Sechs Fragen an Gabriela Gažová

Interview: Im Gespräch mit der slowakischen Filmemacherin Gabriela Gažová konnten wir mehr über ihren wunderbaren Coming-of-Age-Kurzfilm „“M”“, gesehen im ‚Jugendblock‘ des 32. Filmfest Dresden, erfahren, wie das eigene Leben die Geschichte mit bestimmt hat, was ihr visuell und schauspielerisch wichtig war und ob es mit den beiden sympathischen Hauptheldinnen weitere Geschichten geben wird.   

The original english language interview is also available.

Wie entstand die Idee zu Deinem Kurzfilm „M“? Spielen eigene Erinnerungen oder Erfahrungen eine Rolle?

Viele Charaktere und Situationen im Film sind in der Tat durch (mein) reales Leben inspiriert. Die meisten Dialoge und Szenen fanden (in der einen oder anderen Version) zwischen mir und meinen Freunden statt. Ich war diejenige, die im hinteren Teil des Klassenzimmers weinte und sich weigerte (jemals!) ihre Periode zu bekommen – ganz zu schweigen davon Begeisterung gegenüber der über-aufgedrehten Verkäuferin von Menstruations-Produkten zu zeigen! In meinen Teenager-Jahren war immer eine gewisse Rebellion zu spüren, und ich wollte darüber nachdenken und sie nutzen, um ein wenig von der Ungleichheit der Geschlechter in unseren Erfahrungen zu zeigen.

Sisa Mokošová

Die erste Szene, die ich geschrieben habe, war eigentlich die, in der Johnny und Romi ihrem Sportlehrer einen Streich spielen, indem sie eine blutige Szene am Pool vortäuschen. Das ist im wirklichen Leben nie wirklich passiert, aber es war wohl immer mein Traum gewesen!

Deine beiden Hauptfiguren strahlen so viel ungestüme Leichtigkeit aus. Was war Dir bei der Entwicklung dieser beiden Figuren besonders wichtig?

Vielen Dank! Ich denke, Humor ist besonders wichtig, wenn man an ernsten Themen arbeitet, nicht wahr? Ich nutze gerne die Leichtigkeit und den situativen Humor, um die Botschaft zu vermitteln – und es ist auch ein perfekter Weg, um mit verschiedenen (Geschlechts-)Stereotypen und Archetypen zu brechen. Wenn es um die Figur des Johnny geht, wollte ich eine leidenschaftliche und entschlossene Hauptrolle haben, die immer dazu getrieben wird, zu protestieren und etwas zu verändern – auch wenn man sich nicht ganz sicher ist, was nicht stimmt. Ich habe versucht, darauf zu achten, sie nicht zu wütend oder verwöhnt zu machen – nicht, dass wütend oder verwöhnt zu sein keine berechtigte Sache wäre – aber es ist wichtig, dies mit verschiedenen Nuancen auszugleichen. In Johnnys Fall wurden sie durch ein bisschen Weichheit und Ruhe repräsentiert – hier und da. Die Figur der Romi wurde anfänglich als die schrullige Freundin entworfen, aber wir haben ihr später ein wenig Realität hinzugefügt, sie in die Band geschrieben, versucht, sie offen und unkonventionell, aber sehr bodenständig zu halten – wenn nötig.

Wunderbar ist auch die Besetzung der beiden. Wie hast Du Sisa Mokošová und Julianna Ťahúňová gefunden?

Nochmals vielen Dank – und der Dank geht auch an unsere Schauspielerinnen! Sisa und Julianna nahmen beide an unseren Castings teil – interessanterweise hatten sie nie ihre Casting-Szenen zusammen. Aber nachdem wir sie ausgewählt hatten und sie sich zum ersten Mal trafen (wir hatten eine richtige Teenager-Übernachtung!), wussten wir, dass wir ein Match hatten.

Julianna Ťahúňová und Sisa Mokošová

Ich erinnere mich genau, als ich Sisa zum ersten Mal sah – sie war wirklich ein Naturtalent. Sie war absolut mühelos in der Improvisation, ihr gingen nie die Ideen aus, was sie mit der Szene anfangen sollte.

