Zehn Fragen an Therese Koppe

© Valerie Anex

Interview: Im Gespräch mit der deutschen Regisseurin Therese Koppe konnten wir mehr über ihren Dokumentarfilm „Im Stillen Laut“ erfahren, der als einer der am besten besuchten Filme auf dem 62. DOK Leipzig seine Premiere feierte, über dessen Entstehung und warum sie sich entschied die Künstlerin Erika Stürmer-Alex und ihrer Lebensgefährtin auf so wunderbar entspannte Weise zu portraitieren.  

Im Stillen Laut“ ist Ihr Abschlussfilm an der Filmhochschule Babelsberg – wie haben Sie Ihr Thema und speziell Erika und Tine gefunden? Kannten Sie Erika als Künstlerin schon vorher?

Ich habe ursprünglich für einen essayistischen Dokumentarfilm recherchiert, der ein Mehrgenerationen-Porträt von ostsozialisierten Künstlerinnen werden sollte. Während meiner Recherche habe ich unterschiedliche Künstlerinnen getroffen. In der Recherche bin ich auf Erika gestoßen und habe sie am Tag des offenen Ateliers („Kunstloose Tage“) auf ihrem Hof in Lietzen besucht. Wir haben gesprochen und ich habe Tine kennengelernt. Wir haben uns für ein weiteres Gespräch getroffen und seitdem bin ich bei den beiden geblieben. 

Nachdem feststand, dass der Film von dem Paar handelt, hatten sie einen roten Faden im Kopf? Ging es dabei vor allem die Beschäftigung mit der Vergangenheit?

Mich hat vor allem ein differenzierter Blick auf das Kunstschaffen in der DDR interessiert und das aus einer dezidiert weiblichen Perspektive. An Erikas und Tine Biographie hat mich die Unaufgeregtheit besonders fasziniert. Die Selbstverständlichkeit mit der sie eine kreative Gemeinschaft, einen künstlerischen und politischen Freiraum in Lietzen mit unterschiedlichen Künstler*innen und Freund*innen in den 1980er Jahren aufgebaut haben. Ein politischer Raum, den sie aber nie an die große Glocke gehangen haben. Sie haben ihre Beziehung, ihre Freundschaften und das freie Kreative gelebt und für sich und andere umgesetzt.

Können Sie mehr über den Dreh erzählen? Haben Sie auf dem Hof gelebt?

Ich habe für den Film sehr viel Zeit in Lietzen verbracht. In der Recherchephase habe ich für Erika Teile ihres Katalogs fotografiert und für Kunstwerke für das Werkverzeichnis digitalisiert. Darüber ist eine Vertrautheit und Nähe entstanden die besonders ist. Ich war sicher über einen Zeitraum von ein, bis zwei Jahren regelmäßig in Lietzen und bin es auch heute noch.

Beim Dreh selber haben wir in Drehblöcken gearbeitet und in diesen bei Erika und Tine in Lietzen gewohnt. Die Drehblöcke waren zwischen drei bis zehn Tagen lang.

Wie viel Material ist über welchen Zeitraum entstanden? War der Schnitt schwierig?

Es sind ungefähr 90 Stunden Material in einem Zeitraum von 1 1/2 Jahren entstanden. Die Montage mit meiner Editorin Evelyn Rack war ein toller Prozess. Wir haben das Material sehr effizient gesichtet, hatten einen sehr ähnlichen Blick und Ansatz, so dass wir in einem sehr entspannten und kreativen Prozess den Film gemeinsam entwickelt haben. In dem Sinne war die Montage eine großartige Erfahrung, den Film in einer Art kreativen Ping-Pong-Verfahren gemeinsam entstehen zu sehen.

Besonders war die Szene im Dresdner Museum. Wie war es vor Ort zu drehen?

Bei Großveranstaltungen zu drehen ist immer eine Herausforderung. Erika stand als Künstlerin im Fokus der Aufmerksamkeit bei der Eröffnung und wir haben versucht, ihr so gut wie möglich zu folgen. Viele der Szenen sind bei einem weiteren Besuch am Tag nach der Eröffnung entstanden.

Was lag Ihnen auf visueller Ebene am Herzen?

