Sechs Fragen an Peiman Zekavat

Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher und Kameramann Peiman Zekavat erfuhren wir mehr über seinen Lockdown-Kurzfilm „E 14“, der auf dem 63. DOK Leipzig seine Europapremiere feierte, wie er die besondere Pandemie-Situation nutzt, um über die Okonomie des Wohnens zu reden und wie lange er seine Mitmenschen beobachtet hat und wie es sich angefühlt hat.

The original english language interview is also available.

Die Corona-Pandemie hat uns alle getroffen und auf einmal mussten wir zuhause bleiben. Du machst aus dieser Not eine Tugend und hast den Film „E14“ geschaffen – war Dir von Anfang klar, dass daraus ein eigenständiger Kurzfilm entstehen sollte?

Ganz und gar nicht, es war buchstäblich wie die Pandemie selbst, ohne eine klare Vision, was als nächstes passiert oder wie der fertige Film aussehen wird.

Wie viel Material und über welchen Zeitraum hast Du gefilmt? Wie hast Du deinen roten Faden für Deinen Kurzfilm gefunden?

Ich habe nur zwei Wochen lang gefilmt, weil ich nicht mit stundenlangem Filmmaterial dastehen wollte, und ich wollte nur die ersten Wochen des Lockdowns dokumentieren, als wir alle etwas Neues erlebten. Also entschied ich mich, die ersten zwei Wochen des Lockdowns in London zu filmen, da 14 Tage der Zeitraum war, den die Regierung riet, sich selbst zu isolieren, wenn man die Symptome hat.

Wie gesagt, ich hatte keine Ahnung, was ich tat, ich wachte einfach jeden Tag um 7 Uhr morgens auf, baute die Kamera auf und filmte bis 18 Uhr alles, was mich interessierte. Es war wie ein Vollzeitjob. Ich glaube, jetzt, wo ich es betrachte, wollte ich eigentlich nur die Zeit totschlagen. Nach zwei Wochen begann ich dann mit dem Schnitt, und das war die eigentliche Herausforderung. Es war wie ein 1000-teiliges Puzzle ohne ein klares Bild.

Dein Off-Kommentar führt Deinen Kurzfilm weg von reinem Beobachten und beschäftigt sich mit der Ökonomie des Wohnens und gesellschaftliche Strukturen. Kannst Du mir mehr zu sagen, was Dir als Botschaft am Herzen lag.

Richtig, du hast absolut Recht. Für mich geht es in diesem Film weder um das Coronavirus noch um die Pandemie, sondern um die Probleme, die eine dichte Bebauung für eine Nachbarschaft mit sich bringt. Das ist etwas, worunter ich selbst leide, seit ich vor zehn Jahren hierher gezogen bin.

Jedes Jahr gibt es eine neue Bebauung in der Gegend. Die Dichte führt zu einem Mangel an Sonnenlicht, da diese Gebäude das Licht, das für Spielplätze und Parks benötigt wird, täglich blockieren. Man nennt es ‚das Recht auf Licht‘, das durchweg ignoriert wird. Dazu kommt das Problem des sozialen Wohnungsbaus und der leeren Wohnungen, da die meisten Eigentümer ausländische Investoren sind oder gar nicht in der Gegend wohnen und diese Wohnungen nur zum Zweck des Profits gekauft haben, während die Einheimischen aus der Stadt vertrieben werden.

Aber um diese Probleme anzugehen, musste ich die Gegend als Charakter etablieren, und die Pandemie war der beste Vorwand, um eine solche Charakterentwicklung zu betreiben. Die Idee war also, den größten Teil des Films damit zu verbringen, dem Publikum diese Gegend und den Humor, der mit der Pandemie einhergeht, vorzustellen, während man nach und nach die Problematik einführt. Es sind die letzten drei Minuten des Endes, in denen das eigentliche Konzept einsetzt, wie ein Twist, dann ist es nicht mehr humoristisch.

Beim Betrachten bekommt man von Zeit zu Zeit ein voyeuristisches Gefühl –  hattest Du manchmal sozusagen Skrupel, das Leben der Anderen festzuhalten? 

Das tat ich. Als Nachrichten- und Dokumentarfilmer wusste ich natürlich, dass ich nur diejenigen filmen darf, die von der Straße aus sichtbar sind (in anderen Ländern ist das nicht das gleiche Gesetz). Deshalb habe ich nicht in den Häusern der Leute gefilmt und bin bei Tagesaufnahmen geblieben, weil das Innere bei Nacht automatisch sichtbar wird.

Aber wie ich bereits erwähnt habe, geht es in dem Film um die Probleme, die durch die starke Bebauung auf engem Raum entstehen, und die Privatsphäre ist sicherlich eines dieser Probleme, da das eigene Fenster 300 anderen Fenstern gegenüber liegt. Um das darzustellen, musste ich zum Voyeur werden, und das war beabsichtigt, da wir zu Beginn des Films auf Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ [1954] verwiesen haben.

Was mich am meisten erstaunte, war zu sehen, wie verzweifelt wir während des Lockdowns durch die begrenzten Außenräume unserer Fenster oder Balkone mit der Außenwelt in Verbindung treten wollen.

Kannst Du Dir eine Fortsetzung vorstellen, da wir ja in der Pandemie wieder in einer ähnlichen Situation sind?