Ich werde nie vergessen, wie unsere Maskenbildnerin während der Dreharbeiten zu der Szene im Proberaum ihre Halloween-Masken anfertigte, und sie nahm einfach an, dass Sisa und Julianna seit langem beste Freundinnen und Bandkolleginnen waren. Und sie hatten sich erst vor zwei Tagen kennen gelernt, und beide hatten an einem Tag (!) die Instrumente spielen gelernt. Vierzehnjährige Mädchen sind wahnsinnig schnell und geschickt.

Was lag Dir visuell am Herzen? Dein Film besitzt von den Aufnahmen her auf der einen Seite durchkomponierte Bilder, aber auch fast dokumentarische Alltagsschilderungen.

Danke, dass du das bemerkt hast. Für das Bildmaterial habe ich unserer erstaunlichen DOP Liza Nedayvoda zu danken, die ein unersetzbarer Teil der Operation war! Wir wollten beide mit großen Details spielen und versuchten, uns der Wahrnehmung und Perspektive der jungen Mädchen so weit wie möglich anzunähern. Als ich Liza Nedayvoda zum ersten Mal traf, war sie erst 17 Jahre alt, ein wahres Wunderkind der Filmschule in diesem jungen Alter. Und sie sagte: „Toll, dass wir einen Film über Teenager machen, und es ist auch toll, dass ich so klein bin! Ich werde perfekt zwischen sie passen!“ Und sie tat es. Auch die Farbschemata waren bei unserer Erzählung besonders wichtig – man merkt, wie sich Fragmente und Requisiten von Blau in Rot und viele andere Details verwandeln.

Hast Du Deinen Film vor allem für ein junges Publikum konzipiert? Lag Dir eine Botschaft oder ein Statement am Herzen?

Ich liebe das junge Publikum. Dies ist mein erster Film, und er hat mir wirklich geholfen, zu erkennen, dass die Arbeit mit (und für) Jugendliche und junge Erwachsene meine Berufung sein könnte! Ich halte Teenager für erstaunlich präsent, klug, ehrlich und einfühlsam zugleich – und ich liebe es auch, dass sie so viel Spaß haben! Mir macht es Spaß, Dinge zu machen, die leicht und spielerisch sein dürfen und trotzdem Raum haben, etwas zu sagen, eine Botschaft zu vermitteln – besonders für Leute, die sich jetzt zu allem ihre Meinung bilden wollen.

Bei Themen meiner Arbeit rund um Feminismus, Ungleichheit der Geschlechter oder queere Themen stelle ich oft fest, dass ich gegen Giganten kämpfe – wobei die Filmgeschichte voller sexistischer Erzählungen, passiver weiblicher Charaktere und unsichtbarer Minderheiten ist.

Ich weiß, dass junge Menschen immer nach der anderen Seite dessen suchen, was ihnen erzählt wird, nach einem kleinen Loch im System, nach einer rebellischen und befreienden Perspektive. Wenn ich ihnen das anbieten kann – sowohl für das Gefühl der Erleichterung als auch um etwas zu lernen -, dann wäre ich mehr als motiviert, weiterzumachen!

Kannst Du Dir vorstellen über die beiden einen Langfilm zu erzählen? Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich arbeite gerade an einer Fortsetzung von „“M”“. Johnny und Romi werden ihren alltäglichen Spaß fortsetzen, während sie Geschlechterstereotypen töten und ihre Telefone, Schlüssel und sich gegenseitig verlieren (und finden). Es wird ein Anthologie-Spielfilm sein – drei Geschichten, die an verschiedenen Schauplätzen und mit ähnlichen Charakteren spielen. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „“M”


Interview: In our conversation with the Slovakian filmmaker Gabriela Gažová, we were able to learn more about her wonderful coming-of-age short film ““M”“, seen in the ‘Youth Block’ of the 32nd Filmfest Dresden, how her own life experiences helped shape the story, what was important to her visually and acting-wise, and whether there will be more stories with the two sympathetic main heroines.

