Fünf Fragen an Anna Theil

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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseurin Anna Theil konnten wir mehr über ihren Anime-Dok „Stumm“, der auf dem 63. DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte, erfahren, wie es dazu kam, dass sie sich entschied, eine so persönliche Geschichte als Animationsfilm zu erzählen. 

Kannst Du mir zum Ursprung Deines Films erzählen?

Stumm” ist eine sehr persönliche Geschichte, die ich 5-6 Jahre als Filmidee mit mir herumgetragen habe. Ich war mir ursprünglich nicht sicher, ob es auch für andere Menschen relevant sein könnte, habe dann aber viel und breit zur Thematik „Familiengeheimnisse“ allgemein und im speziellen gelesen und recherchiert und mich mit anderen Stasi-Kindern getroffen. Darüber hinaus habe ich angefangen mit FreundInnen über meine Erlebnisse als Jugendliche und die Auswirkungen bis in den heutigen Alltag zu reden. Den letzten Anstoß gaben mir Personen aus meinem Umfeld (sowohl privat als auch im Filmbereich), die mich immer wieder motiviert haben, weiter zu machen. 2018 schließlich wurde ich mit meiner Idee zum Kurzfilm-Pitch zum Dok Leipzig eingeladen und bekam viel gutes Feedback zur Thematik. Warum es dann noch zwei Jahre dauerte, bis der Film fertig wurde, lag einzig an der Finanzierung. Denn auch wenn z.B. beim Pitch alle begeistert nickten: Geld wollte mir keiner geben.

War Dir gleich klar, dass Du diese Geschichte als Animationsfilm erzählen willst?

Ja, es war von Anfang an der Plan, denn ich wollte keine Talking Faces, also insbesondere keine aktuellen Gesichter zeigen. Das hätte für mich nicht gepasst und ausserdem ist meine Geschichte ja eine von vielen, also universell. Die Stasi-Kinder, die ich getroffen habe, haben ähnliche emotionale Achterbahnfahrten durchgemacht, reden aber zumeist nicht darüber, weil es nachwievor irgendwie Tabu ist.

Ehrlich gesagt wollte ich auch irgendwie meine Familie nicht mit reinziehen. Weil, wie im Film schon gesagt: Es könnte auch heute noch Konsequenzen haben.

Woher stammt das Originalmaterial, das Du in den Film einbaust?

Das sind zum einen die Fotos aus meiner Kindheit und Jugend, aus der Fotokisten meiner Mama. Die Zeitungsartikel habe ich mühselig im Zeitungsarchiv recherchiert und dann kopiert. Na und die Objekte für das Stop-Motion habe ich bei mir und Freundinnen zusammen gesammelt: Pioniertuch, roter Stern usw. und die tollen Bravo-Aufkleber habe ich von einem sehr netten Menschen online ersteigert.

Was lag Dir bei der Umsetzung und den Zeichnungen am Herzen?

Film ist ja immer Team-Arbeit. Für den Film war klar, das es ein sehr vertrautes Team sein muß. Sven Heußner, der den Film von Anfang an begleitet hat, hat dann mit mir auch das Interview geführt, auf dem die Tonspur beruht. Den Tonmann Achim kenne ich auch schon sehr lange, daher waren es perfekte Voraussetzungen für die sehr offene und natürliche Tonaufnahme. Ich bin nämlich nicht so die Showmasterin und verstecke mich lieber hinter den Aufnahmegeräten als davor zu sitzen!  

Mir war wichtig, das die Geschichte sich auf das Thema Schweigen-Verschweigen konzentriert, damit auch universeller wird und nicht die Geschichte meines Vaters erzählt wird. (Letzteres wäre übrigens auch interessant, aber ein anderes Thema.) Dabei hat Sven mir viel geholfen: also mit Blick von außen immer wieder den Fokus zu finden.

Das große Problem waren für mich die Zeichnungen: ich kann absolut nur krumme Strichmännchen malen, hatte aber schon konkrete, sehr aufs wesentliche reduzierte Bilder im Kopf, aber auch wenig Geld. Und dann erinnerte ich mich an meine alte Kindergarten- und Schulfreundin und sie hat sofort zugesagt! Das war ein echter Glücksfall, denn sie hat quasi die Bilder aus meinem Kopf umgesetzt, also ich hatte fast nichts hinzuzufügen. Ihre Entwürfe entsprachen immer genau meinen Gedanken, die sie zum Teil noch mit eigenen Ideen erweitert hat. Das war toll und faszinierend und ging dadurch relativ schnell. Ich habe im Frühjahr nicht geglaubt, das der Film während des Lockdown und kleinen Kindern zu Haus fertig werden würde.

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen? Wirst Du dem Anime-Dok treu bleiben?

Ich bin Jahrgang 1977, in Berlin aufgewachsen. Ursprünglich habe ich Geografie studiert, liebe es auch heute noch, habe mich aber beruflich umorientiert und noch einmal studiert: Dokumentarfilm und Montage. Das heißt ich bin eigentlich Editorin und habe zehn Jahre lang Dokumentarfilme für andere montiert und dramaturgisch beraten. Daneben mache ich noch Filmprojekte mit Kindern und Jugendlichen, das ist für mich immer eine sehr schöne und kurzweilige Arbeit neben den langwierigen Dokumentarfilmen.

2019 habe ich als Regisseurin eine Auftragsarbeit, eine Art Werbefilm für eine freie Schule, gemacht. „Stumm” ist mein erstes richtiges freies Werk als Autorin/ Regisseurin. Die Mischung aus Doku und Animation findet sich in fast allen meiner eigenen Werke, auch bei den Filmen die in den Workshops mit den Kindern entstehen. Das heißt, ja, ich werde hoffentlich noch mehr davon machen, es gibt dazu auch schon Skripte und Interviews, die irgendwann aus der Schublade geholt werden.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ein konkretes Projekt habe ich 2019 recherchiert, das hat vorübergehend geruht, weil ich ja „Stumm” umgesetzt habe. Es ist ein Dokumentarfilm zum groben Thema Freiheit vor der schönen Kulisse der Sächsischen Schweiz (in der ich übrigens viel Zeit verbringe und dabei auf das konkrete Thema gestossen bin). Für das Projekt versuche ich gerade eine Finanzierung zu schließen und dann hoffentlich in diesem Spätsommer/ Herbst schon drehen zu können.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Stumm

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