Tatsächlich haben wir darüber gescherzt, „E15“ zu machen, aber ich denke, ich bin fertig mit Lockdown-Filmen. Wie ich bereits erwähnt habe, war der Hauptgrund, den Film zu machen, die Probleme darzustellen, die mit dichten Bebauungsgebieten einhergehen, und ich denke, das haben wir mit „E14“ geschafft.

Zum Schluss würde ich gerne mehr von Dir erfahren? Wie kamst Du zum Dokumentarfilm und stehen schon neue Projekte an? 

Aufgrund der aktuellen Einschränkungen ist es schwer, rauszugehen und zu filmen. Drei meiner aktuellen Projekte sind derzeit auf Eis gelegt. Aber das wichtigste dreht sich um den Brexit und die Fischfangquoten. Ich habe ein Jahr lang eine kleine Fischergemeinde im Süden Englands begleitet, kann aber aufgrund der Einschränkungen derzeit nicht mit ihnen filmen.

Ich habe vor etwa acht Jahren als Kameramann angefangen, so bezahle ich immer noch meine Miete. Aber in den letzten zwei Jahren habe ich angefangen, nebenbei meine eigenen kurzen Dokumentarfilme zu drehen, wann immer ich freie Zeit fand. Ich betrachte mich nicht wirklich als Dokumentarfilmer, da ich nur die Ereignisse filme, wie sie passieren, vielleicht bin ich in diesem Stadium nur ein neugieriger Kameramann. Aber ich würde gerne meine Miete mit dem Dokumentarfilmemachen bezahlen, vielleicht eines Tages.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „E14


Interview: In our conversation with filmmaker and cinematographer Peiman Zekavat, we learned more about his lockdown short film “E14,” which had its European premiere at the 63rd DOK Leipzig, how he uses the special pandemic situation to talk about the economics of living, and how long he spent watching his fellow human beings and how it felt.

The Corona pandemic hit us all and suddenly we had to stay at home. You made a virtue out of this hardship and created the film “E14” – was it clear to you from the beginning that it should become a short film?

Not at all, it was literally like the pandemic itself, with no clear vision on what happens next or what the final film will look like.

How much footage and over what period of time did you film? How did you find the common thread for your short film?

I filmed only for two weeks, that’s because I didn’t want to end up with hours of footage, and I just wanted to document the first weeks of the lockdown when we were all experiencing something new. So, I decided to film the first two weeks of the London’s lockdown, as 14 days was the period that the government advised to self-isolate if you have the symptoms.

Having said, I had no clue what I’m doing, I just woke up every day at 7 am, set up the camera and film whatever that interested me till 6 pm. It was like a full-time job. I think now that I look at it, I just wanted to kill time really. Then after two weeks, I started the edit and that was the real challenge. It was like a 1000-piece puzzle without a clear picture.

Your off-camera commentary takes your short away from pure observation and deals with the economics of housing and social structures. Can you tell me more about what you had at heart as a message?

Correct, you are absolutely right. To me this film is not about coronavirus nor the pandemic, it’s about the issues that dense developments bring to a neighbourhood. This is something I myself was suffering from since I moved here 10 years ago.

Every year there is a new development in the area. The density leads to a lack of sunlight as these buildings block the light needed for playgrounds and parks on daily bases. It is called “the Right to Light” which is ignored throughout. Then comes the issue of social housing and empty flats as most owners are foreign investors or they don’t even live in the area and purchased these accommodations purely for the purpose of profit, while the locals are being moved out of the city.

But in order to address these issues, I had to establish the area as a character, and the pandemic was the best excuse to do such character development. So, the idea was to spend the majority of the film to introduce the audience to this area and the humour which comes with it during the pandemic, while gradually feeding in the issues. It’s the last 3 minute of the end which the actual concept kicks in, like a twist, then it’s no longer humoristic.

Watching it, one gets a voyeuristic feeling from time to time – did you sometimes have qualms about capturing the lives of others?

I did. Obviously, as a news and documentary camera operator, I knew I can only film those who are visible from the street level (it’s not the same law in other countries tho). Therefore, I didn’t film inside people’s houses and stick with day shots because the internal will automatically become visible at night.

But as I mentioned, the film is about the issues created by heavy development in one small space, and privacy is certainly one of these issues as your window is facing 300 other windows. To portray this, I had to become a voyeur, and this was intentional, as we referenced Hitchcock’s Rear Window at the opening of the film.

What amazed me most, was to see how desperate we are to connect with the outside world during the lockdown through the limited outdoor spaces of our windows or balconies.

Can you imagine making a sequel, since we are again in a similar situation in the pandemic?

Actually, we were joking about making “E15”, but I think I’m done with lockdown films. As I mentioned, the main reason to make the film was to portray the issues which come with dense development areas, and I think we did that with “E14“.

Finally, I would like to learn more about you. How did you get into documentary filmmaking and do you have any new projects lined up? 

Due to the current restrictions, it’s hard to get out there and film, three of my current projects are on hold at this stage. But the main one is about Brexit and fishing quotas as I’ve been following a small fishing community in the south of England for a year, but currently can’t film with them due to the restrictions.

I started as a camera operator around 8 years ago, that’s how I still pay my rent. But in the last two years, I started making my own short documentaries on the side, whenever I found free time. I don’t really consider myself as a documentary filmmaker, as I just film the events as they occur, perhaps I’m just a curious cameraman at this stage. But I would love to pay my rent with documentary filmmaking, perhaps one day.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “E14” 

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