How did the idea for your short film ““M”” come about? Do your own memories or experiences play a role?

Many characters and situations in the film are, indeed, inspired by (my) real life. Most of the dialogues and scenes happened (in one version or another) between me and my friends. I was the one crying in the back of the classroom, refusing to (ever!) get my period – let alone show enthusiasm to the over-hyped-up period products sales-woman! There was always a certain rebellion present in my teenage years and I wanted to reflect back on it and use it to show a bit of the gender inequality part of our experiences.

The first scene I wrote was actually the one where Johnny and Romi prank their sports teacher by faking a bloody scene at the pool. This never really happened in real life, but I guess it had always been my dream!

Your two main characters radiate so much exuberant lightness. What was especially important to you in the development of these two characters?

Thank you so much! I think humor is especially important when working on serious topics, isn’t it? I like to use the lightness and situational humor to send the message out – and also, it is a perfect way to break various (gender) stereotypes and archetypes. When it comes to the character of Johnny, I wanted to have a passionate and determined lead that is always driven to protest and change something – even when not completely sure what is wrong. I was trying to be careful not to make her too angry or spoiled – not that being angry or spoiled wouldn’t be valid things to be – but it’s important to balance it out with diverse nuances. In Johnny’s case they were represented by a bit of softness, calmness – here and there. The character of Romi was initially drafted as the quirky friend, but we added a bit of realness to her later, written her into the band, tried to keep her open-minded and unconventional yet very down-to-earth – when necessary.

The cast of the two is also wonderful. How did you find Sisa Mokošová and Julianna Ťahúňová?

Thank you again – and the applause also goes to our actresses! Sisa and Julianna both attended our auditions – interestingly enough they never had their casting scenes together. But after we had chosen them and had them meet for the first time (we had a proper teenager sleepover!) we knew we had a match.

I remember distinctly when I spotted Sisa for the first time – she was really a natural. She was absolutely effortless with improvisation, never ran out of ideas of what to do with the scene.

I will never forget how our make-up artist came to do their Halloween masks during the filming of the rehearsal room scene, and she just assumed that Sisa and Julianna were long-time best friends and band-mates. And they had just met two days ago and both learnt to play the instruments in a day (!). Fourteen year old girls are insanely fast and skilled.

What was important to you visually? On the one hand, your film is composed of thoroughly composed images, but on the other hand, it also contains almost documentary descriptions of everyday life.

Thank you for noticing. For the visuals I have to thank our amazing DOP Liza Nedayvoda who has been an irreplaceable part of the operation! We both wanted to play around with big details, trying to resemble the perception and perspective of the young girls as much as possible. When I met Liza for the first time, she was only 17 years old, a real prodigy of the film school at such a young age. And she said – “great we are making a film about teenagers, and it’s also great that I am so tiny! (as in, not tall) I will fit between them perfectly!” And she did. Also the color schemes were especially important in our storytelling – you can notice how fragments and props of blue change into red and many other details.

Did you conceive your film primarily for a young audience? Was a message or a statement close to your heart?

I love the young audience. This is my first film and it really helped me to realize that working with (and for) teenagers and young adults could be my calling! I consider teenagers to be amazingly present, smart, honest and perceptive at the same time – and I also love that they are having so much fun! I enjoy making stuff that is allowed to be light, playful and still have a space to make a point, bring out a message – especially to people who are now trying to form their opinion on everything.

With topics of my work surrounding around feminism, gender inequality or queer topics I often find myself to be fighting against giants – with film history being full of sexist narratives, passive female characters and invisible minorities…

I know that young people are always looking for the other side of what is being told to them, for a little hole in the system, for a rebellious and freeing perspective. If I can offer that to them – for both the sense of relief and something to learn – – I’d be more than motivated to keep going!

Can you imagine telling a feature-length film about them? Are new projects already planned?

I am working on a sequel to ““M”” right now. Johnny and Romi will continue their everyday fun while killing gender stereotypes and losing (and finding) their phones, keys and each other. It will be a feature anthology film – three stories taking place in different settings, with similar characters. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm ““M”” 

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