseitig. Jedenfalls wollte ich immer noch einige Frauen in meiner Crew haben, damit meine Schauspielerin nicht eine der einzigen Frauen im Raum ist. Eine Frau aus meinem Team brachte den Schauspielern die Kleidung direkt nach jeder Aufnahme zurück. Es war ein sehr herausfordernder Abend für meine beiden Schauspieler, und ich war sehr besorgt über ihre Gefühle. 

Es war sehr herausfordernd, weil der Film in einer einzigen Einstellung gedreht wird und das Spiel der Schauspieler sehr fein und präzise sein muss. Die Intention, die Botschaft und die Interpretation des Films können völlig unterschiedlich sein, mit einer sehr kleinen Variation des Tons oder der Ausdrücke der Schauspieler. 

Leonor Oberson und Cyprien Colombo

Wir haben 15 Aufnahmen gemacht. Ich wählte die Zwölfte, aber die meisten Leute, mit denen ich gearbeitet habe, rieten mir, den letzten zu wählen, weil der Schauspieler da gewalttätiger war und die Botschaft „klarer und kraftvoller“ war. Aber ich war nicht daran interessiert, eine Vergewaltigung zu drehen. Ich wollte an diesem „Zwischending“ arbeiten, an diesem Ort, an dem wir alle sein könnten, ohne zu wissen, was wir tun und wie wir reagieren sollten. Ich wollte über Beziehungen sprechen und darüber, wie schnell wir die Grenze zwischen Zustimmung und Nichtzustimmung überschreiten können, ohne es wirklich zu bemerken.

Du thematisiert etwas, was scheinbar nicht oft ausgesprochen, aber vielen Frauen schon zugestoßen ist. Mich würde die Reaktionen interessieren. Wie nimmt das Publikum die Geschichte auf?  

Es ist sehr interessant, dass es nach jeder Vorführung sehr starke Reaktionen gibt. Die meisten Frauen danken mir, haben aber nicht viel dazu zu sagen. Auf der anderen Seite habe ich viele Fragen von Männern, die mich über meine Absicht oder meine eigenen Erfahrungen befragen. Manchmal habe ich auch einige wütende Reaktionen auf diesen Film bekommen. Es interessiert mich sehr, dass einige Männer mir sagen, dass dieser Film ihren Standpunkt über ihre Wahrnehmung ihres eigenen Verhaltens geändert hat, manchmal gestehen sie mir, dass sie es vielleicht getan haben, ohne es überhaupt bemerkt zu haben. Es kommt auch oft vor, dass mir einige von ihnen über sehr persönliche Erfahrungen ihres Sexuallebens erzählen, ich frage mich manchmal, ob sie eine Art Urteil von mir erwarten, was ich mir natürlich nicht erlauben würde. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen. Du hast als Schauspielerin angefangen?

Leonor Oberson und Cyprien Colombo

Ich habe als Schauspielerin in der Schweiz angefangen. „Diagonale“ ist mein erster Film. Ich begann meine Karriere in jungen Jahren bei einer Musical-Komödienfirma. Ich bildete mich in verschiedenen Bereichen wie Gesang, Tanz und vor allem Theater aus. Als junger Erwachsener begann ich, in vielen Kurzfilmen vor der Kamera zu stehen. Vor einigen Jahren begann ich, meine eigenen Filme zu schreiben, weil ich über die meisten, der mir angebotenen Frauenrollen etwas frustriert war. Einige meiner Texte wurden ausgewählt und ein Freund in der kleinen Produktionsfirma in Lausanne gab mir die Möglichkeit, meinen ersten Film zu machen. „Diagonale“ gewann gerade seinen ersten Preis beim Indie-Lincs Film Festival in Lincoln für den anspruchsvollsten Film (der Film, der das Publikum zum Denken herausfordert). 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich drehe im März meinen nächsten Film. Es ist auch ein sehr kurzer Film. Dieses Mal wird es um die trivialisierte Gewalt gehen, die wir um uns herum finden können, mit einem Kind, das allein gelassen wird und mit seiner Spielzeugpistole spielt. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Diagonale


Interview: In our interview with filmmaker and actress Anne Thorens, we learned more about her first short film „Diagonal„, seen at the 30th Bamberg Short Film Festival, what lies behind it and how actors and viewers deal with the subject. 