Mir war es wichtig die Ruhe des Ortes, seine Eingebettetheit in die Natur und mit ihm, den Rhythmus den Erika und Tine an diesem besonderen Ort haben, einzufangen. Wir haben einiges Material gedreht, das Tine in Berlin zeigt, mehr Ausstellungseröffnungen, Kinobesuche der Beiden etc. Im Schnitt wurde uns klar, dass der Hof als Zentrum des Geschehens bis auf ein paar wenige besondere Anlässe außerhalb dieses Eilands absolut ausreicht. Der Hof als Geschichtsträger, seine Vergangenheit und Erinnerungen bis hin zu seiner Realität, die er bis ins Heute trägt, funktioniert unserer Meinung nach kammerspielartig als visuelles Zentrum. 

Wie haben die beiden auf ihren Film reagiert, im Vorfeld und dann nach der Premiere?  

Tine und Erika waren von Anfang an sehr offen. Wir haben während des Drehs immer wieder sehr viel über den filmischen Prozess und die Dramaturgie gesprochen. Tine war nach einer ersten Schnittsichtung sehr angetan. Erika war am Anfang verhalten – sich selber zu sehen, den eigenen alternden Körper war eine große Herausforderung. Mittlerweile, und vor allem nach unserer Teampremiere in Berlin (mit fertiger Mischung und Farbkorrektur) ist sie sehr angetan von dem Film. Sie meinte nach der Premiere beim DOK Leipzig zu mir, dass ihr der Film bei jedem neuen Schauen immer besser gefalle und sie begeistert sind.

Trotz diverser ernster Themen ist der Film vor allem leichtfüßig und unterhaltsam. Kam der Humor direkt von Ihren beiden Protagonisten?

Tine und Erika tragen den Film – ihre starken, positiven und humorvollen Persönlichkeiten sind für mich als Dokumentarfilm-Regisseurin ein absolutes Geschenk. Mir war es aber von Anfang an wichtig, mit einer gewissen Leichtigkeit und einer guten Portion Humor an das Thema heranzugehen. Auch wenn der Geschichte und den Biografien natürlich auch eine Schwere anhaftet. Ich habe mit Evelyn Rack bewusst gegen ein Opfernarrativ gearbeitet. Das sind die beiden auch von ihrer Perspektive auf das Leben absolut nicht.

Können Sie mir zum Schluss noch etwas mehr über sich erzählen? War von Anfang an klar, dass Sie Dokumentarfilmerin werden wollen?

Ich habe sehr früh angefangen zu Fotografieren und mich für die klassische dokumentarische Fotografie der Leipziger Schule begeistert, geprägt von Sibylle Bergemann und Arno Fischer. Ich hatte noch das Glück beide kennenzulernen und mit ihnen über Fotografie und meine Arbeiten sprechen zu können. Mit der großen Frage Anfang 20 – Wie weiter? – habe ich mich für ein Studium der Soziologie und Filmwissenschaft entschieden. Bereits während des Studiums wurde mir klar, dass ich künstlerisch arbeiten möchte und habe parallel zum Studium angefangen zu fotografieren und kurze Filme zu machen. Es hat dann noch bis 2012 gedauert, bis ich über ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung in London einen einjährigen Master in Documentary Practice absolvierte und meinen ersten Kurz-Dokumentarfilm drehte. Von dort an war für mich klar, dass ich als Regisseurin arbeiten möchte. Von 2015 bis 2019 studierte ich dann im Master Dokumentarfilm-Regie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

Welche zukünftige Projekte kann man erwarten? Werden Sie sich weiter mit der DDR-Vergangenheit beschäftigen?

Therese Koppe beim DOK Leipzig 2019

Ich arbeite momentan an einem Projekt, das sich mit der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia beschäftigt. „Haunting Heimat“ soll als Koproduktion mit Namibia entstehen und ist ein Portrait einer etablierten Windhoeker Rechtsanwältin und ihrem Kampf um Staatsangehörigkeit in Deutschland. Ihre Familiengeschichte ist eng mit der deutsch-namibischen Kolonialgeschichte verbunden und für uns ist es zentral, die bis heute anhaltenden rassistische und segregierende Gesetzgebung, aufzuzeigen. Für das Projekt haben wir 2019 die Grenzgänger-Rechercheförderung des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert-Bosch-Stiftung erhalten.  

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Im Stillen Laut

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