Please tell me more about the origins of your short film „Diagonal„. The story seems strikingly authentic.

Diagonal“ is fiction. However, I did personally live through these kinds of experiences, as every woman I talked about it did, where I felt a strong pressure from my partner and this impression that the other doesn’t listen to what I said again and again. Even months after, it happened, my partner felt completely surprised about how I felt during this kind of night and does not even remember my refusal, even when this one was adamant. Worst than everything, I was told that it was my fault because I should have said it louder, or again, or I should I’ve cried or fought back but not that it was maybe also his non-consideration about my verbal, and very clear, refusal. 

Can you tell me more about the filming and how much time did you have to make the film? How did you find your two leading actors? How was it for them to play something so intimate and intense?

I shot this movie during one night. I did a lot of work before this night with my two actors to be sure than everything will be fine for them. They didn’t know each other, I cast them through an actor website we have in Switzerland. I met them separately to talk with them about the project and then together, to be sure that they’re gonna look good together and to be sure that it would be ok for both of them to work together. We did some reading together and a long day of practicing on the set. I showed them the exact movement I expected from them for the single take and then I gave them some space to define themselves what they were ok to do. When they were ready, we worked all together to adjust it. They worked with double layers of underwear so they could focus on the work and not the nudity. 

It was easier for all for the real shoot because they already perfectly knew what to do and they did know each other. Anyway, I still wanted to have some women in my crew so my actress would not be one of the only women in the room. One of the women in my team brought back the clothes to the actors directly after every take. It was a very challenging night for both of my actors and I was very worried about their feelings. 

It was very challenging to do because the film is a single take and the play of the actors has to be very fine and precise. The intention,  the message and the interpretation of the film can be completely different from a very small variation of the tone or expressions of the actors. 

We filmed 15 takes. I chose the 12th but most of the people I worked with advised me to pick the last one because the actor was more violent and the message was „more clear and powerful“. But I was not interested in shooting a rape. I wanted to work in this „in between“, this place where we could all be without knowing what to do and how to react. I wanted to talk about relationships and how fast we can cross the border between consent and no consent without even really noticing it.

You are dealing with something that doesn’t seem to be said very often but has happened to many women. I would be interested in the reactions. How does the audience react to the story?  

It is very interesting to note that I have very strong reactions after every screening. Most of the women thank me but do not have a lot to ask about it. On the other hand, I’ve got a lot of questions coming from men, asking me about my intention or my own experience. Sometimes, I also got some angry reactions about that film. Some men tell me that this movie changed their point of view about their perception of their own behavior, sometimes they confess to me that they may have done it without even noticing it. It also happens a lot that some of them tell me about very personal experiences of their sexual life, I sometimes wonder if they’re expecting a sort of judgment coming from me, what, of course, I would not allow myself to do. 

Can you tell me a little more about yourself in the end? You started as an actress?

I did start as an actress in Switzerland. „Diagonal“ is my first movie. I began my career at an early age with a musical comedy company. I trained myself in different fields such as singing, dance and especially theater. As a young adult, I started to play in front of camera in many short movies. I started to write my own movies a few years ago because I was a bit frustrated about most of the female parts I was offered to play. I had some selections for my writings and a friend of mine in the small box production company in Lausanne gave me the opportunity to do my first film. „Diagonal“ just won its first price in Indie-Lincs Film Festival in Lincoln for the most challenging film (the film that challenges the audience to think). 

Are there already new projects planned?

Yes, I am shooting my next film in march. It’s also a very short film. This time I m gonna work about the trivialized violence we can find around us, with a child left alone and playing with his toy gun. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Diagonal„“ 

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